„Ein klares Statement für die Freiheit der Kunst!“

Zur Geschichte einer Faust aus Beton, die zum Symbol der Wiener Stimmung wurde – Ein Gespräch mit Videokünstlerin Sophie Lux und dem Künstlerkollektiv # klaun #

Die WIENER STIMMUNG hat ein Symbol: die Faust. Aus Beton. Eines Morgens im März 2020 ist sie aus den Stufen der Stiege vor dem Burgtheater herausgewachsen, aus ihnen hervorgestoßen. Als wollte das Gestein protestieren, oder die Architektur selbst, als wollte sich da etwas oder jemand Platz verschaffen — aus der Enge, der Verbautheit hinaus in die Stille der vom Lockdown lahmgelegten Stadt. 

Sophie Lux, Videokünstlerin, hat sie zum Symbol der Video-Reihe gemacht. Im Vorspann tritt die Faust hinter der Schrift aus dem Dunkel der Fläche hervor. 

Wann ist Dir die Faust am Burgtheater aufgefallen, Sophie?

Vertraute Ort erscheinen ja nach längerer Abwesenheit wie neu. So geschehen vor ein paar Wochen auf den Weg zum Burgtheater-Portier. Schon von weitem stand da das Burgtheater einsam. Es fehlten die Leute, die sonst wie üblich an sonnigen Tagen sitzend auf der Haupttreppe verweilen. Dieser merkwürdige, kantige Schatten am Treppenabsatz fiel auf: Es schien, als wäre dem Theaterwährend der Quarantäne ein steinerner Appendix gewachsen. Ein halber Durchbruch.“

Warum hast du sie fotografiert?

„Irgendwie ärgerte ich mich auch. Gab es eine Aktion, von der ich wiedermal nichts mitbekommen habe? Alle wussten davon, nur ich wieder nicht, weil ich als einzige zu lange in Selbstisolation geblieben bin? Fast verschämt machte ich dann noch schnell ein Foto mit der Kamera meines Handys. So wie man das immer macht, wenn man glaubt, etwas als erste gesehen zu haben, dessen Ursprung man eigentlich nicht wirklich kennt. Und mit dem Foto in der Tasche könnte ich dann später stolz davon berichten, es beweisen, dass ich es habe.“

Warum hast du die Faust als Symbol für die WIENER STIMMUNG vorgeschlagen?

Als ich Tage später mit der Dramaturgie über die WIENER STIMMUNG sprach, dachte ich sofort an die steinerne Faust. Aber nicht wie ursprünglich als das unbekannte Geschwür. Ich dachte vielmehr: Ist es das Haus selbst, das da gegen die aufgezwungene Sperre aufbegehrt? Sich nicht abfinden will? Als hätte das Gebäude all seine Kraft zusammengenommen, gleich einer kleinen Eruption, um Materie zu verflüssigen, zu verdichten, das Material zu verschieben, umzuformen — um schließlich in einer Art Geste nach außen zu erstarren? Ein Zerren am Hosenbein der Passanten, eine Stolperfalle, um kurz daran zu erinnern, dass hinter den starren, steinernen Mauern doch früher einmal... ja, was eigentlich!?“

Heindl: „Ja, die Gesetze würden sich gegen uns wenden, wenn wir sie nicht einhalten würden und wirklich jemand stürzt – selbst wenn es sich um ein Kunstwerk handelt! Aber alles in Ehren – Fassade eines Gebäudes und Denkmalschutz – so einfach kann man leider am Burgtheater nichts anbringen. Auch die aussagekräftige Faust haben wir natürlich respektiert und mit Bedacht abgenommen. Es gibt sie noch, sie ist heile und wohlbehalten. Vielleicht kommt sie ja wieder und kann dann bleiben – wie einst in den 80iger Jahren Die Wächterin vor dem Haus, sie war ja zunächst auch eine Guerilla-Aktion. Wer nur klug organisiert…“

Nach der Veröffentlichung der ersten Folge der Serie haben wir ein Mail bekommen, ein freundliches und erfreutes Bekennerschreiben — hinter der Aktion mit der Faust steckt das Künstler*innenkollektiv # klaun #, das ansonsten anonym bleiben möchte. Wir haben ein paar Fragen zurückgestellt.

In welcher Tradition stehen Sie? Streetart? Bildende Kunst? Artivism?

„Diese Beurteilung obliegt dem Auge der Betrachter*innen. Für uns ist die Faust ein Mittel des Ausdruckes eines Protestes.“

Ein Faust wühlt sich aus dem Beton der Großstadtgebäude. Was beabsichtigen Sie mit diesem Symbol?

„Es handelt sich dabei um Originalabdrücke, in Beton gegossen. Jedes Stück ein Unikat. Für # k l a u n #  ist sie ein stiller, poetischer Ausdruck des Widerstandes, soll aber keinesfalls als Ausdruck für Aggression oder Gewalt gesehen werden.“

Warum haben Sie ihre Aktion ausgerechnet an der Eingangsstiege zum Burgtheater begonnen?

„Das Theater an sich ist bekannt dafür, sehr schnell gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen. Wir nutzten den Stillstand und die Weltabgewandtheit dieser Tage und haben die Faust schon am zweiten Tag der Quarantäne angebracht. Wir stellten uns die Frage, wie lange es wohl dauern würde bis der Kunstbetrieb seine Stimme erhebt. Für uns sind all unsere Arbeiten auch als Solidaritätsbezeugungen im öffentlichen Raum gedacht. Und dafür eignet sich das Portal des Burgtheaters als Schirmherrin  — quasi auch all der anderen, kleineren und kleinsten Institutionen — sehr gut.“

Steht die Faust für Sie im engeren Zusammenhang mit der Corona-Krise und der Politik des Ausnahmezustands?

„Natürlich war dies auch ein Aufhänger, aber grundsätzlich und allgemeingültig ist die Faust ein klares Statement für die Freiheit der Kunst, mit allem was damit einher geht.“ 

Was haben Sie gedacht, als Sie die Faust als zentrales Symbol der WIENER STIMMUNG gesehen haben? Passt das für Sie?

„Wir waren überrascht und sehr erfreut angesichts der Umsetzung und Inszenierung durch Frau Sophie Lux. Einfach perfekt. Besser geht nicht.“

Inzwischen ist die Faust übrigens von Karl Heindl, Leiter der Abteilung Publikumsdienst und Sicherheit am Burgtheater, entfernt worden, wegen Stolpergefahr.

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