Edition Burgtheater

Ausgewählte Aufzeichnungen zum Wiedersehen & Neuentdecken

Mit ausgewählten Aufführungen aus der Edition Burgtheater (erschienen bei HOANZL, ebenso erhältlich bei Flimmit, eine Kooperation mit dem ORF) zeigen wir in den nächsten Wochen jeweils am Freitag und am Montag legendäre Inszenierungen, die das Bild dieses Hauses prägten und veränderten, zu Klassikern wurden und ästhetische Haltbarkeit bewiesen, egal ob sie in den 1960er oder in den 2000er Jahren entstanden – zum Wiedersehen und Neuentdecken. Diese Aufzeichnungen werden jeweils am Freitag und am Montag ab 18 Uhr für 24 Stunden an dieser Stelle oder auf unserem YouTube Kanal abrufbar sein.

Stream: Freitag, 22. Mai, 18 Uhr, bis Samstag, 23. Mai, 18 Uhr

Drei Wiener "Cottagegeschöpfe" Geschwister und Erben eines Großindustriellen: Ludwig (Gert Voss) hat sich der Philosophie verschrieben und forscht nach nie gedachten Gedanken – in England, in Norwegen und zuletzt im berühmten Wiener Sanatorium Steinhof. Seine beide Schwestern sind Mehraktionärinnen des Josefstädter Theaters in Wien und selbst Schauspielerinnen: Die jüngere (Ilse Ritter) hat es dabei zu größeren Engagements gebracht, die Begabung der älteren (Kirsten Dene) reicht nur für kleine und kleinste Rollen.
Umso mehr fühlt sie sich für die Familie und insbesondere für ihren Bruder verantwortlich und hat Ludwig (gegen dessen Wunsch) aus der psychiatrischen Anstalt nach Hause geholt. Vor, während und nach dem Mittagessen im Speisezimmer der feudalen Döblinger Villa spielen sich nun – und vermutlich nicht zum ersten Mal – die alltäglichen Katastrophen einer reichen, exzentrischen Familie ab. Die Geschwister, meint Ludwig, haben "nie zusammengepasst" und sind dennoch aneinander gekettet: aus Furcht vor Einsamkeit, Abhängigkeit und inzestuöses Begehren.
Doch bei Thomas Bernhard führen die Ungeheuerlichkeiten menschlicher Beziehungen nicht mehr zur Tragödie, sondern geradewegs zur Groteske – sofern die dunklen Familiengeheimnisse nicht überhaupt unter den Tisch gekehrt werden.

Mit: Ilse RITTER, Kirsten DENE, Gert VOSS

Inszenierung: Claus PEYMANN
Bühnenbild, Kostüme: Karl-Ernst HERRMANN
Mitarbeit: Katrin BRACK

Premiere: 4. September 1986, Akademietheater (Uraufführung), Saison 1986/87
Koproduktion mit den Salzburger  Festspielen 1986
Aufzeichnung aus dem Jahre 1986, Akademietheater

 

Unser Programm

April

Stream: Karfreitag, 10.4., 18 Uhr, bis Karsamstag, 11.4., 18 Uhr

GLAUBE UND HEIMAT
Karl Schönherr

Zerrissen ist ein Volk, verfolgt werden die Andersdenkenden: ein Edikt des Kaisers befiehlt die Vertreibung der Protestanten aus Österreich und eine brutale Hetzjagd stellt sie vor die unerbittliche Wahl, sich dem Willen und Glauben der Obrigkeit zu unterwerfen oder die eigene Heimat zu verlassen. Nicht nur die Glaubensfrage, auch Angst und Misstrauen zerreißen nun die Familienbande: Die Familie des alten Rott  ist gespalten. So brutal das Vorgehen des "Wilden Reiters" ist, der im Auftrag der Regierung allen Lutheranern den Tod bringt, so verzweifelt klammert sich der alte Rott trotzdem an den eigenen Besitz. Doch selbst die Toten haben in diesem Land keine Heimat mehr: Die alte Sandpergerin wird als Protestantin auf dem Schindanger verscharrt. Als Rott dies erfährt, ist er endlich bereit, Hab und Gut aufzugeben und woanders ein neues Leben zu beginnen. Sein Sohn Christian zieht mit, muss aber aufgrund der politischen Weisung den eigenen kleinen Sohn zurücklassen.
1910 in Wien uraufgeführt und eines der erfolgreichsten Bühnenstücke seiner Zeit, erzählt GLAUBE UND HEIMAT heute, am Beginn eines neuen Jahrtausends, exemplarisch von unserem Umgang mit dem Fremden: ein apokalyptischen Bilderbogen von brutaler Ausgrenzung und Vertreibung. 

