Luke Harding über den Mordfall Alexander Litwinenko

Interview
Lesedauer 6 Minuten

Ein Gespräch mit LUKE HARDING

Im Jahr 2006 wird der russische Dissident Alexander Litwinenko in London mit Polonium vergiftet. Mutmaßlicher Auftraggeber ist der russische Staat. Der Mordfall geht um die Welt. Denn obwohl durch spektakuläre Ermittlungsarbeit bald feststeht, wer die Mörder und die Auftraggeber sind, zieht die Vergiftung keinerlei rechtliche Konsequenzen nach sich. Der britische Journalist und Autor Luke Harding verfasste 2016 ein Buch über den Fall, A VERY EXPENSIVE POISON, das 2019 von Theaterautorin Lucy Prebble dramatisiert wurde und im Kasino am Schwarzenbergplatz zur Deutschsprachigen Erstaufführung kommt.

Illustration von Matthias Noggler
© Matthias Noggler
Das Gespräch führte die Dramaturgin Christina Schlögl.
BURGTHEATER MAGAZIN Mr Harding, was war der Anstoß für Sie, ein Buch über den Mordfall Alexander Litwinenko zu schreiben?
LUKE HARDING Mein Interesse an dem Fall wurde geweckt, weil er einen Schatten auf mein Leben und das meiner Familie geworfen hat. Nachdem ich 2007 zum Leiter der Moskauer Büros des Guardian ernannt worden war, unternahmen wir eine Reise nach Moskau. Der Mordfall Litwinenko war zu der Zeit ein großes internationales Drama. Das Foto von Litwinenko mit seinen blauen Augen im Londoner Krankenhausbett ist eins der prägendsten Bilder der Putin-Ära. Später stellte sich heraus, dass meine Frau Phoebe und ich mit einem der Flugzeuge geflogen waren, die die Mörder für den Transport von Polonium benutzt hatten. Für mich waren die folgenden Jahre geprägt von meinen beruflichen Versuchen, herauszufinden, was vor sich ging, nebst unserer Ankunft als Familie in Moskau. Bei Treffen mit dem britischen Botschafter war die erste Frage: Wer hat dieses Verbrechen verübt? Und die Antwort: der russische Staat. Um Polonium zu bekommen, braucht man einen Atomreaktor. Man kann es nicht in der Apotheke oder von irgendeinem Mann kaufen. Man muss ein Staat sein, um so etwas zu produzieren. Diese Angelegenheit wollte ich untersuchen. Wir wurden überwacht, ich wurde vom russischen Außenministerium gewarnt und 2011 schließlich ausgewiesen. Zurück in Großbritannien begann ich den Austausch mit Marina Litwinenko, der Witwe Alexander Litwinenkos. Sie ist die warmherzigste, mitfühlendste Person, und war fest entschlossen, herauszufinden, was mit ihrem Mann passiert war. Ironischerweise war es nicht nur die russische Regierung, die alles leugnete. Es war auch die britische Regierung, die versuchte, die Beziehungen zu Russland wiederherzustellen und sich auf den Handel zu konzentrieren. Dann passierte 2014 Putins erster Einmarsch in die Ukraine, und es gab eine öffentliche Untersuchung. Als ich im Gericht saß, im Royal Court of Justice in London, war es, als hätte man die Geschichte Litwinenkos zwar gekannt, sie aber bislang in schwarz-weiß gesehen. Plötzlich war alles in Farbe. Man sah förmlich vor sich, wie sich die beiden Killer durch die Straßen Londons bewegten. Wie sie vergeblich versuchten, Frauen in der Diskothek aufzureißen, wie sie im Hotelzimmer waren und Polonium in den Abguss gossen, und den dunklen Moment im Millennium Hotel, bevor sie das Gift in Litwinenkos Tee träufelten. Sie waren Attentäter, aber nicht wie in Filmen; sie machten ihre Arbeit miserabel. Ich habe versucht, in meinem Buch diesen Ton zu treffen: Es geht nicht darum, den russischen Staat zu unterschätzen, aber man muss ihn akkurat darstellen. Er ist ein Monster, aber ein dummes Monster.
Warum wurde ausgerechnet Polonium als Mordwaffe verwendet?
Sowohl zu Sowjetzeiten als auch in der Putin-Ära haben Morde stattgefunden und finden immer noch statt, von denen wir in vielen Fällen nie erfahren werden. Was den Mordfall Litwinenko auszeichnet, ist, dass es eine professionelle polizeiliche Untersuchung gab, die sehr gute Ermittlungen unter Einbeziehung aller Staatsorgane erzielte. Ich denke, diese Tötung sollte zwar geheim sein, aber auch eine Botschaft an Boris Beresowski und die Leute um ihn herum; Exilanten, Aufwiegler, aus Putins Sicht: Feinde. Sie sollten wissen, dass die lange Hand des Kremls dahinter steckte, aber der britische Staat sollte nicht in der Lage sein, es zu beweisen. Als an Litwinenko normale forensische Tests durchgeführt wurden, blieben sie lange Zeit ergebnislos. Erst am Nachmittag seines Todes entdeckte man die Tatwaffe Polonium.

