Editorial #5

September 2020. Da sind sie wieder, die Körper, zurück auf der Bühne, nach Pandemie-bedingter Auszeit, in der die Theaterhäuser so leiblos leer standen. Diese Körper wollen jetzt zurück ins Licht und sich wieder beobachten lassen, beim Spielen, von anderen Körpern, die dafür ihre eigenen vier Wände verlassen und sich durch die Stadt aufeinander zu bewegen müssen. Theater, das sind einzigartige Orte, an denen sich Körper auf Zeit versammeln, gemeinsam eine Geschichte durchleben und sich ihren existentiellen und den drängenden Fragen der Zeit stellen. Selten wurde so fühlbar, was für ein unverzichtbarer Vorgang dieses Aufeinanderzukommen für eine Gesellschaft ist, wie seit März 2020 – als es in einer historischen Ausnahmesituation nicht mehr stattfinden durfte.

Körper sind keine Bilder. Wenn sie erscheinen, sind sie ganz anwesend, ganz da, atmend und schwitzend. Das macht sie teuer und unersetzbar, aber auch so verletzlich, anfällig für Viren oder die Verführungen der Macht. Körper treten auf und treten ab, Brustkörbe heben und senken sich, ihre Herzen schlagen (bis sie nicht mehr schlagen). Einen Körper haben – nichts scheint selbstverständlicher als das. Und doch wissen wir, wie abhängig der einzelne Körper heute noch immer von seinen Attributen ist und von den Zuschreibungen, denen er sich ausgesetzt sieht: Wozu der eine Körper fast wie von selbst Zugang hat, dazu ist der andere noch lange nicht berechtigt. Was den einen im Alltag kaum tangiert, kann dem anderen zur existentiellen Bedrohung werden. „Wir alle haben einen Körper, aber manche zahlen dafür einen hohen Preis,“ schreibt der Grazer Autor Fiston Mwanza Mujila in seinem Beitrag für das BURGTHEATER MAGAZIN #5.

Die gesellschaftlichen Kämpfe der Gegenwart betreffen die Körper und ihre Merkmale so sehr wie jemals in der Geschichte. Sie machen sie zum Haupteinsatz und Schlachtfeld eines historischen Streits für Gleichberechtigung, Teilhabe, Würde und Sichtbarkeit. Wenn Sie, liebe Zuschauer* innen wieder durch die Stadt aufeinander und auf uns zukommen, um sich – mit Abstand – im Theatersaal zu versammeln, dann begegnen Ihnen auf der Bühne mit Geschichte(n) geladene Körper: Ein ausgewilderter und abgeschobener Königskörper, der zurück ins Zentrum der Macht drängt. Ertrunkene und namenlos ans Ufer gespülte Körper, die zum unlösbaren moralischen Konflikt für die Macht werden. Frauenkörper, die im Namen eines Gesetzes Recht sprechen müssen, von dem sie für sich selber niemals Gerechtigkeit erwarten dürfen. Ein Körper, der den Ansturm der Hölle mit Witz und Imagination zu bewältigen versucht. Ein in letzter Sekunde aus dem Wasser gezogener Frauen-Körper, der sich selbst im Machtspiel der Männer zum Einsatz bringt. Arbeiterinnen-Körper, die sich emanzipieren und die Erzählungen ihrer Herrschaften selbst in die Hand nehmen. Und schließlich ein splitternackter Königskörper, der allen Insignien der Macht verlustig gegangen ist – und es partout nicht bemerken will.

Burgtheater, Wien, Europa

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