Editorial #9

von Anika Steinhoff

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© Joni Majer

„Nie wieder!“ – Der antifaschistische Schlachtruf ist eine Mahnung an die Demokratie selbst, die heute gefährdeter und fragiler erscheint, als es noch vor wenigen Jahren vorstellbar gewesen wäre. Der zunächst schleichende Verrat an den Werten, die am Ende des Zweiten Weltkrieges proklamiert wurden, gewinnt an Geschwindigkeit und offenbart die Erosion der modernen Demokratie.

Einen historischen Wendepunkt in der Geschichte der westlichen Demokratien beschreibt das lange erwartete neue Stück von Rainald Goetz mit dem Titel REICH DES TODES, das Ende Jänner im Akademietheater zur Österreichischen Erstaufführung kommt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden aus dem innersten Zirkel der damaligen amerikanischen Regierung heraus planmäßig Menschenrechte wie das Folterverbot juristisch angegriffen und de facto außer Geltung gesetzt.

Artikel vorlesen lassen. Von Robert Reinagl.

Aber auch in und um Europa sind Meinungs-, Presse- und künstlerische Freiheit in Gefahr geraten; das Sprechen an sich ist auf dem Prüfstand und wird zu einem politischen Akt, der schwerste Repressionen nach sich ziehen kann. Davon berichten die Essays des türkischen Journalisten Can Dündar und des ungarischen Regisseurs András Dömötör in diesem Heft. In beiden Beiträgen wird deutlich: sich in verschiedenen Sprachen, mit abweichenden Meinungen offen äußern zu können und Gehör zu finden, ist eine entscheidende Voraussetzung für Demokratie.

Das Theater ist ein Ort der Feier der Vielfalt künstlerischer Sprachen und Ausdrucksformen; genau diese Kraft macht das Theater aber auch zu einem Ort, an dem auf die Bedrohung dieser Freiheiten hingewiesen kann. In unseren Inszenierungen STADT DER AFFEN und DIE ÄRZTIN geht es um die zentrale Bedeutung von und den Kampf um Sprache, um die Möglichkeiten und Grenzen sozialer und politischer Verständigung.

In der Kategorie FUNDSTÜCKE wird nachvollziehbar, wie die Autorin Marianne Fritz mit orthographischen Verschiebungen spielt, um in die Tiefen der Geschichte vorzudringen und Shahzamir Hataki bringt seine Fluchterfahrung und das Aushebeln von Menschenrechten in seiner Lyrik zum Ausdruck. Außerdem geben in diesem Magazin die Künstlerinnen Michela Ghisetti, Mieko Suzuki, und Luiza Puiu Einblicke in ihre künstlerischen Sprachen und Ensemblemitglied Daniel Jesch berichtet von seinen Erfahrungen bei der dreisprachigen Theaterproduktion DIE NACHT, ALS ICH SIE SAH in Maribor.

Dieses Magazin publizieren wir – erneut – in einer Zeit der Schließung. Wann wir unseren Spielbetrieb wieder aufnehmen können, ist derzeit unklar. Sie halten daher – erneut – ein Magazin ohne Premieren-Daten in Händen. Wir hoffen, möglichst bald wieder vom Magazin auf die Bühne wechseln zu können, und freuen uns schon jetzt auf Sie!

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© Joni Majer

Joni Majer

wurde im wilden Berlin der 80er geboren. Sie lebt, liebt und arbeitet aber schon seit dem Studium glücklich und mit Familie im beschaulichen Saarbrücken. Sie liebt es, komplizierte Dinge möglichst simpel und klar auszudrücken. Nachdem sie diese Kunstform langjährig mit Tinte und Papier perfektioniert hat, öffnet sie sich hinsichtlich anderer Materialien, Volumen und Formensprache. Außerdem ist sie ein Teil des Denk-Duos Worklove, deren gleichnamiges Buch gerade erschienen ist.

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