Mit: Bernd Birkhahn, Maria Hengge, Ignaz Kirchner, Agnes Riegl, Sylvie Rohrer, Hilke Ruthner, Hermann Scheidleder, Martin Schwab, Edmund Telgenkämper, Nicki von Tempelhoff, Johannes Terne, Dirk Warme, Michael Weber, Werner Wölbern, Paul Wolff-Plottegg, Bibiana Zeller u.v.a.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme:  Heide Kastler

Premiere: 20. Jänner 2001, Burgtheater, Saison 2000/01
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 2001
 

Stream: Ostermontag, 13.4., 18 Uhr, bis Dienstag, 14.4., 18 Uhr

ANATOL
Arthur Schnitzler

Anatol – Schnitzlers Wienerische Antwort auf CASANOVA und DON JUAN: Ein Verführer, der stets hofft, verführt zu werden. Er ist zugleich Sieger und Verlierer im charmanten Liebes-Roulette und süchtig nach dem Spiel selbst. Denn jeder Gewinn – jede Eroberung – nährt die Hoffnung auf das ganz große Los – die wirkliche, einzige und wahre Liebe. 
Robert Lindner, eleganter Charmeur und philosophischer Dandy, spielt den Anatol, an seiner Seite Wolf Albach-Retty als ironisch-heiterer Max. Und mit Käthe Gold, Christiane Hörbiger, Paula Wessely Johanna Matz und Blanche Aubry ist eine hochkarätige Damenriege versammelt, die den notorischen Verführer augenzwinkernd an seine Siege glauben läßt: denn Cora, Berta, Ilona und all die anderen haben die Fäden, an denen Anatol zu ziehen meint, selbst fest in der Hand.


Mit: Wolf Albach-Retty, Blanche Aubry, Karl Eidlitz, Christiane Hörbiger, Käthe Gold, Josef Krastel, Robert Lindner, Johanna Matz, Paula Wessely, Richard Eybner

Regie: Ernst Lothar 
Bühne: Lois Egg 
Kostüme: Erni Kniepert

Premiere am 11. Juni 1960, Akademietheater, Saison 1959/60
Aufzeichnung aus dem Akademietheater aus dem Jahre 1961 

Stream: Freitag, 17.4., 18 Uhr, bis Samstag, 18.4., 18 Uhr

VIEL LÄRM UM NICHTS 
William Shakespeare

In Shakespeares aberwitziger Komödie prallen verschiedene Wirklichkeitsebenen aufeinander. Die Männer kehren aus einem Krieg zurück ins "heimische Paradies", in dem die Frauen bis dato ganz gut ohne einen Mann an ihrer Seite zurechtkamen. Sie fühlen sich fremd in dieser Welt, in der plötzlich nicht mehr mit Schwertern um den Sieg, sondern mit Worten um Gefühle gekämpft wird. 
Zwei Paare, die verschiedener nicht sein könnten, werden einander gegenüber gestellt: Auf der einen Seite Claudio und Hero, die lieber heute als morgen heiraten wollen, obwohl sie sich kaum kennen, und durch die Intrigen des bösartigen Don John daran gehindert werden. Auf der anderen Seite Beatrice und Benedict, die geschworen haben, sich niemals und unter keinen Umständen mit dem anderen Geschlecht einzulassen, aber schließlich doch heiraten.
Für Regisseur Jan Bosse spielt die Geschichte um die ersten überzeugten Singles der Theatergeschichte in der Welt einer Pseudo-Idylle. Eine künstliche Welt der Oberfläche und der Illusion, nur zur Triebabfuhr geschaffen für eine Gesellschaft, die am liebsten von sich selbst Urlaub machen würde. Liebe zuzulassen fällt hier schwerer, als man denkt oder einen das Theater glauben machen will. Doch darf sich der Zuschauer daran erfreuen, wie Shakespeare wahre Verbal-Eroten skizziert, deren Fetisch der Witz und die eigene Schlagfertigkeit sind. Vor Selbstverliebtheit blasen sie ihr Ego so weit auf, dass das wahre Objekt der Leidenschaft fast aus ihrem Blickfeld gerät. Am Ende der Komödie siegt die Welt des verwirrenden Scheins, in der sich Witz, harmlose Torheit und Liebe nur als Strategien entpuppen, ohne die das Überleben in dieser Gesellschaft der verschlagenen Täuschung schlicht unmöglich wäre.

