Die Engelsburg

von Zsófia Bán

Die ungarische Schriftstellerin Zsofia Bán verlegt die Engelsburg an die Ufer der zugefrorenen Donau.

Engelsburg

In dem Jahr war die Donau total zugefroren, so war es doch, oder? Man konnte locker auf die andere Seite hinübergelangen. Damals war sie schon seit sieben oder acht Jahrzehnten nicht mehr so dick zugefroren gewesen. Aber daran erinnern sich nur noch die Ältesten und die mittelmäßig Alten. Die Jüngsten haben keinen Schimmer davon, wie kalt es früher war. Sie sind überhaupt nicht in der Lage, die früheren Zeiten mit den späteren Zeiten zu vergleichen. Die Gegenwart geht auf sie hernieder wie ein prasselnder Eisregen. Sie meinen zu wissen, sie glauben, dass früher alles ganz anders war. Glauben muss man in der Kirche, meine Liebe, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Eines Morgens fror die Donau wie die Wolga im frostigen Winter von, ’42 bei Stalingrad so zu, dass man sie sogar mit einem Panzer hätte überqueren können. Na gut, so sehr vielleicht doch nicht, aber die Möglichkeit lag durchaus in der Luft. Daran erinnern sich aber wirklich nur die Ältesten. An dem Morgen, als die Jüngsten noch den Schlaf der Gerechten schliefen, rührten und schlürften die Ältesten und die mittelmäßig Alten gerade ihren Kaffee, sahen dabei müde aus den mit Eisblumen bedeckten Fenstern und mit einem Mal dort draußen schien es, als fände plötzlich eine totale Sonnenfinsternis statt. Trotzdem wussten sie instinktiv, dass sich nicht die Sonne verfinsterte, nur wussten sie nicht, was es sonst sein mochte. Sie spürten es, wussten es nur nicht. So etwas kommt vor. In der plötzlich eingetretenen, gespenstischen Dämmerung sahen sie, dass sich die Vergangenheit wie eine unerwartete Verwerfung auf die Gegenwart schob und sie genau passgerecht überdeckte. In Wirklichkeit war es unmöglich festzustellen, ob sich das eine auf das andere schob oder aber das andere auf das eine. Sie kniffen die Augen zusammen, konzentrierten sich, verdeckten das eine Auge, dann das andere, wechselten die Brille, aber nein. Schlussaus. Bis die Jüngsten aufwachten, war die Naturerscheinung vorbei und nur das Eis blieb.

Károly, der ängstliche Metzger aus dem Fleischparadies, sagte schon seit einer Weile, während er die Pferdewurst kopfschüttelnd über die Theke reichte, dass dies noch Ärger geben würde, und gewiss keinen kleinen Ärger, küss die Hand, sondern einen großen. Genau das sagte Károly immer, und zwar so oft, dass die Leute aus der Gegend es gar nicht mehr hörten und es, bis sie mit der Pferdewurst zu Hause angekommen waren, schwuppdiwupp auch schon vergessen hatten. Und da fror die Donau jetzt wirklich zu.

Zuerst freuten sie sich natürlich, weil sie sich erinnerten, wie fröhlich es früher auf dem Eis zugegangen war, die Kinder waren Schlittschuh gefahren, die jungen Mütter hatten mit roten Wangen den Kinderwagen über den sicheren Eispanzer geschoben, andere gingen mit ihren Hunden Gassi, seriöse Männer schnitten kleine Eislöcher und angelten fröhlich, sie tranken Glühwein, wärmten sich die Hände mit ihrem Atem und grölten. Wenn jemand gerade Lust hatte, die auf der anderen Seite zu besuchen, konnte er locker hinüber spazieren.

Als sie ihren Morgenkaffee getrunken hatten, kamen auch schon die Nachrichten. Seit gut ein paar Jahren wurde die Radiosendung, die eine, die es gab, aus der Engelsburg ausgestrahlt. Die Engelsburg war ein sogenannter multifunktionaler Gebäudekomplex, der ursprünglich als ein Königsschloss gebaut worden war. Eine Zeitlang diente er auch als Museum, doch daran erinnerten sich nur noch die Ältesten und die mittelmäßig Alten. Seit es keine Theater, Universitäten und Museen mehr gab, war die Engelsburg gleichzeitig Regierungssitz, zentrale Unterhaltungsinstitution (Engelsburgtheater), Gefängnis und Rundfunksender. Four in one. Tagsüber wurde regiert, und die Theateraufführungen begannen schon am Nachmittag, da später, gegen Abend, die Geräusche von den Verhörräumen her lauter wurden. Die Engelsburg funktionierte mit hundertprozentiger Auslastung, noch dazu mit Sonnenkollektoren. Deshalb wurde der Chefingenieur manchmal auch Sonnengott genannt, was durchaus witzig war, da er zu blauen Hosen braune Socken trug. Er hatte keinen blassen Schimmer von Mode. Aber weiter, Eile ist angesagt.

