Briefe nach Chaville

Brief aus ...
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Zum 80. Geburtstag von Peter Handke

Der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke wird 80 Jahre alt! Zur Feier seines Geburtstags am 6. Dezember 2022 haben Ensemblemitglieder des Burgtheaters, die in den vielen Inszenierungen seiner Stücke am Burgtheater und anderswo haben spielen dürfen, ihre Glückwünsche an den im französischen Chaville lebenden Dichter niedergeschrieben.

Porträt
© Georg Hochmuth, APA picturedesk.com
Briefe aus Wien von Ensemblemitgliedern an Peter Handke

Peter Handke war das Idol meiner Jugend und seine Bücher richtungsweisende Seelennahrung. Neben Hermann Hesse meine absoluter Lieblingsautor! Dass ich viele Jahre später einmal in seinen Stücken spielen würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen ... und die schöne, persönliche Begegnung mit ihm bei DIE UNSCHULDIGEN, ICH UND DIE UNBEKANNTE AM RAND DER LANDSTRASSE schon gar nicht.

Also: ALLES GUTE, lieber Peter Handke! Danke für Ihr Leben!!! 

Regina Fritsch

Ich hatte 1997 zum ersten Mal die Ehre, in einem Stück von Peter Handke mitzuspielen, nämlich die deutsche Erstaufführung von ZURÜSTUNGEN FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT im Schauspiel Frankfurt. Mein Part war der der „Wandererzählerin“ und ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich heulend meine Mama anrief, dass ich niemals in der Lage sein würde, diese komplizierten Texte zu lernen. Ich hab sie dann doch gelernt, ein hartes Stück Arbeit, ähnlich verzweifelt war ich nur noch einmal in meiner – nun auch schon 30-jährigen – Berufslaufbahn, als es darum ging, die WINTERREISE von Elfriede Jelinek zu lernen. Scheint am Literaturnobelpreis zu liegen. Auch diesen Text habe ich schlussendlich in meinen Kopf bekommen, und da sind sie jetzt noch drin, die Texte! Ich glaube tatsächlich, dass ich – vielleicht mit einem Mal durchlesen – noch in der Lage wäre, diese Texte aufzusagen. Denn je beeindruckender die Texte, desto länger bleiben sie bei mir im Kopf erhalten.

Sollte mich die Demenz irgendwann ereilen, werde ich vermutlich nur noch Theatertexte von mir geben können. Meine weiteren Begegnungen mit Peter Handke waren 2006 DIE UNVERNÜNFTIGEN STERBEN AUS, eine Koproduktion mit dem Burgtheater und den Salzburger Festspielen in der Regie von Frederike Heller, und 2012 die Bearbeitung des Stückes WUNSCHLOSES UNGLÜCK durch die britische Regisseurin Katie Mitchell. Das Textlernen war hierbei kein Problem, da ich den Part der Mutter stumm agieren musste. Die Handke-Texte wurden über das Bühnengeschehen, das auch als Film über der Bühne zu sehen war, von Petra Morzé und Peter Knaack eingelesen.

Ich habe diese Inszenierung geliebt, trotzdem sie so unendlich traurig war. 

Dorothee Hartinger

Handke spielen

Ein Dorfplatz, Menschen, die ihn queren, sich begegnen, stehenbleiben, weitergehen – ein Stück ohne Text. Wie im Leben, das Leben beobachtend: DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN. Für mich tat sich eine Welt auf. Noch kannte ich den Autor kaum.

Kurz darauf ZURÜSTUNGEN FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT. Wenn die Raumverdränger in den Himmel schießen, fallen Stücke des Himmels herunter. Diese Phantasie – diese Art, Welt in Sprache und durch Sprache zu verwandeln, war mir auf Anhieb ganz nah.