Mit: Dorothee Hartinger, Michael Masula, Joachim Meyerhoff, Christian Nickel, Nicholas Ofczarek, Christiane von Poelnitz, Jörg Ratjen, Martin Reinke

Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath

Deutsche Fassung: Burgtheater
Premiere: 8. Dezember 2006, Burgtheater, Saison 2006/07
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 2007

Stream: Montag, 20.4., 18 Uhr, bis Dienstag, 21.4., 18 Uhr

HÖLLENANGST 
Johann Nestroy

Der arbeitslose Schustersohn Wendelin fristet eine trübe, von Geldnot und Verfolgung gekennzeichnete Existenz. Aber nicht nur die weltlichen Machthaber scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben, auch der himmlischen Fügung ist kein Vertrauen zu schenken.
Warum es also nicht einmal mit dem Teufel als Verbündetem versuchen? Vor allem, wenn er – kaum ist der Gedanke ausgesprochen – schon leibhaftig dasteht, samt Anzahlung auf die arme Schustersohnseele. Von nun an fürchtet sich Wendelin vor jeder positiven Wendung seines Geschicks, weil sie ihm als Teil seines Pakts mit dem Teufel erscheint. Dass der nächtliche Besuch keineswegs der Teufel ist, sondern ein in Liebesdingen übers Dach geflohener junger Richter, ahnt Wendelin nicht. 
Im Verlauf der folgenden Intrige um die heimliche Hochzeit des Richters mit einer jungen Frau, die ihr habgieriger Onkel in ein Kloster sperren will, um sich ihrer Güter zu bemächtigen, steht Wendelin, der sich fest in der Hand des Bösen glaubt, das erste Mal in seinem Leben auf der richtigen Seite. 
Nestroys Posse HÖLLENANGST, uraufgeführt ein Jahr nach der gescheiterten Revolution von 1848, spiegelt die deprimierende Vergeblichkeit der Revolte wieder: Nicht nur die Mächtigen halten an der bestehenden Ordnung fest, sondern auch die Ohnmächtigen haben sie so sehr verinnerlicht, dass jede Veränderung, ihres Glaubens nach, nicht mit rechten Dingen zugehen kann. 

Mit: Louie Austen, Alexandra Henkel, Daniel Jesch, Dietmar König, Johannes Krisch, Joachim Meyerhoff, Nicholas Ofczarek, Caroline Peters, Barbara Petritsch, Denis Petković, Robert Reinagl, Paul Wolff-Plottegg u.a.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler

Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Premiere im Burgtheater: 3. September 2006, Saison 2006/07
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 2006


Stream: Freitag, 24.4., 18 Uhr, bis Samstag, 25.4., 18 Uhr
DER ZERRISSENE
Johann Nestroy

