Maschinengetrieben

Wie die Maschinerie der Burgtheaterbühne funktioniert und wie die Elemente von Ulrich Rasches DIE BAKCHEN entstanden. 

Szenenfoto Die Bakchen
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Ein Spaziergang unter die Bühne des Burgtheaters und durch 50 Jahre Bühnentechnikgeschichte.

von Anne Aschenbrenner 

"Kennst du das Hochhaus in der Herrengasse?", fragt Ernst Meissl während er die gelb markierten Stufen in den Burgtheaterbühnenbauch hinunter steigt. Er breitet die Arme aus: "Das kannst du da reinstellen" Das Ganze? Ja. Erstes Kellergeschoß, zweites Kellergeschoß. Ich klettere dem Technischen Leiter hinterher, auf der Suche nach den großen "Bakchen"-Bühnenelementen und nach Antworten wie diese Maschinerie überhaupt funktioniert. Ob ich technisches Nackerbatzerl das überhaupt verstehen kann?

Ernst Meissl schildert. Seit 1977 ist er am Haus. Durchs Theater huscht er, als hätte er grad erst angefangen. Erzählen kann er, als wäre er beim Bau dabei gewesen. Und er ist einer von denen am Burgtheater, die jeden Winkel kennen – und jedes Geräusch. Die Geräusche sind wichtig, erfahre ich an diesem Tag. Auf die Geräusche kann man sich verlassen, wenn man Technischer Leiter ist. Es scheint, als würde die Maschinerie dem Meissl erzählen, wenn ihr etwas nicht passt. Dann setzt er sich in den Zuschauerraum und horcht, – wie bei der einen Inszenierung von Andrea Breth, bei der es bei den Proben an ganz unterschiedlichen Stellen geknatscht hat. “Da waren schon alle ganz narrisch”, erzählt Meissl, “weil da schießt man sich ja auch dann drauf ein, wenn man sich nicht erklären kann, wo so ein Geknatsche herkommt”. Der Engel auf dem Dach war der Schuldige, hat Meissl damals sofort gehört. Der gehört nämlich geschmiert, dazu muss man aufs Burgtheaterdach klettern, ein bisschen was zerlegen, schmieren, fertig. Im Zuge einer Umstrukturierung wurde es bei einer Übergabe offenbar vergessen. Und dann quietscht er halt, der ungeschmierte Engel, bis Ernst Meissl kommt und ihn erlöst. 

Aber eigentlich wollte ich mehr von den BAKCHEN wissen. BAKCHEN war insofern schon schwierig, weil wir von unseren Transportöffnungen eine ganz kleine Einbringmasse haben”, sagt Meissl. Wie bitte? – “Wir kriegen das bei der Tür nicht rein”. Achso. Wir laufen den Drehzylinder ab, spiralförmig immer weiter Bühnenbauch hinunter. Einen Durchmesser von 20,78 Meter hat der Drehzylinder. 14 Meter ist er hoch. Mit Volllast wiegt er 350 Tonnen, davon 30 Tonnen mögliches Ladegewicht. Ganz leicht fühlt man sich da. Zwei Motoren bewegen den Drehzylinder. Ernst Meissl zeigt auf den Zahnkranz. Die Triebstockverzahnung auf dem Drehzylinder greift hier ein und bewegt ihn. 

Ganz unten stehen sie dann, die großen Rasche-Laufbänder, mit ein bisschen Bühnenschnee von Thorleifur Örn Arnassons Inszenierung DIE EDDA bedeckt. Mit roten Seilen sind sie gesichert, wenn der Haken nicht eingerastet ist, leuchtet eine Lampe rot auf. Zahm und harmlos schauen die schneebedeckten Laufbänder aus. Was braucht es, damit sie auf der Bühne lebendig werden? Wie kommt’s, dass sie die Schauspieler*innen sicher tragen? 

