Manchmal träumen wir von Europa.

Juri Andruchowytsch gehört zu den wichtigsten ukrainischen Schriftstellern der Gegenwart und gilt als unverzichtbarer Chronist der ukrainischen Geschichte, die er in eindrücklichen Sprachbildern den Leser*innen seit Jahren näherbringt. 

APROPOS GEGENWART: MANCHMAL TRÄUMEN WIR VON EUROPA

Juri Andruchowytsch im Gespräch mit Martin Pollack

30. November 2022, 20 Uhr
Neuer Veranstaltungsort: 
Österreichischen Nationalbibliothek - Augustinertrakt Oratorium, Josefsplatz 1, 1010 Wien 

Die Veranstaltung ist ausverkauft. 

Am 30. November ist Juri Andruchowytsch zu Gast in unserer Gesprächsreihe APROPOS GEGENWART. Mit dem österreichischen Historiker, Autor und Ukraine-Kenner Martin Pollack wird Juri Andruchowytsch über die Gegenwart und Zukunft der Ukraine sowie sein Werk sprechen. Dazu hören Sie Auszüge aus Texten des Autors, gelesen von Philipp Hauß. 

Als KOSTPROBE finden Sie hier einen Essay von Juri Andruchowytsch über die Einstellung der galizischen Ukrainer zur alten Donaumonarchie, erschienen im Band "Das letzte Territorium" (Suhrkamp).
Philipp Hauß hat ihn für Sie eingelesen.

#KOSTPROBE. Philipp Hauß liest Juri Andruchowytsch

Über die Einstellung der galizischen Ukrainer zur alten Donaumonorachie

Die Apologie des seligen Österreich (»Großmama Österreich«, wie die Bewohner Galiziens zu scherzen pflegten) beginnt für mich mit der Feststellung, daß gerade dank der unendlichen sprachlichen und ethnischen Vielfalt dieser Welt das ukrainische Element überdauern konnte. Mag es auch gegen seinen Willen geschehen sein — ohne das alte Österreich gäbe es uns heute nicht. Die Menschheit wäre um eine Kultur, eine Mentalität, eine Sprache ärmer. Ich finde, schon aus diesem Grund hätte der »alte Prohazka«, der Kaiser Franz Joseph I., den Nobelpreis für kulturelle Arterhaltung verdient, wenn ein solcher Preis posthum und überhaupt vergeben würde.

Zweitens hat sich in der ukrainischen Sprache dank dieses leichtsinnigsten aller Imperien ein Dialekt erhalten, zu dessen typischen Charakteristika eine so absonderliche wie anmutige Melange ausgeprägter Germanismen gehört: von der »fana/Fahne« über »fertyk/fertig« bis zum fast sakralen »szlak by joho trafyw/der Schlag soll ihn treffen«. Was würde denn ich, ein ukrainischer Schriftsteller, heute ohne diese Germanismen anfangen?

Kaum zu glauben, daß es Zeiten gab, da meine Stadt, (Iwano-Frankiwsk) Teil eines staatlichen Organismus war, zu dem nicht Tambow und Taschkent, sondern Venedig und Wien gehörten.

Drittens ist es allein ihr, dieser Großmama seligen Angedenkens, zu verdanken, daß sich vieles versöhnen und vereinen ließ, was zuvor unversöhnlich und unvereinbar nebeneinander existierte. Durch die Aufsplitterung und Durchdringung der Kulturen, durch seine biologische wie historische Teilhabe an allem auf dieser Welt, stellte dieses Imperium ein wahres Panoptikum dar, eine präsentable Sammlung von Exoten und Monstern. Es war gezwungen, für Freiheit und Pluralismus zu votieren, um praktisch allem Unterschlupf zu bieten - von den Chassidim bis zu den Altgläubigen, von den geheimnisvollen Karaimen zu den Zigeunern aus der Marmaros -, und fing als vermutlich erstes Weltreich damit an, den rassischen, religiösen und ethnischen Verfolgungen Einhalt zu gebieten.

Viertens hat es uns eine Architektur hinterlassen, die anders ist, Städte, die anders sind, denen es das Recht des Über-dauerns verlieh, auf dessen Grundlage sie sich hartnäckig und ungeachtet aller widrigen Umstände dem Verfall widersetzen.

Fünftens und letztens schließlich hatte es uns neue geographische Perspektiven erschlossen, es hat uns gelehrt, nach Westen zu blicken und uns an der zarten Dämmerung des Okzidents zu delektieren. Kaum zu glauben, daß es Zeiten gab, da meine Stadt, (Iwano-Frankiwsk) Teil eines staatlichen Organismus war, zu dem nicht Tambow und Taschkent, sondern Venedig und Wien gehörten! Die Toskana und die Lombardei befanden sich innerhalb derselben Grenzen wie Galizien und Transsylvanien.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts hätte ich kein Visum gebraucht, um mit Rilke zusammenzutreffen oder vielleicht mit Gustav Klimt, und um nach Krakau, Prag, Salzburg oder Triest zu gelangen, hätte es genügt, eine Fahrkarte für den jeweiligen Zug zu lösen. Allen, die daran zweifeln, sei empfohlen, sich einmal mit den Fahrplänen der k. k. Staatsbahn zu beschäftigen.


Dies sind meines Erachtens die fünf Hauptthesen zur Verteidigung unserer österreichisch-ungarischen Geschichte. Es könnten dieser Thesen noch viel mehr sein, und sie könnten auch anders lauten - ich werde mich freuen, wenn sie jemand korrigiert oder ergänzt. Oder auch widerlegt.


Aus: Juri Andruchowytsch. Das letzte Territorium. Essays. Aus dem Ukrainischen von Alois Woldan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003

© Stefan Klüter

Juri Andruchowytsch

geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, studierte Journalistik und begann als Lyriker. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance- Gruppe „Bu-Ba-Bu” (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen „Rekreacij” (Karpatenkarneval), „Moscoviada” und „Perverzija” (Perversion), die unter anderem ins Englische, Spanische, Französische und Italienische übersetzt wurden, ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden.

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