In Nestroys ZERISSENEM geht es, wie beinahe in der gesamten Weltliteratur, um zwei zentrale Dinge: um Geld und Liebe. Beides Faktoren, die Glück bringen und die menschliche Suche danach sinnvoll abkürzen könnten. An beidem aber herrscht meist ein so notorischer Mangel, dass er die Menschen oft genug in Verzweiflung stürzt. Den Mangel an beidem hat Nestroy "verschoben", als Posse gestaltet: Die Titelfigur, Herr von Lips, hat eher zu viel Geld. Und bis er, der zu Anfang gesteht, dass er nicht weiß, was er will, zu der Erkenntnis kommt, dass es wohl die Liebe sein könnte, vergeht ein ganzer Theaterabend. Jene aber, die sich, keineswegs arm, um ihn scharen und auf den Erwerb von Geld ohne Arbeit hoffen - durch Erbschleichen und Heiraten etwa - verlieren am Ende alle Hoffnung und stehen als betrogene Betrüger da. Was so leichtfüßig daherzukommen scheint, erweist sich als Pandämonium der Begierden und Ich-Verluste, man stürzt von dieser Welt in jene, der Balkonsturz in den reißenden Fluss steht so für eine Weltlage, die nicht nur durch fehlende Schrauben aus den Angeln zu gehen droht. Wunsch- und Alpträume geben ineinander über, und Nestroy verspottet die Bürger, die den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen.
Erst am Ende ist der reiche Herr von Lips, der eine Fahrt von der Erde ins Fegefeuer hinter sich hat, durch die Liebe zu einem Landmädel bekehrt – vielleicht riecht dieser Schluss aber auch ein bisschen zu sehr nach happy end, als dass er wirklich von dieser Welt sein könnte …

Mit: Detlev Eckstein, Karlheinz Hackl, Hans Dieter Knebel, Juergen Maurer, Robert Meyer, Birgit Minichmayr, Branko Samarovski, Hermann Scheidleder, Kitty Speiser, Dirk Warme

Regie: Georg Schmiedleitner
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Klaus Bruns
Musikkonzept: Wolf Schlag
Komposition & Arrangement: Leonhard Paul

Premiere: 14. September 2001, Burgtheater, Saison 2001/01
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 2001

Stream: Montag, 27.4., 18 Uhr, bis Dienstag, 28.4., 18 Uhr

HELDENPLATZ 
Thomas Bernhard

Wien, März 1988. Vor wenigen Tagen – am 50. Jahrestag von Hitlers Einmarsch in Wien – hat sich Professor Josef Schuster, ein aus England nach Wien heimgekehrter Emigrant, aus dem Fenster seiner Wohnung auf den Heldenplatz gestürzt. Die Haushälterin Frau Zittel räsoniert über die Gründe der Verzweiflungstat, verursacht durch antisemitische Anfeindungen, denen sich Professor Schuster seit seiner Rückkehr aus dem Exil gegenübersah. Der Selbstmord scheint umso weniger begreiflich, als der Professor entschlossen war, endgültig nach Oxford auszuwandern, um seinen ehemaligen Lehrstuhl wieder einzunehmen. In England erhoffte er sich auch Besserung für den psychischen Zustand seiner Frau, die in der Wohnung am Heldenplatz noch immer von den "Sieg-Heil"-Rufen der jubelnden Menge 1938 verfolgt wurde. 
Nach dem Begräbnis unterhalten sich Anna und Olga, die Töchter des Verstorbenen und Robert Schuster, dessen Bruder und ebenfalls Wissenschaftler, im Volksgarten über die nun notwendig gewordenen Veränderungen und Entscheidungen. Doch die praktischen Überlegungen münden bald in einer schonungslosen Diagnose der österreichischen Zustände. Robert Schuster setzt zu einer verzweifelt-scharfsichtigen Suada an, die er im 3. Bild – die Witwe und der engste Familien- und Freundeskreis haben sich nach dem Begräbnis in der Wohnung am Heldenplatz versammelt – fortsetzt: Eine Bestandsaufnahme, die weder Österreichs Politiker, noch den Klerus, aber auch die Bevölkerung nicht verschont, während die Witwe des Professors noch immer von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht wird.