Das Problem mit den Russen ist, dass sie nicht so denken, wie wir denken, dass sie denken sollten

Marina Litwinenko hat nach dem Mord knapp zehn Jahre lang unermüdlich für eine gerichtliche Untersuchung gekämpft. Warum hat es so lange gedauert, bis die britische Regierung die öffentliche Untersuchung bewilligte?
Es gibt in Lucy Prebbles Stück dieses wunderbare Lied von Beresowski darüber, dass die britische Regierung, einschließlich der Labour-Regierungen, russisches Geld eine Zeit lang sehr angenehm fand. Es brachte Finanzunternehmen an die Börse, es half Anwälten, Restaurants, PR-Firmen, Privatschulen ... Alle haben von diesem Geld profitiert. Es mangelte nur an Neugierde darüber, woher genau es kam und wie es sich auf unsere Politik auswirkte. Das hat einen zersetzenden Effekt auf die britische Gesellschaft. David Cameron dachte wohl, als er antrat, okay, diese Sache mit Litwinenko ist schrecklich, aber lasst uns versuchen, eine gute pragmatische Beziehung zu Russland zu erhalten. Es hat lange gedauert, bis die konservative Regierung erkannt hat, dass man mit Russland nicht umgehen kann wie mit einer normalen Nation.
Drei Jahre nach Erscheinen Ihres Buches „A Very Expensive Poison“ kam das gleichnamige Theaterstück von Lucy Prebble zur Uraufführung in London. Können Sie uns etwas über den Entstehungsprozess des Stückes erzählen?
Ich habe Lucy Prebble mehrmals getroffen und sie auch Marina vorgestellt. Sobald man Marina trifft, fügt sich alles zusammen. Das Geniale an dem Stück ist, dass Lucy kein düsteres Drama über den Mord an einem russischen Dissidenten geschrieben hat. Das ist zwar, was passiert, aber eigentlich ist es eine Liebesgeschichte, die Geschichte einer Familie, eine Geschichte des Überlebens. Ihr Theaterstück ist eine Anerkennung dessen, dass es im Leben Liebe gibt, dass es Lachen gibt, dass es Tragödie gibt und Tod. Was ich in unseren Diskussionen ebenfalls genossen habe, war ihr Gespür für die Theatralik des Putin-Regimes. Die Art und Weise, wie Putin den Befehl gab, Litwinenko zu töten, war theatralisch. Man könnte den Kerl erschießen, man könnte versuchen, ihn zu überfahren. Aber stattdessen bekommt er diesen seltenen, fast schon mythischen Zaubertrank verabreicht.
Ihr neues Buch „Invasion: Russia’s Bloody War and Ukraine’s Fight for Survival“ erscheint im November. Welche Erkenntnis haben Sie während Ihrer Arbeit an dem Buch gewonnen, die Sie gern mit unserem Publikum teilen möchten?
Während meiner Zeit in Moskau traf ich einmal eine Art hochrangigen Diplomaten, von dem mir ein Satz im Gedächtnis geblieben ist: Das Problem mit den Russen ist, dass sie nicht so denken, wie wir denken, dass sie denken sollten. Die österreichischen und deutschen Zuschauer*innen sollten genau das verstehen. Wir sind über das Stadium der Verhandlung mit Russland, oder des Versuchs, die russische Teilnahme am Zweiten Weltkrieg zu verstehen, inzwischen hinaus. In unserer Beziehung zu Russland hat Pragmatik immer eine große Rolle gespielt. Aber Putin befindet sich in einem unerreichbaren Land, an einem messianischen Ort; er denkt, dass er von Gott, der Geschichte oder von beiden gesandt wurde, um zu erlösen, was er als historisches russisches Reich ansieht. Was in der Ukraine passiert, ist ein imperiales oder neo-imperiales Projekt, mit dem Ziel, die Ukraine vollständig auszulöschen und zu einem Exit-Land zu kolonisieren. Wir müssen verstehen, dass das, was wir da sehen, eine Art Faschismus ist. Wenn Putin sich durchsetzt, wird er nicht bei der Ukraine aufhören. Also betrifft dieser Krieg uns alle, wenn wir die Heizung herunterdrehen, sondern auch, weil wir begreifen müssen: Wenn die Ukraine untergeht, leben wir in einem neuen, beängstigenden und dunklen Europa.
Portraitbild von Luke Harding
Luke Harding
© privat

Luke Harding

ist ein britischer Journalist und Buchautor. In seinen Büchern widmete er sich außer dem Mordfall Litwinenko unter anderem dem russischen Mafiastaat, WikiLeaks, Edward Snowden und dem Ukraine-Konflikt. Für seine Berichterstattung als Russland-Korrespondent der Zeitung The Guardian in den Jahren 2007 bis 2011 wurde er 2014 mit dem angesehenen James Cameron Memorial Trust Award ausgezeichnet.

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