Verzerrt & Verrückt

Burgtheaterstudio
Lesedauer 4 Minuten

Ein Gespräch mit MIA CONSTANTINE

Wälder brennen, Kriege brechen aus, Meinungen, Neoliberalismus, Passiv-Aggressivität und Spielzeitmottos machen den Freund*innen Bambi, Klopfer und Blume das Leben schwer: In seinem Stück BAMBI & DIE THEMEN behandelt der Berliner Autor Bonn Park auf wilde und humorvolle Weise die irrsinnigen Probleme der Gegenwart. Die Regisseurin Mia Constantine bringt das Stück mit den Jugendlichen des Burgtheater Studioensembles auf die Bühne.

Die Fragen stellte Victor Schlothauer, Dramaturgieassistent am Burgtheater und Dramaturg bei BAMBI & DIE THEMEN.
BURGTHEATER MAGAZIN Liebe Mia, kannst du dich als Regisseurin kurz vorstellen? Wo kommst du her, was interessiert dich? Was interessiert dich in Bezug auf BAMBI & DIE THEMEN?
MIA CONSTANTINE Ich arbeite seit 2016 als freiberufliche Regisseurin an verschiedenen Theatern, von Wien bis Wilhelmshaven. Mein Herz schlägt stark für junges Publikum, das direkt und unverstellt reagiert. An BAMBI & DIE THEMEN gefällt mir vor allem der Text: Er hat etwas Leichtes und Unbeschwertes, auch, wenn es um schwerwiegende „Themen“ geht. Die Sprache erzeugt starke Bilder; eine durchgehende Handlung sucht man vergebens. Es werden Szenen teilweise rätselhaft aneinandergereiht, und genau das erzeugt die enorme Sogwirkung und Spannung. Wir suchen einen roten Faden. Wir verlieren uns und sind verloren. Gefordert und überfordert. Wie kann man einen solchen Text auf die Bühne bringen und zu einem theatralen Erlebnis werden lassen? Welche Mittel braucht es und wie kann er – da es so viel um neue Medien geht – auf der analogen Bühne seine volle Kraft entfalten? Ich freue mich, mit den mitwirkenden Jugendlichen diese Fragen zu beantworten und gemeinsam den Text zu erobern.
Die drei Held*innen des Stücks sind Bambi, Klopfer und Blume. Warum werden ausgerechnet diese „niedlichen Waldbewohnerfreund*innen“ mit der chaotischen gegenwärtigen Wirklichkeit konfrontiert?
Die Welt, die der Autor Bonn Park erschafft, ist eine Karikatur unserer Wirklichkeit, die er in alle Richtungen verzerrt und verrückt, so dass man ihr nicht entkommen kann. Sie breitet sich aus wie ein Teppich. Die niedlichen Waldbewohner*innen, die sich durch diese Welt bewegen, wirken mit ihrer Unbedarftheit fehl am Platz. Ähnlich wie sie fühlen wir uns in Anbetracht der Kriege und Katastrophen, die um uns herum toben, klein, dumm und hilflos. Wir sind ratlos und suchen nicht selten den Rückzug in digitale Ersatzwelten. Mit Bambi, Klopfer und Blume können wir uns identifizieren, uns in ihnen wiedererkennen und -entdecken.

Wir verlieren uns und sind verloren

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Jugendlichen für dich von der Arbeit mit professionellen Schauspieler*innen?
Die Erarbeitung eines Konzepts ist im Grunde dieselbe, der Unterschied zeigt sich in der Probenarbeit. Die Jugendlichen müssen ein paar Grundlagen der Schauspielausbildung erlernen; ihre Stimmen müssen geschult werden und wir arbeiten an ihrem körperlichen Ausdruck. Am meisten Freude macht es aber, sie ins Spielen zu bringen; sie freizulassen, improvisieren zu lassen und ein Ensemble zu werden. Eine Gruppe, die mutig nach vorn marschiert und Lust hat, etwas auf die Bühne zu bringen. Jugendliche haben einen authentischen Ausdruck. Sie haben viele Fragen und sind auf der Suche nach Antworten. Mir ist es wichtig, diesen hohen Grad von Authentizität herauszuarbeiten; sie darin zu bestärken und zu fördern, ihre je eigene Persönlichkeit als einen Schatz anzuerkennen, der sie wahrhaftig sein lässt. Die Kraft, die sie als Spieler*innen mitbringen, ans Licht und zum Strahlen zu bringen.
Ist das Internet Fluch oder Segen?
Zuerst einmal ein großer Segen: Man kann sich schön darin verlieren, in andere Welten eintauchen und die Realität vergessen, lesen und lesen und noch mehr lesen, recherchieren und sich informieren, sich in Videokonferenzen austauschen und sogar Partys feiern – mehr oder weniger lustig ... Im ersten Corona-Lockdown hatte ich die Chance, eine Inszenierung komplett in den digitalen Raum zu verlegen. Das war eine Riesenherausforderung für das gesamte Team, aber wir konnten uns schließlich dort einfinden. Es hat Spaß gemacht, war aber dennoch einsam – vor allem, wenn man nach einer Probe den Laptop zuklappte und ganz allein in seiner Wohnung saß. Insofern ist das Internet auch ein Fluch. Es raubt uns Zeit, überflutet uns mit unnötigen Nachrichten, nimmt uns den persönlichen Kontakt und lenkt uns ab. Wir verspüren einen unheimlichen Druck durch die digitalen Medien: Der Raum unserer Informationsmöglichkeiten wird praktisch ins Unendliche erweitert.
Was hilft gegen diesen Druck? Wie kann man sich frei machen?
Wir müssen Grenzen ziehen und filtern: Welche Informationen und Nachrichten lasse ich durch und wie viele am Tag? Wie kann ich Nachrichten kanalisieren und so konsumieren, dass sie mich nicht überfluten? Wo kann ich Kanäle auch mal zumachen? Letztlich hilft: in den Wald gehen oder auf die Yogamatte. Einfach mal alles auf Pause drücken. Stehen bleiben – und ausatmen.
Die Fragen stellte Victor Schlothauer, Dramaturgieassistent am Burgtheater und Dramaturg bei BAMBI & DIE THEMEN.
Porträtbild von Mia Constantine
Mia Constantine
© Alexander Schuktuew

Mia Constantine

wurde in Wiesbaden geboren und absolvierte nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften und Kunstgeschichte ein Regiestudium an der Akademie für darstellende Kunst in Ulm. Sie hospitierte und assistierte am Hessischen Staatstheater Wiesbaden u. a. bei Herbert Fritsch. Nach ihrem Studium wurde sie feste Regieassistentin in Regensburg. In dieser Zeit entstanden erste eigene Regiearbeiten. Seit der Spielzeit 2016/17 ist sie als freischaffende Regisseurin tätig, unter anderem am Jungen Theater Ingolstadt, am Staatstheater Meiningen, am Theater Koblenz, am Staatstheater Wiesbaden und im Burgtheater Vestibül.

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