TOSCA

Ein rigides politisches System kurz vor dem Zusammenbruch. Die Liebe zwischen einem von der Obrigkeit argwöhnisch betrachteten Maler und einer gefeierten Sängerin und Staatskünstlerin. Ein politischer Gefangener,der aus dem Hochsicherheitsgefängnis geflohen ist. Ein Polizeichef unter Zugzwang. Victorien Sardous Erfolgsstück von der Mitte des 19. Jahrhunderts (das Puccini zum Libretto für seine Oper umarbeiten ließ), ist ein hochexpressives Drama um Liebe und Verrat, hehre Ziele und schmutzige Methoden. Für Autorin Kata Wéber und Regisseur Kornél Mundruczó aus Budapest, die das Stück für heute neu fassen, ist es ein Stück über die Kunst unter den Bedingungen politischer Repression und die Essenz ihrer Erfahrungen als Künstler*innen unter zwei Regimes.

Aus der Engelsburg bot sich eine schöne Aussicht auf die Stadt, was nicht nur unter touristischen, sondern auch ausländerbehördlichen und militärischen Gesichtspunkten praktisch war. Die Morgennachrichten sprach der Chefingenieur selbst, und zwar Punkt acht, indem er auf den Balkon hinaustrat, der eigens an seine Suite angebaut worden war. Wenn die Stadtbewohner auf die andere Seite hinüberschauten, konnten sie seine Gestalt in der Ferne erblicken, wie er in seiner kleinen kugelsicheren Weste, die für seine kleine, untersetzte Figur angefertigt worden war, auf dem Balkon stand, jeden Morgen, ob es stürmte oder schneite, bei Wind und Wetter. In ihrem Leben bedeutete das den sicheren Punkt, für den sie dankbar waren, weil er ihnen das Gefühl von einer irgendwie gearteten Ordnung gab.

Die Regierung hält die Stellung, das Volk behält die Ruhe

An jenem Morgen sagte der Chefingenieur beispielsweise – und damit hatten tatsächlich nicht einmal die Ältesten gerechnet –, dass es nicht nur untersagt sei, das Eis der Donau zu betreten, sondern dass zugleich auch die Brücken für unbestimmte Zeit abgesperrt würden. Jeder solle auf seinem Popscherl bleiben, so sagte der Chefingenieur, denn er mochte die volkstümlichen Wendungen, nur das Volk selbst, das mochte er nicht so sehr. Darüber hinaus war nichts sicher. Eine Ausgangssperre werde er vorerst nicht verhängen (das war die gute Nachricht – denn der Chefingenieur achtete stets darauf, dass es auch eine gute Nachricht gab), jedoch solle in Anbetracht der grimmigen Wetterlage nur der telefonieren, für den es lebenswichtig sei, damit man die Leitungen nicht überlaste. All dies schien zu dem Zeitpunkt vollkommen rational. „Die Regierung hält die Stellung, das Volk behält die Ruhe“, dies stand als Schlagzeile auf dem Titelblatt der Zeitung. Gleichzeitig, fuhr der Chefingenieur in ruhigem Ton fort, werde auch der internationale Zugverkehr eingestellt und auf unbestimmte Zeit eine Grenzsperre verhängt. Den Ältesten und den mittelmäßig Alten dämmerte hier plötzlich etwas, nur wussten sie nicht, was das war. Es lag ihnen schon auf der Zunge, so dass es sie fast verrückt machte – aber nein. Schlussaus.

Eine Immunkrankheit, tuschelten manche, wir futtern unsere Reserven auf und erfrieren! Kleine Eiszeit? Klimakatastrophe? – oder etwas anderes? Ach was!, andere winkten ab. Dekompressionskrankheit, klarer Fall! In diesen Augenblicken erinnerten sie sich an jene Partisanentruppen, die am Vorabend des Großen Emporkommens von neunundachtzig zum schrittweisen Vorgehen gemahnt hatten: ein zu schneller Aufstieg könne tödlich sein. Stumme Fische begleiteten ihre davonschwimmenden Gestalten als zuverlässige Zeugen. Seitdem hatte sie keiner gesehen. Klare Fälle gibt es nicht, erklärten die Magyaren keck, es lebe die nationale Kompliziertheit! Und so weiter und so fort, ohne Ende.

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Zur Zeit des Großen Emporkommens hatte man natürlich nicht auf sie gehört. Wer will schon immer diese Unkenrufe hören. Man winkte ab, man grölte, heissa, wir sterben nie!, man schrie und sang, so wie es die Magyaren eben tun. Aber jetzt einmal ehrlich, wer kann dem über der Oberfläche schimmernden, rufenden Sonnenschein schonwiderstehen? Dem seidigen Versprechen freier Luft? Dem aufregenden Duft der von Taucherkleidung befreiten Haut? Na bitte.