Mit: Therese Affolter, Kirsten Dene, Detlev Eckstein, Wolfgang Gasser, Karlheinz Hackl, Frank Hoffmann, Marianne Hoppe, Elisabeth Rath, Anneliese Römer, Bibiana Zeller

Inszenierung: Claus Peymann
Bühnen & Kostüme: Karl-Ernst Herrmann

Uraufführung: 4. November 1988, Burgtheater, Saison 1988/89
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 1988
 

PROGRAMM FÜR MAI

Stream: Staatsfeiertag, 1. Mai, 18 Uhr, bis 2. Mai, 18 Uhr

KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE
Franz Grillparzer

Der grausame Böhmenkönig Ottokar, glücksverwöhnt und unberechenbar, ist tot. Stattdessen ist mit dem bescheidenen Rudolf von Habsburg endlich Frieden in Österreich eingekehrt. Tyrannische Willkür wurde ersetzt durch gottesfürchtige Milde, und somit ist der Weg frei für eine Geschichte, die siebenhundert Jahre andauerte und den Titel trägt: "Die Habsburger in Österreich".
Mit dieser Sichtweise aufs Stück sind seit der Uraufführung von KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE viele Inszenierungen über die Bühne gegangen - Rudolf von Habsburg als Türsteher zum Eingang einer neuen, besseren Zeit. Dabei stellte sich heraus, was für eine großartige Projektionsfläche für die jeweiligen politischen Sichtweisen Grillparzers Stück bot. Eigentlich müsste es demnach "Die Machtübernahme der Habsburger als Entwicklung zum Guten, Gerechten, Geordneten" heißen. Es heißt aber KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE und davon handelt es - vom Glück und Ende eines Menschen und davon, dass das eine manchmal unmittelbar mit dem anderen zusammenhängt.

Mit: Bibiana Beglau, Michele Cuciuffo, Wolfgang Gasser, Sabine Haupt, , Ronald K. Hein, Daniel Jesch, Johannes Krisch, Michael Maertens, Rudolf Melichar, Karl Merkatz, Tobias Moretti, Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth Robert Reinagl, Johannes Terne, Paul Wolff-Plottegg u.v.a.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler

Premiere: 15. Oktober 2005, Burgtheater, Saison 2005/06
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Aufzeichnung aus dem Burgtheater 2005

Stream: Montag, 4. Mai, 18 Uhr, bis Dienstag, 5. Mai, 18 Uhr

DAS WEITE LAND
Arthur Schnitzler

Paula Wessely und Attila Hörbiger, das berühmteste Schauspieler-Ehepaar des Burgtheaters, als Friedrich und Genia Hofreiter – eines der bekanntesten Theater-Ehepaare der Weltliteratur: Im charmanten Plauderton wird die Fassade einer großbürgerlichen Ehe aufrechterhalten, nur hinter den Zwischentönen verbergen sich die Abgründe. Hofreiter, erfolgreicher Fabrikant und Frauenheld, betrügt seine Frau Genia ohne Unterlass und bemäntelt die Lieblosigkeit, mit der er seine Abenteuer offen auslebt, mit Ehrlichkeit. Genias Loyalität und Treue berühren ihn wenig, im Gegenteil, er gesteht seiner Frau sogar zu, ihr einen Seitensprung nicht verdenken zu können. Doch als Genia sich tatsächlich einem jungen Liebhaber zuwendet, beginnt Hofreiter mit zweierlei Maß zu messen – und die feine Klinge der kultivierten Konversation wird gegen Duell-Pistolen getauscht.

Mit: Trude Ackermann, Ernst Anders, Erich Auer, Viktor Braun, Gandolf Buschbeck, Erna Forst, Adrienne Gessner, Angelika Hauff, Fred Hennings, Attila Hörbiger, Helmuth Janatsch, Doris Kirchner, Heinz Moog, Veit Relin, Alma Seidler, Johannes Schauer, Hannes Schiel, Wilhelm Schmidt, Otto Schmöle, Hans Thimig, Hermann Thimig, Paula Wessely

Regie: Ernst Lothar
Bühnenbilder: Otto Niedermoser
Kostüme: Erni Kniepert


Premiere: 29. Oktober 1959, Akademietheater, Saison 1959/60
Aufzeichnung aus dem Akademietheater aus dem Jahre 1960

