Du bist nicht allein

Das Stück WUTSCHWEIGER von Jan Sobrie & Raven Ruëll gibt Einblicke in das tägliche Leben: wie es ist, arm zu sein – aus der Perspektive der zwei Kinder Ebeneser und Sammy. Regisseurin Anja Sczilinski berichtet von ihrer Annäherung an diese Arbeit – die im November 2022 im Vestibül zur Premiere kommen wird.

Willkommen im ‚Ich sitze in der Scheiße‘-Klub“. So begrüßt Sammy den Jungen im neuen Wohnviertel. Ebeneser und seine Eltern mussten in eine kleinere Wohnung umziehen. Idealerweise zieht man um, wenn man etwas Besseres gefunden hat. Nicht so in diesem Stück. Laut Statistik sind 17,0% der österreichischen Bevölkerung, das sind über 1,5 Millionen Menschen, aktuell armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Knapp 1,3 Millionen Menschen haben ein Einkommen unter der Armutsgrenze (in Österreich unter 1.328 Euro im Monat). Fast eine halbe Million Menschen haben ein so geringes Einkommen, dass sie keine Waschmaschine, kein Handy besitzen oder ihre Wohnungen nicht angemessen heizen können. Sie haben mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und qualitativ schlechterer Versorgung mit Lebensmitteln zu kämpfen. Kinder sind besonders gefährdet, ebenso Frauen im Alter, Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen ohne Staatsbürger*innenschaft. Zu hohe Wohnkosten drängen viele an den Rand.

Fast ein Viertel aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten sind Kinder – das entspricht 368.000 Kindern im Alter von unter siebzehn Jahren.

Ich gehe durch die Straßen von Wien und sehe, seit ich mich mit WUTSCHWEIGER beschäftige, sehr viel mehr Umzugswägen. In unserer eher kleinen Straße gab es innerhalb von wenigen Monaten mehrere Umzüge. Ich frage mich, ob all die Menschen etwas Besseres gefunden haben oder sich wie Ebeneser verkleinern mussten. Ich frage nicht direkt nach. 

Fast ein Viertel aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten sind Kinder – das entspricht 368.000 Kindern im Alter von unter siebzehn Jahren. Jedes zehnte Kind wächst in Österreich in einem Haushalt auf, der sich in der Ernährung einschränken muss. Knapp 400.000 Personen im Land können sich keine neue Kleidung leisten. Ein Drittel der Kinder von arbeitslosen Eltern bekommen bei Bedarf keine neuen Kleider. Rund 90.000 Kinder und Jugendliche zwischen sieben und vierzehn Jahren leben in einer überbelegten Wohnung. 100.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren leben in einem Haushalt ohne PC und konnten während der Corona-Lockdowns nur begrenzt am Unterricht teilhaben. Davon berichten auch die Lehrer*innen der Kooperationsschulen des Burgtheaters. Und eine halbe Million Kinder hat keine Möglichkeit, zumindest eine Woche im Jahr gemeinsam mit der Familie auf Urlaub zu fahren. 

Sammy und Ebeneser erzählen einander ihre Geschichte: Eltern mit immer mehr Problemen. Entlassung, Zahlungsaufforderungen, Krach und Tränen, und irgendwann wird alles kleiner und kleiner, die Eltern schrumpfen mit jedem Umschlag, den sie öffnen, ein bisschen mehr ... Miete, Elektrizität, Telefon, Wasser ... alles wird zu teuer. 

Wie fühlt sich das für Kinder und Familien an, die betroffen sind? Mit der Inszenierung von WUTSCHWEIGER hoffe ich, zu sensibilisieren: Armut ist nichts, wofür man sich schämen muss. Das wichtigste ist, das Selbstwertgefühl nicht zu verlieren. Und vielleicht hilft es zu wissen: Du bist nicht allein.


 

Anja Sczilinski

hat an der Universität der Künste Berlin studiert, ist seit 2001 als Theaterschaffende an vielen Theaterhäusern im deutschsprachigen Raum tätig. Am Residenztheater hat sie seit 2011 das JUNGE RESI aufgebaut und geleitet. 2019 wechselte sie mit Martin Kušej nach Wien und leitet seitdem das Burgtheaterstudio.

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