Saturn kehrt zurück
Noah Haidle

Interview mit Noah Haidle: Everything dies, baby, that’s a fact

Anlässlich der Österreichischen Erstaufführung von Noah Haidles Stück "Saturn kehrt zurück" hat sich unsere Dramaturgie mit dem Erfolgsautor zum Gespräch getroffen.
Veröffentlicht am

Alle dreißig Jahre hat der Saturn einmal die Sonne umrundet in Noah Haidles Stück Saturn kehrt zurück begegnet uns Gus (Rudolf Melichar) mittlerweile 88, der in einer Art Erinnerungsraum auf den Tod wartet, in drei verschiedenen Stadien seines Lebens. Zehn Jahre nach seiner Entstehung wird dieses tragikomische Kammerspiel nun endlich von Sara Abbasi im Burgtheater Vestibül inszeniert. Im Gespräch mit dem Dramaturgen Florian Hirsch spricht Noah Haidle über Herkunft und Paralleluniversen, über Beethoven, Liebe und Tod. 

Noah, hast du einen Lieblingsplaneten? 

Auf jeden Fall Pluto. Weil er so viel Scheiße abbekommen hat. Planet, kein Planet, dann doch wieder: Planet. Als Pluto endlich seinen verdienten Planetenstatus zurückerlangt hatte, hörte ich einen Radiomoderator sagen: „Willkommen zurück, Pluto. Es ist, als wärst du niemals weggewesen.“ Da musste ich kurz kichern. 

Glaubst du an Paralleluniversen?  

Unbedingt.

Saturn kehrt zurück und die meisten anderen deiner Stücke spielen in deiner eigenen Heimatstadt, Grand Rapids, Michigan, mitten im Mittleren Westen der USA. Mir scheint, sie hat in deinem Werk eine ähnliche Funktion wie etwa Ibsens norwegische Kleinstadt oder Faulkners Yoknapatawpha County. Grand Rapids ist ein Brennglas. Weil die existenziellen Fragen ohnehin überall die gleichen sind. 

In Grand Rapids ist die Imagination meines Herzens zuhause. Ich glaube, das geht den meisten Menschen so mit ihren Heimatstädten. Wenn ich dich bitte, dir ein Kinderzimmer vorzustellen, ist die Wahrscheinlichkeit verdammt groß, dass es dein eigenes Kinderzimmer sein wird. Die Stadt Grand Rapids an sich ist ziemlich ... whatever. Eine vollkommen durchschnittliche Stadt im Mittleren Westen. Schaut man von außen drauf, gibt es dort wirklich gar nichts Besonderes. Selbst heute noch, wenn ich meine Eltern besuche, denke ich: Warum zum Teufel lasse ich meine Stücke immer wieder ausgerechnet hier spielen? Doch dann schreibe ich das nächste Stück – und wenn ich mich dann selbst bitte, mir ein Kinderzimmer vorzustellen, ist es eben mein eigenes. Und dann schreibe ich das nächste Stück ... 

Klingt Beethoven im Mittleren Westen anders als in Wien (wo die 6. Symphonie, die in Saturn kehrt zurück eine zentrale Rolle spielt, einst uraufgeführt wurde?

Ich höre sie gerade, in diesem Moment, die 6. Symphonie.  Es ist allerdings nicht so, dass ich sie zufällig sowieso gerade gehört habe - ich habe sie aufgelegt, weil du die Frage gestellt hast. Da ich nicht beurteilen kann, wie die 6. Symphonie in Wien klingt, vermag ich nur zu sagen: Hier klingt sie sublim und genial. Ich hoffe, in ihrer eigenen Heimatstadt klingt sie mindestens genauso perfekt. 

Wer sind diese Figuren, die du schreibst? Wie findest du sie? Wie lebst du mit ihnen? Wie ... fütterst du sie? Wie lässt du sie wieder los? 

Hmmmm. Das ist eine dieser Fragen an Dramatiker, wo ich jedes Mal sehr skeptisch werde, wenn ich die Antworten lese. 
Zum Beispiel: „Es ist, als würden die Figuren mich schreiben" oder „Es ist, als säße ich mit den Figuren in einem Raum und würde ihnen ... diktieren". Ich versuche einfach, so viel wie mir in diesem Moment eben möglich ist, selbst zu schreiben, und hoffe dann, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler den Rest ausfüllen. Es ist eine Erfahrung, die nicht vielen Menschen vergönnt ist – du schreibst den Satz „Also, lasst uns essen gehen!" oder irgendetwas ähnlich Harmloses, und dann hast du einen Schauspieler, der diesen Satz auf eine ganz besondere Weise sagt, und sofort siehst du, als Dramatiker, einfach glänzend aus, weil „du" eine interessante Figur erschaffen hast, obwohl es eigentlich der Schauspieler war, der das gemacht hat, nicht ich, überhaupt gar nicht ich. Klingt das wie Bullshit? Weil: es ist keiner. Was das Loslassen angeht: Mindestens einmal am Tag denke ich an all die schlechten Sätze, die miserablen Zeilen, die ich geschrieben habe und sage mir selbst, dass ich der schlechteste Autor der Welt bin. Mit jedem Stück werden es naturgemäß auch mehr schlechte Sätze, an die ich mich später erinnern muss. Will heißen: Du lässt sie niemals los. Sie lassen dich nicht los. 

Glaubst du, Noah Haidle-Stücke klingen anders in Wien als im Mittleren Westen?  

Am Abend des 20. Jänner, der Österreichischen Erstaufführung von Saturn kehrt zurück werde ich es dich wissen lassen.

Wenn Samuel Beckett ununterbrochen die Platten des frühen Bruce Springsteen gehört hätte, würde er Stücke wie Noah Haidle schreiben. Wärst du beleidigt, wenn ich das öffentlich behaupten würde?

Beleidigt? Ich würde mich geehrt fühlen. In meinem Lieblingssong des frühen Bruce Springsteen, Atlantic City, singt der Boss: „Well now everything dies, baby, that' a fact / But maybe everything that dies someday comes back / Put your makeup on, fix your hair up pretty / And meet me tonight in Atlantic City". Wenn es ein besseres Modell gibt, das Leben und das Sterben auszuhalten, kenne ich es jedenfalls nicht. Yeah, wir werden sterben, gut, ok, dann lasst uns wenigstens was Schönes anziehen und Party machen.

Hast du Angst vor dem Tod? 

Theoretisch: nein. Praktisch: keine Ahnung. Ich hoffe nur, ich habe dann wenigstens noch ein paar Sekunden, um mich für die Zeit zu bedanken, die ich hier verbringen durfte.

Glaubst du an die Liebe?

Jeder einzelne wahrhaftige Ausdruck von Liebe verändert die Welt. 

Wie stellst du dir dein Leben mit 88 vor?

Beethoven hörend, die 6. Symphonie, in Wien. Glückselig darüber nachdenkend, wie diesem Kind aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen so viel Glück beschert wurde, dass es so weit reisen konnte, im ewig neuen und niemals endenden Versuch, sein Herz auf die Bühne zu werfen. Und dabei werde ich Apfelstrudel essen. 


Interview und Übersetzung aus dem Amerikanischen: Florian Hirsch. 

Das Interview erschien in der Jänner/Februar 2018-Ausgabe des Burgtheater Magazins (S. 19). 

Die Österreichische Erstaufführung von Saturn kehrt zurück findet am 20. Jänner 2018 im Vestibül statt. 

zurück zur Übersicht