Dann zog die Zeit ins Land. Diese Kleine Eiszeit dauerte noch einige Jahre an und ähnelte immer verdächtiger der Großen Eiszeit. Dem einen versagte die Lunge, dem anderen die Leber oder das Herz den Dienst. Die Menschen starben, einer nach dem anderen, überall im Land herrschten Trauer und Vernichtung.

Eines Morgens wurden die Ältesten, die mittelmäßig Alten und die Jüngsten durch ein lautes Getöse geweckt. Keiner wusste, was das sein mochte, am ehesten glich es dem Knattern von Maschinengewehren, und es war, als käme es aus Richtung der Engelsburg. Den Ältesten fiel dabei wieder etwas ein, aber auch diejenigen ahnten Schlimmes, denen nichts einfiel. Eilig schlüpften sie in warme Sachen und rannten ans Donauufer hinaus, obwohl sie wegen der Kälte seit einer Weile schon kaum mehr vor die Tür gegangen waren. Scheinbar war alles an seinem Platz, die Brücke mit den Löwen, die Insel, die Schuhe am Donauufer, ja sogar die Engelsburg, nur eines war nicht an seinem Platz, und das war das Eis der Donau.

Tosca

Kata Wéber nach Victorien Sardou

Regie Kornél Mundruczó

Premiere am 23.02., Akademietheater

Eines Morgens wurden die Ältesten, die mittelmäßig Alten und die Jüngsten durch ein lautes Getöse geweckt. Keiner wusste, was das sein mochte, am ehesten glich es dem Knattern von Maschinengewehren, und es war, als käme es aus Richtung der Engelsburg. Den Ältesten fiel dabei wieder etwas ein, aber auch diejenigen ahnten Schlimmes, denen nichts einfiel. Eilig schlüpften sie in warme Sachen und rannten ans Donauufer hinaus, obwohl sie wegen der Kälte seit einer Weile schon kaum mehr vor die Tür gegangen waren. Scheinbar war alles an seinem Platz, die Brücke mit den Löwen, die Insel, die Schuhe am Donauufer, ja sogar die Engelsburg, nur eines war nicht an seinem Platz, und das war das Eis der Donau.

Sie wollten ihren Augen kaum trauen. Auf dem Eis waren mächtige Risse entstanden, von überall her hörte man, wie das Eis aufbrach, wie es knackte und krachte, und statt eines zusammenhängenden Eispanzers schwammen auf der Oberfläche des Wassers nur noch riesige Eisschollen. Auf einmal sahen die Menschen, die sich am unteren Kai versammelt hatten, etwas, das noch sonderbarer war. Hier und da tauchten im Wasser Menschenköpfe mit Taucherhelmen auf, immer mehr und mehr, und sie winkten den am Ufer stehenden Menschen zu. Doch sie baten nicht etwa um Hilfe, sondern waren überaus fröhlich. Da hörten sie auch schon, was sie riefen.

Hallo, hört her, zu blauen Hosen trägt man keine braunen Socken mehr! …

Und sobald sie das ausgesprochen hatten, schoben sich die riesigen Eisschollen der Donau vor der Engelsburg dermaßen aufeinander, dass der Chefingenieur gar nicht mehr auf den Balkon hinaustreten konnte. An diesem Morgen fielen die Nachrichten also aus und die Menschen improvisierten einfach frei.

Am dritten Tag stand an einer kleinen Bude auf dem Wiener Weihnachtsmarkt: „Gebrauchtes Taucherkleidung billig verkaufen. Hier ich kaufen auch Deutschunterricht.“

Aber an all das erinnern nur wir Ältesten uns noch. Ilonka, meine Liebe, wie hieß noch gleich der Chefingenieur? Und es lag ihnen schon auf der Zunge, so dass es sie fast verrückt machte – aber nein. Schlussaus.

Zsófia Bán
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Zsófia Bán

ZSÓFIA BÁN

wurde 1957 in Rio de Janeiro als Kind jüdischer Eltern geboren und wuchs in Brasilien und Ungarn auf. Heute ist sie eine namhafte Kunst- und Literaturkritikerin, Schriftstellerin und Essayistin. Sie studierte von 1976 bis 1981 Anglistik und Romanistik in Budapest, Lissabon, Minneapolis und New Brunswick. Sie arbeitete in Filmstudios, als Ausstellungskuratorin und war als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften sowie am John-F.-Kennedy-Institut in Berlin tätig. Derzeit arbeitet sie als außerordentliche Professorin der Amerikanistik an der Loránd-Eötvös-Universität. Zsófia Bán beschäftigt sich mit visueller Kunst, mit Gedächtniskultur und Genderfragen. Beachtung fanden ihre Essays über W.G. Sebald, Susan Sontag und Imre Kertész. Zu den wichtigsten Werken (in den Übersetzungen von Terézia Mora) zählen: "Abendschule. Fiebel für Erwachsene" (Suhrkamp, Berlin 2012), "Als nur die Tiere lebten" (Suhrkamp, Berlin 2014) und "Der Sommer unseres Missvergnügens" (Matthes & Seitz).

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