Und dann DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ. Da saß ich nun in meiner Küche und lernte Stunden, Tage, Wochen ein Sommergespräch auswendig, bei dem alle Handlung ins Erzählerische verlegt wurde. Da wo einst der Raum und die Körper stumm erzählten – erzählt nun der Text nach und vor und zurück und weit in die Erinnerungsräume einer Frau hinein.

Sehe ich Sonnenblumen auf einem Tisch, höre ich das Rauschen der Bäume, so bin ich wieder dort, bei diesem Autor. Ein Mensch, der durch die Welt geht – im Gehen sieht, riecht, fühlt, empfindet – alles in Sprache fließen lässt. Präzise und konkret, zart und filigran, schillernd. Wenn Sprache Welt erzeugt – Räume entstehen lässt, die wir durchwandern, dann verlässt sie mich nicht mehr, lehrt mich, neu zu schauen, zu hören, neu in der Welt zu sein. Ein Geschenk.

Sylvie Rohrer

Lieber Peter,

lieber DU – Freund seit 1982, wo Dir, im Salzburger Festspielsommer, anläßlich Deines bevorstehenden 40. Geburtstags, die österreichische Post eine Sonderbriefmarke herausgebracht hat:

Deine Texte, gleichermaßen für Literaturliebhaber wie auch für uns Akteure auf der Bühne, haben entscheidend mein Schauspielerleben bestimmt.

Mit Kaspar fing es im Ulmer Theater 1968 an, dann ging es langsam heimkehrend ÜBER DIE DÖRFER NACH SALZBURG, um im Zickzack 1989 in Wien am Burgtheater anzukommen. Nach dem SPIEL VOM FRAGEN ODER DER REISE ZUM SONOREN LAND verschlug es Dir / uns die Sprache und es wurde deshalb wortlos DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN verordnet, aber gleich danach gab es Trost mit den ZURÜSTUNGEN FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT und der FAHRT IM EINBAUM ODER DEM STÜCK ZUM FILM VOM KRIEG. In vier Jahreszeiten begegneten uns dann DIE UNSCHULDIGEN, ICH UND DIE UNBEKANNTE AM RAND DER LANDSTRASSE und jetzt, und jetzt, endlich, halten wir ZWIEGESPRÄCH. „Solch eine Szene hat die Welt – will sagen: habe ich – noch nie und nirgends gesehen!“

Lieber Peter, Du hast uns einmal bekannt, daß das, was Du schreibst, ja nur Deine geformte Existenz sei. – Wie gut und wichtig, daß es Dich gibt!

Friedrich Hölderlin behauptet: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“!

Martin Schwab

Lieber Peter Handke,

meine allerherzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag.

Ich habe nun bereits zum vierten Mal die Gelegenheit, in einem Ihrer Stücke mitwirken zu dürfen: ZWIEGESPRÄCH.

1996/97 waren es ZURÜSTUNGEN FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT. 

2015/16 war es DIE UNSCHULDIGEN, ICH ODER DIE UNBEKANNTEN AM RAND DER LANDSTRASSE. Aber, wenn ich das sagen darf, war 1991/92 das einschneidendste Erlebnis für mich: DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN.

Die genauen Beobachtungen der verschiedenen Charaktere und ebenso die Beobachtung ihrer Verhaltensmuster in unterschiedlichsten Situationen haben auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Während der Proben habe ich bei mir selbst bemerkt, dass ich meine Umgebung viel genauer beobachtete. Ich durfte in dieser Inszenierung von Claus Peymann den „Platznarren“ spielen.

Es hat mir nicht nur Freude gemacht, sondern mich tatsächlich bereichert.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und einen schönen Geburtstag. 

Hans Dieter Knebel

Magazin #13: Gift

Wie wirke ich als Frau?

Protokoll: Dagna Litzenberger Vinet teilt ihre Gedanken während des Besuchs der Ausstellung „Widerständige Musen“ in der Kunsthalle Wien im Rahmen der Reihe THEATER TRIFFT MUSEUM.
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