Früher, bevor es den hochhaushohen Drehzylinder gab, wurde die Bühne mit Wasserhydraulik und Menschenkraft bewegt – wie eine alte Küchenwaage. Als im Zweiten Weltkrieg Teile des Hauses zerstört wurden, hat der damalige technische Direktor Sepp Nordek die Gelegenheit genutzt und im Zuge des Wiederaufbaus den Zylinder einbauen lassen. Die Idee kam ihm beim Sonnenbaden. Mit seiner Frau soll er im Schwimmbad gelegen sein und ihr gelangweilt beim Drehen auf dem Sonnenrad zugeschaut haben, auf dem betuchte Bürger*innen sich zur Sonne ausrichten ließen. Ob man nach dem Prinzip nicht auch fürs Theater nutzen konnte? Waagner-Biro konnte. Das Stahlbauunternehmen wurde 1854 in Wien gegründet, den Namen Waagner-Biro erhielt es 1924. Für viele Brücken, die in der Zwischenkriegszeit gebaut wurden zeichnet Waagner-Biro zu diesem Zeitpunkt verantwortlich – und auch das Sonnenrad hat man dort ... ersonnnen. Die Baugrube im Burgtheater war aufgrund der Wasserhydraulik gerade tief genug für Nordeks Drehzylinder-Idee. Und auch die Fundamentierung erwies sich sehr gut, um hier aufzubauen – ganz im Gegensatz zum restlichen völlig unterminierten Wien.

“Der Drehzylinder ist klassischer Maschinenbau”, sagt Ernst Meissl begeistert und lässt die Hand über die Nieten gleiten. Heute könnte man sich so etwas gar nicht mehr leisten. Zu Nordeks Zeiten, also ab der Wiedereröffnung des Hauses Mitte der 1950er Jahre bis in die 1990er wurde der Drehzylinder mit der Hand eingestellt, um “auf Termin fahren zu können”. 

Wir stapfen am Lager der Leichenteile aus DIE EDDA vorbei. Mehrmals muss Ernst Meissl unterwegs aufsperren und zusperren. Ohne ihn dürfte ich gar nicht hier sein. Gitter sichern den Drehzylinder und seine Umgebung ab. “Einer Putzfrau hat’s einmal den Besen abgezwickt”, erklärt er. Seitdem wird hier alles noch strenger gesichert. 

Vor jeder Vorstellung begab sich einst der Versenkungsschlosser in sein Führerhaus im Zylinderboden und machte Probefahrten, – auch um ein Gefühl für die Bremsen zu bekommen: Je schwerer der Zylinder beladen, desto länger der Bremsweg! Irgendwann hat dann eine elektronische Steuerung die Arbeit übernommen. "Früher hat halt einer gespürt: Ist der Riegel eingeschnappt oder muss ich noch ein Stückl fahren?’" Heute muss die Maschine auf zwölf Meter selbst den Riegel von 54 Millimeter finden und ins Riegelloch einsetzen. Das Wissen um die Mechanik, und das Gespür für die Maschine, die braucht es immer noch, vor allem wenn Fehler auftreten.

"G’spür" für die Maschine haben auch die Kollegen von Waagner-Biro Stage Systems, die Meissl und seinem Team seit vielen Jahren als verlässlicher Partner zur Seite stehen, sie kümmern sich um die Wartung und auch um die Revisionen während der Sommermonate. Über die Jahre kennen sie sich gut, die Menschen und die Maschinen. Und so ist man auch zusammengesessen als klar war, welche Produktion die Spielzeit 2019/20 eröffnen wird: Ulrich Rasches BAKCHEN. 

"Wenn du dann vor so einem Rasche-Plan stehst, dann denkst du dir ‘Aha, jetzt weiß ich warum der so ein hohes Ansehen hat’". Nicht nur bautechnisch seien die Pläne eine Herausforderung, sondern auch steuerungs- und sicherungstechnisch. Der Arbeitsinspektor hätte nur mitleidig den Kopf geschüttelt, erzählt Meissl, als er ihm die allerersten Plänen Rasches geschildert hat. "Niemals können wir so etwas freigeben." 