Stream: Freitag, 8. Mai, 18 Uhr, bis Samstag, 9. Mai, 18 Uhr
DAS MÄDL AUS DER VORSTADT
Johann Nestroy

Über Nestroys Gestalten schwebt das Lächeln der Götter, zumindest jener, die mit Wien etwas zu tun haben. Denn Nestroys Menschen sind artikulierte Natur, seine Schwänke lustigste, weiseste Menschen-Fabeln. Man muß diese närrischen, vom Dichter belebten Lebewesen aus dem Wiener Busch, auch die Argen und Schlimmen, die Faulen und Gefräßigen, die Tölpel und die Übertölpelten, lieben. Nestroy war kein Moralist. Wenn bei ihm die Tugend das Laster besiegte und Hochmut vor dem Fall kommt, so ist das ein sittliches Ordnung machen weniger um der Sittlichkeit als der Ordnung willen. Nur keine Schlamperei.
Nestroys Dichtung ist das schönste Monument, das je dem Mutterwitz eines Volkes errichtet wurde. Er selbst, dieses Witzes souveräner, schonungsloser Gebraucher, sah durch ihn die Menschen, die er sah, in allen Farben und Ultrafarben. Und baute aus solcher Buntheit den heitern Regenbogen seines Possenwerkes: als Zeichen der Versöhnung zwischen Schöpfer und Kreatur. 

Mit: Trude Ackermann, Ernst Anders, Lona Dubois, Richard Eybner, Helma Gautier, Ernst Gegenbauer, Ingeborg Gruber, Elisabeth Höbarth, Christiane Hörbiger, Josef Meinrad, Susi Nicoletti, Hans Thimig, Josef Wichart

Regie: Leopold Lindtberg 
Bühnenbilder & Kostüme: Fritz Butz 
Musikalische Einrichtung & Leitung: Alexander Steinbrecher 

Premiere: 7. Juni 1962, Theater an der Wien (Vorstellung des Burgtheaters im Rahmen der Wiener Festwochen), Saison 1962/63

Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 1962

Stream: Montag, 11. Mai , 18 Uhr, bis Dienstag, 12. Mai, 18 Uhr
OTHELLO
William Shakespeare

Es ist vor allem das Fremde, das George Tabori bei seiner Inszenierung von Shakespeares OTHELLO fasziniert haben mag. Tabori zeigt in Karl-Ernst Herrmanns einfachem Spielraum eine heutige Männergesellschaft: militärisch, großsprecherisch, trinkfreudig. Voll gefährlicher Infantilität, nur scheinbar locker. Der Mohr hat sich hier eingefügt, sich mit der ihm eigenen Souveränität, die aus dem Leiden kommt, eine geachtete Stellung erobert. Doch er ist keiner von ihnen. Er wohnt nahe am Chaos. Sein Absturz vollzieht sich in der Entfesselung von Naturgewalten, die Gert Voss mit geradezu magischer Kraft beschwört. […] Das Sensationelle an der Gestaltung durch Voss ist die Anverwandlung des Fremden. Nicht mit äußerlicher Brillanz wird die Figur eines Schwarzen hergestellt, vielmehr scheint ein Mensch in einen anderen zu schlüpfen. Kaum etwas erinnert an den Schauspieler, den man kennt, Hoch auf einem schmalen, gefährlichen Grat der Schauspielkunst sieht der Zuschauer einen neuerfundenen Menschen traumwandlerisch sicher gehen und verfolgt jeden Schritt, jede Bewegung, jede Äußerung mit vor Spannung fiebernder Anteilnahme. (DIE WELT)

Mit: Anne Bennent, Giorgia Cavini, Günter Einbrodt, Florentin Groll, Ignaz Kirchner, Rudolf Melichar, Elisabeth Orth, Gert Voss, Dieter Witting, Peter Wolfsberger, Heinz Zuber

Inszenierung: George Tabori
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Jorge Jara
Musik: Stanley Walden

Premiere: 10. Jänner 1990, Akademietheater, Saison 1989/90
Aufzeichnung aus dem Akademietheater aus dem Jahre 1992

