Editorial #11

von Jeroen Versteele

© Nikola Hergovich

Liebes Publikum!

Als Leitartikel für diese Ausgabe des Burgtheater Magazins führten wir ein Interview mit der ukrainischen Künstlerin Dariia Kuzmych, die in Kiew, Berlin und Wien lebt. Sie besuchte die Proben der Produktion DIE TROERINNEN (Regie: Adena Jacobs) und beschreibt, wie von den Figuren um jedes Wort gerungen wird: Die Stadt liegt in Trümmern, die Überlebenden stehen auf der Schwelle zwischen ihrem Leben als wohlhabende Bürgerinnen und einem Dasein in Sklaverei. „Nur einzelne Worte beschreiben das Erlebte“, sagt sie, und deutet die Fassungslosigkeit, die zur Zeit so viele von uns trifft. Kuzmych hält ihre Eindrücke als Zeichnung in diesem Magazin fest, und erzählt unter anderem darüber, wie sie dem Krieg in ihrer Heimat wie zufällig entkommen ist.

Die Mitarbeiter*innen des Burgtheaters und die Mitglieder des Ensembles sind, wie viele unserer Kolleg*innen in Kunst- und Kulturinstitutionen, bestürzt über die Entwicklungen in der Ukraine. Wir erklären uns solidarisch mit allen Menschen, die unter den Angriffen und deren Folgen leiden, auf der Flucht sind, nicht offen sprechen können, geliebte Menschen verloren oder zurückgelassen haben. Wir wollen mit unseren Mitteln tun, was wir können, um Hilfe zu leisten, Informationen zu teilen, Hoffnung zu verbreiten und Netzwerke miteinander zu knüpfen. Am 24. März war der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow mit einer Lesung im Kasino am Schwarzenbergplatz zu Gast, am 13. März gab es im Burgtheater eine Benefizveranstaltung mit Beiträgen von den Autor*innen Jurko Prochasko, Tanja Maljartschuk und Juri Andruchowytsch, bei der über 21.000€ für die Volkshilfe Wien gesammelt wurden. Den Text, den Andruchowytsch für die Veranstaltung schrieb, drucken wir für Sie ab. Für mehr Hintergrund haben wir den Historiker und Wittgenstein-Preisträger Philipp Ther gebeten, über die Entwicklungen in der Ukraine aus europäischer Perspektive zu sprechen.

Die Schauspielerin Annamária Láng, Mitglied unseres Ensembles und an der ungarischen Grenze zur Ukraine geboren, schreibt über die Frage, wie es sich anfühlt, in diesen Zeiten am Theater auf die verstörenden Nachrichten zu reagieren. Als Fundstück drucken wir einen Auszug aus Michail Bulgakows Kiew-Roman „Die weiße Garde,” den unser Ensemble am 10. März als Zoom-Lesung für über 2000 Zuschauer*innen präsentierte. Das Autor*innenpaar Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw stellt ein Hilfsprojekt mit Kinderbüchern für die Ukraine vor. Und der Wiener Fotograf Nikola Hergovich lässt in einer Fotostrecke Monumente aus der Vergangenheit beinahe zum Leben erwachen und zu uns sprechen.

Wir versuchen, in diesen herausfordernden Zeiten, die außerdem immer noch stark von der pandemischen Lage geprägt sind, unsere Resilienz und gute Laune nicht zu verlieren. Wir freuen uns sehr über die Einladung von LÄRM. BLINDES SEHEN. BLINDE SEHEN!, dem fulminanten Corona-Exorzismus Elfriede Jelineks und Frank Castorfs, zu den Autor:innentheatertagen im Juni in Berlin. Und auf die Premieren, Ur- und Erstaufführungen DIE TROERINNEN, EUROTRASH und KEINE MENSCHENSEELE. Im Mai präsentieren wir unsere neue Spielzeit 2022/2023. Bleiben wir voller Zuversicht. Bleiben Sie gesund.

Jeroen Versteele (Dramaturgie)

Nikola Hergovich
Nikola Hergovich
© Ben Hergovich

Nikola Hergovich

von dem das Cover und eine Fotostrecke für diese Magazin-Ausgabe stammen, ist in Sankt Margarethen im Burgenland aufgewachsen. Er studierte Architektur an der TU Wien. Als Fotograf ist er Autodidakt und arbeitet hauptsächlich analog.
@niko__blue

Burgtheater Magazin #11: Beben
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