Zu viele Scherkanten. "Das sind Teile, die so knapp aneinander vorbeifahren, dass man sich eine Hand oder den Kopf abzwicken kann", erklärt Meissl. “Und wenn du diese Scherkanten herausbringen willst, hast du riesengroße Abstände und dann funktioniert das Konzept nicht." – "Ja, was geht dann überhaupt!?", hätte Rasche ihn gefragt, wäre abgereist und mit einem neuen Konzept zurück gekommen. "Das war dann auch recht mächtig" – und schon sehr ähnlich dem, was es dann schließlich geworden ist: drei Keile, in einer Fixstellung, die vor und zurückfahren und auch gehoben werden können. Die auf Rollen montiert sind und fahrbar sind, damit sie im Haus verstaut werden können. Mit den Kollegen von Waagner-Biro Stage Systems und jenen auf Förderbänder spezialisierte Firma Rollo Teufel ging das Tüfteln dann richtig los: "Bis in die Nacht hinein haben wir am Konstruktionstisch diskutiert: Wie sind die Abläufe? Bis wann muss bis wo was fertig sein? Was muss es statisch können? Wie können wir das in unsere neue CAT V5 Steuerung einbauen?"

"Die CAT V5 ist der Rolls Royc", sagt Ernst Meissl und lässt mich ins Führerhaus klettern, das in 13 Meter Tiefe im Drehzylinder eingebaut ist. Die CAT V5 ist die fünfte Generation einer speziell für die Anforderungen im Bühnenbetrieb entwickelten Computersteuerung für maschinengetriebene Bewegung.

Hier im Führerhaus arbeiten die Versenkungsschlosser, normalerweise zu zweit. Stehen DIE BAKCHEN am Spielplan braucht es aber drei, so fordernd ist die Technik. Und nach der Vorstellung sind alle streichelweich. Die Verantwortung ist hoch: Die Schauspieler*innen, die Chorist*innen sind keine Maschinen. Sie müssen spielen, müssen sprechen, müssen in den Scheinwerfer schauen und dabei nicht von der Dekoration aus fünf Meter Höhe in die Tiefe fallen. Not-Aus-Schalter gibt es oben auf der Bühne schon, gesteuert wird in der Regel aber alles aus der Tiefe. "Bei dem Lärm auf der Bühne könnte sich auch keiner konzentrieren", sagt Meissl. 

Sperrstund ist’s, die nächste Vorstellung beginnt bald. Wir kraxeln aus dem Führerhaus. Ein Erinnerungsfoto? Sehr gern. Am Rückweg sehen wir die leider verputzten Reste der alten Wiener Stadtmauer. Die gelb markierten Stufen führen uns wieder aus dem Burgtheaterbühnenbauch. "Wenn das Licht zum Blinken anfängt", sagt Ernst Meissl, dann steht eine Drehung bevor. Dann sollte man über den Sicherheitsstreifen am ‘Festland’ nicht drüber steigen. Und wenn man schon draufsteht? "Stehenbleiben!". Stehenbleiben und sich mitdrehen mit dem Drehzylinder, so hoch, wie das Hochhaus in der Herrengasse.

Wir bedanken uns herzlich bei unserem langjährigen Partner Waagner-Biro Stage Systems.

Fullscreen
Szenenfoto Die Bakchen

DIE BAKCHEN

Euripides
Regie: Ulrich Rasche

Dionysos kommt nach Theben, um von der Stadt seine Anerkennung als Gott zu fordern. Als Pentheus, der Herrscher Thebens, sich der fanatischen Gefolgschaft des Gottes, den Bakchen, nähert, wird er von ihnen zerrissen. Seine Mutter Agaue hält mit seinem Kopf als Trophäe triumphalen Einzug in der Stadt, Sinnbild für den Einbruch des Irrationalen in eine rationalisierte Welt.

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Waagner Biro

CATV5

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