Wie wirke ich als Frau?

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Von persönlichen Begegnungen von Burgtheaterschauspieler*innen mit Werken bildender Kunst erzählt unsere YouTube-Serie THEATER TRIFFT MUSEUM. Zum Auftakt der zweiten Staffel besuchte Dagna Litzenberger Vinet die Ausstellung „Widerständige Musen“ in der Kunsthalle Wien. Denn diese widmet sich einer Schauspielerin, die unser neues Ensemblemitglied schon lange zum Vorbild hat: Delphine Seyrig.

Dagna Litzenberger Vinet vor einer Projektion
© Lukas Beck
Ein Protokoll. Aufgezeichnet von Anne Aschenbrenner, Redakteurin des Burgtheater Magazins und Leiterin des Burgtheater Digital-Ressorts.

Ich bin ganz frisch nach Wien gezogen und kenne die Stadt und ihre Museen daher noch nicht so gut. Ich freue mich sehr, das alles zu entdecken! Die Ausstellung Widerständige Musen in der Kunsthalle hat mich interessiert, weil ich Delphine Seyrig als Filmschauspielerin sehr mag und mich ihre aktivistische Arbeit auch abseits ihrer Filmkarriere fasziniert. Genau darum geht es in dieser Ausstellung. Der erste Film, den ich mit ihr gesehen habe, war „Baisers volés“ von François Truffaut. Da war ich noch Teenager. Delphine Seyrig hat in diesem Film nur einen kurzen Auftritt, aber der ist von einer enormen Eleganz und sie hat so eine besondere Art, mit der französischen Sprache umzugehen. Erst später habe ich entdeckt, dass Seyrig damals schon mit der Rolle, in die sie gesteckt wurde, unglücklich war. Sie hat kritisch reflektiert, welche Frau sie da spielen soll. Seyrig wurde in wichtigen Filmen besetzt, zum Beispiel in „Marienbad“ von Alain Resnais. Ein revolutionärer Film in der Form und Spielweise. Aber nicht, was die Frauenrollen betrifft.

THEATER TRIFFT MUSEUM ist eine YouTube-Serie des Burgtheaters. Schauspieler*innen besuchen ein leeres Museum und erzählen von einer persönlichen Kunstbegegnung.

Alle Folgen: burgtheater.at/theater-trifft-museum

Das Erste, was mir beim Betreten dieser Ausstellung auffällt, ist, dass man sehr viele Frauenstimmen hört, die uns gleich etwas erzählen werden. In den 1970er Jahren wurden nicht viele Frauen ins Fernsehen eingeladen, um über Feminismus und die Position der Frau zu sprechen. Wir sehen hier einige Ausschnitte von Seyrigs Auftritten in Talkshows. Wie schafft man es, auszudrücken, dass man sich in eine Rolle als Frau und Schauspielerin hineingedrängt fühlt? Sie erklärt, dass sie durch das Kennenlernen und die Gemeinschaft mit anderen Frauen begonnen hat, offen zu sprechen und sich nicht mehr von Männern in Machtpositionen unterdrücken zu lassen. In diesem Beitrag stellt sie die Frage, welche Frauen denn eigentlich im Fernsehen gezeigt werden. Das war 1972. Frauen sind immer Skript, sagt sie, aber hinter der Kamera sind alles Männer. „Ihr filmt uns auf die Art, wie ihr uns wollt!“. Irgendwann hat Delphine Seyrig mit der Regisseurin Carole Roussopoulus selbst die Kamera in die Hand genommen und begonnen, Frauen zu interviewen. In Sois belle et tais toi!, „Sei schön und halt die Klappe!“, erzählen Schauspielerinnen von ihren Erfahrungen in der Filmindustrie. Eine Attacke auf das patriarchale Fernsehsystem!

Theater trifft Museum: Folge #5 mit Dagna Litzenberger Vinet
THEATER TRIFFT MUSEUM #5: Dagna Litzenberger Vinet & Delphine Seyrig. In der Kunsthalle Wien.

Delphine und Carol dokumentieren Frankreichs feministische Geschichte. Sie zeigen Sexarbeiterinnen in Lyon, die für ihre Rechte kämpfen. Sie lassen Frauen über das Gebären und über ihre Sexualität sprechen, sie gehen auf Demonstrationen. Ich bin 1987 geboren und gehöre noch zu einer Generation, in der die Rollenbilder sehr klar waren. Auch bei uns zu Hause hat der Papa gearbeitet und die Mama hat sich um uns Kinder gekümmert. Auch wenn sie es auf ihre Art sehr stark gemacht hat. Mir war aber immer klar, dass ich alles genauso gut machen kann wie mein Bruder, oder sogar besser.

Diese Ausstellung zeigt uns, dass wir als Frauen mit einem Schema aufwachsen. In einem der Videos sagt Delphine Seyrig, dass es eine Art Überlebenssinn ist, dass man sich als Frau in die Rolle wirft, die von einem erwartet wird. Aber irgendwann schreit man. Und irgendwann haben die Frauen geschrien. Es musste ausgesprochen werden, damit sich etwas ändert!

Wie erzählt man den Beruf der Schauspielerin? Was erzählen uns diese Backstage-Fotografien, die wir hier sehen? Worin besteht ihr Feminismus im Kern?, steht hier an der Wand. Darunter sehen wir ein Foto einer Schauspielerin, auf dem sie kostümiert, elegant, wie eine Diva dasteht. Man fragt sich selbst: Was wird von mir als Frau erwartet? Welche Rollen spiele ich als Schauspielerin, welches Frauenbild wird dabei reproduziert? Und vor allem: Wie soll ich eigentlich sein?

Dagna Litzenberger Vinet

gehört seit der Spielzeit 2022/23 zum festen Ensemble des Burgtheaters. Hier ist sie in der Eröffnungsproduktion Ingolstadt gemeinsam mit vielen anderen neuen Ensemblemitgliedern auf der Burgtheaterbühne zu erleben.

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Wie wirke ich als Frau?

Protokoll: Dagna Litzenberger Vinet teilt ihre Gedanken während des Besuchs der Ausstellung „Widerständige Musen“ in der Kunsthalle Wien im Rahmen der Reihe THEATER TRIFFT MUSEUM.
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