In unserem Stream war in der historischen OTHELLO-Inszenierung (Akademietheater 1992) von George Tabori Gert Voss in der Titelrolle zu sehen. Eine prägnante Setzung von Taboris Inszenierung war der symbolische Umgang mit Hautfarbe als sozialem Stigma. Gert Voss, der bereits zu Lebzeiten als legendärer Shakespeare-Interpret galt, wurde "schwarz" geschminkt. Wie in der Aufzeichnung zu sehen, färbt die Theaterschminke ab, je weiter das Stück voranschreitet. Der Vorgang, den stigmatisierten Othello auszugrenzen, hinterlässt Spuren bei allen. Zeitlebens sah Tabori den Sinn des Theaters darin, "Schauspieler zu Menschen zu machen" – und zu zeigen, was sie einander antun können. Sein Theater war verzweifelt komisch und hoffnungslos optimistisch; streitbar wie er selbst. Theater und die Debatte darüber sind immer im Kontext ihrer Zeit zu sehen. Inzwischen haben sich Sehgewohnheiten, aber auch die Bewertung von szenischen Mitteln verändert. Was heute als Blackfacing beschrieben und kritisiert wird, wurde in Taboris Inszenierung 1992 als Mittel der Kritik an rassistischer Ausgrenzung verwendet. Und als Zeichen der Verwandlung – von Schauspielern in Menschen.

Am Burgtheater wird der sich stets weiterentwickelnde, rassismus- und diskriminierungskritische Diskurs über Repräsentationsfragen als Bereicherung empfunden. Entsprechend deutlich positionieren wir uns gegen jede Form sozialer Ausgrenzung und für eine offene und plurale Gesellschaft.

Stream: Freitag, 15. Mai, 18 Uhr, bis Samstag, 16. Mai, 18 Uhr
WEH DEM, DER LÜGT!
Franz Grillparzer

In Kriegszeiten lässt sich der Küchenjunge Leon aus dem Dienst des fränkischen Bischofs Gregor entlassen und als Sklave in germanisches Feindesland verkaufen. Ziel seines tollkühnen Unternehmens ist die Befreiung von Atalus, der als Neffe des Bischofs vom Grafen Kattwald im Rheingau gefangen gehalten wird. Der Bischof gibt Leon das Losungswort Weh dem, der lügt! mit auf den Weg, an das sich der junge Mann strikt hält. Wortgewandt und schlagfertig wird ihm die wahre Rede zum perfekten Mittel der Täuschung, so dass er nicht nur Atalus findet, sondern auch alle Mittel zur Flucht organisiert. Doch der Plan gelingt nur, weil Edrita, die junge Tochter des Grafen, sich an ihr wahres Gefühl, ihre Liebe zu Leon, hält und den beiden Fremden zur Freiheit verhilft. Bevor Kattwalds Gefolgschaft, angeführt von Edritas ungeliebtem Verlobten Galomir, sie einholt, treffen die drei Flüchtlinge wie durch ein Wunder auf die rettenden Franken.
Grillparzers Lustspiel, 1838 am Burgtheater uraufgeführt, verweist als märchenhaftes Mysterienspiel auf die Grenze des Sagbaren, auf das Spiel von Lüge und Täuschung in einer "buntverworrnen" Wirklichkeit. Aus dem moralischen Ansatz des Stückes entwickelt sich ein skeptischer Blick auf die Welt, in der allein das eigene Gefühl die unaussprechliche Wahrheit noch verbürgen kann.

Mit: Michele Cuciuffo, Heinz Frölich, Florentin Groll, Katharina Schubert, Martin Schwab, Nicki von Tempelhoff, Bruno Thost, Stefan Wieland, Dieter Witting, Werner Wölbern u.v.a.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler

Premiere: 30. Oktober 1999, Burgtheater, Saison 1999/2000
Aufzeichnung aus dem Burgtheater aus dem Jahre 2001

Stream: Montag, 18. Mai, 18 Uhr, bis Dienstag, 19. Mai, 18 Uhr
DER THEATERMACHER
Thomas Bernhard 

Die Vorgeschichte ist ein Theaterskandal: Thomas Bernhard bestand für die Salzburger Uraufführung seines Stücks  „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ auf Abschaltung der Notbeleuchtung und absolute Finsternis, eine Forderung, die feuerpolizeilich nicht durchzusetzen war. Bernhard quittierte die Vorschriften mit Verweigerung: "Eine Gesellschaft, die 2 Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus!" Im THEATERMACHER greift Thomas Bernhard die feuerpolizeiliche Schikane wieder auf. 
Schauplatz ist der verkommene Theatersaal des Gasthofs "Schwarzer Hirsch" in Utzbach, das exakt 280 Einwohner zählt. Dort will der ehemalige Staatsschauspieler Bruscon seine Weltkomödie "Das Rad der Geschichte" aufführen, deren Höhepunkt und Voraussetzung die absolute Finsternis sein soll. Doch Bruscon und seine Truppe sind nicht weniger erbärmlich als der Wirtshaussaal: seine lungenkranke, ständig hustende Frau, der unbegabte Sohn Ferrucio und die nicht den Ansprüchen des Vaters entsprechende Tochter Sarah. 
Doch die Familienmitglieder sind Bruscon nicht nur als Mitwirkende, sondern, gemeinsam mit dem wortkargen Wirt, auch als Publikum dem "Theatermacher" rettungslos ausgeliefert – ihm und seinen Tiraden über die Vergeblichkeit der Kunst, die Verkommenheit des Staates, die Unzulänglichkeit des Publikums und das mangelnde Kunstverständnis der Feuerpolizei.

Mit: Josef Bierbichler, Traugott Buhre, Kirsten Dene, Regina Fritsch, Josefin Platt, Martin Schwab, Bibiana Zeller, 

Inszenierung: Claus Peymann
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Jorge Jara

Premiere: 1. September 1986, Burgtheater (Uraufführung), Saison 1986/87
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Aufzeichnung aus dem Jahre 1986, Burgtheater

Stream: Freitag, 22. Mai, 18 Uhr, bis Samstag, 23. Mai, 18 Uhr
RITTER, DENE, VOSS 
Thomas Bernhard

Drei Wiener "Cottagegeschöpfe" Geschwister und Erben eines Großindustriellen: Ludwig (Gert Voss) hat sich der Philosophie verschrieben und forscht nach nie gedachten Gedanken – in England, in Norwegen und zuletzt im berühmten Wiener Sanatorium Steinhof. Seine beide Schwestern sind Mehraktionärinnen des Josefstädter Theaters in Wien und selbst Schauspielerinnen: Die jüngere (Ilse Ritter) hat es dabei zu größeren Engagements gebracht, die Begabung der älteren (Kirsten Dene) reicht nur für kleine und kleinste Rollen.
Umso mehr fühlt sie sich für die Familie und insbesondere für ihren Bruder verantwortlich und hat Ludwig (gegen dessen Wunsch) aus der psychiatrischen Anstalt nach Hause geholt. Vor, während und nach dem Mittagessen im Speisezimmer der feudalen Döblinger Villa spielen sich nun – und vermutlich nicht zum ersten Mal – die alltäglichen Katastrophen einer reichen, exzentrischen Familie ab. Die Geschwister, meint Ludwig, haben "nie zusammengepasst" und sind dennoch aneinander gekettet: aus Furcht vor Einsamkeit, Abhängigkeit und inzestuöses Begehren.
Doch bei Thomas Bernhard führen die Ungeheuerlichkeiten menschlicher Beziehungen nicht mehr zur Tragödie, sondern geradewegs zur Groteske – sofern die dunklen Familiengeheimnisse nicht überhaupt unter den Tisch gekehrt werden.

Mit: Ilse RITTER, Kirsten DENE, Gert VOSS

Inszenierung: Claus PEYMANN
Bühnenbild, Kostüme: Karl-Ernst HERRMANN
Mitarbeit: Katrin BRACK

Premiere: 4. September 1986, Akademietheater (Uraufführung), Saison 1986/87
Koproduktion mit den Salzburger  Festspielen 1986
Aufzeichnung aus dem Jahre 1986, Akademietheater