"Ich ist ein Anderer"

PROBENEINBLICKE #7: Zu Thomas Bernhard, einem Motorsägen-Unfall und dem Stück DIE JAGDGESELLSCHAFT. Ein Gespräch

Markus Scheumann (und Ensemble)

Unser Gesprächspartner ist umgeben von Thomas Bernhard-Reliquien: ein zerfetztes Stück Hosenstoff, Manuskripte mit  Annotationen und handschriftlich korrigierten Texten, Fotos und Aufnahmen aus verschiedenen Lebensabschnitten des 1989 verstorbenen Autors – anlässlich der Gesprächsreihe PROBENEINBLICKE #7 zur Neuinszenierung von Thomas Bernhards DIE JAGDGESELLSCHAFT befinden wir uns in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek und sprechen mit dem Literaturwissenschaftler und Direktor des Hauses, Dr. Bernhard Fetz. 

Thomas Bernhards 90. Geburtstag wird im ganzen Land zelebriert, seine Texte und Werke stehen neuerlich hoch im Kurs – als wäre das je anders gewesen. Den Abschluss der #ThomasBernhard90-Feierlichkeiten des Burgtheaters (seit 9. Februar werden täglich Lesungen unseres Ensembles veröffentlicht) bildet eine Sonderausgabe unserer Reihe PROBENEINBLICKE zur nächsten Bernhard-Premiere DIE JAGDGESELLSCHAFT im Akademietheater:

Bernhard Fetz gibt im Gespräch mit Dramaturg Alexander Kerlin Einblicke in das Selbstverständnis des Landbewohners und Rollenspielers Thomas Bernhard – und erzählt, auch anhand eines Unfalls mit einer Motorsäge aus dem Jahr 1972, wie Leben und Werk des Schriftstellers in Bezug zueinander stehen. 

IM ZUSTAND DER TÄUSCHUNG

Lesen Sie hier das ausführliche Interview mit Dr. Bernhard Fetz anlässlich der Premiere DIE JAGDGESELLSCHAFT und #ThomasBernhard90.

 

Alexander Kerlin: Bernhard Fetz, wie ist Ihre persönliche Beziehung zu dem Autor Thomas Bernhard?

Bernhard Fetz: Ich bin in Bregenz in die Schule gegangen, und natürlich haben wir dort Handke und Bernhard gelesen. Ich bin dann schon in den 1980er Jahren nach Wien gekommen und habe die ganzen Peymann-Aufführungen gesehen, das alles hautnah miterlebt. Einer meiner besten Freunde damals war Martin Huber, späterer Mitherausgeber der Bernhard-Ausgabe im Suhrkamp-Verlag. Im Februar 1989 war ich mit ihm gemeinsam Skifahren im Salzkammergut, und auf der Rückfahrt hörten wir das Mittagsjournal, während wir an Gmunden vorbeifuhren und hörten, dass Thomas Bernhard gestorben ist. Das hat uns sehr berührt.

Bernhard wurde immer wieder gefragt: „Wer sind sie wirklich? Sind sie das?“ Und er sagt immer „Ich bin ein anderer. Ich bin viele. Wir sind immer andere.“

 

Jetzt wäre Thomas Bernhard 90 Jahre alt geworden, und überall gibt es gerade Jubiläen, Rückblicke, Neu-Inszenierungen. Was hätte Bernhard zu dem Hype gesagt?

Seine Haltung wäre wahrscheinlich ambivalent gewesen. Einerseits betonte er ja, dass er auch nur ein Mensch ist und wie alle Schriftsteller*innen die Kritiken liest und ihn das nicht ganz kalt lässt. Andererseits hat er irgendwann Anfang der 1980er Jahre, glaube ich, mit dem allen wirklich abgeschlossen: keine Preise, keine Ehrungen, nichts mehr. Also er hätte das sicher abgetan, aber vielleicht dann doch mit etwas diabolischem Vergnügen verfolgt.

Bernhard hat der Stadt früh den Rücken gekehrt, hat sich zurückgezogen, wollte am Land leben. Warum?

Die Ärzte haben ihm früh gesagt: Die Stadt tut Ihnen nicht gut. Er hatte ein ganz ambivalentes Verhältnis zu diesem Landleben. Einerseits ist es seine Gegend, das Salzkammergut, dieses Hügelland, dann auch diese Existenz auf dem Land mit Bauern, mit Handwerkern, mit den sogenannten einfachen Menschen, mit denen er kokettiert hat, einer von ihnen zu sein, wobei er selber sagt, das muss immer misslingen. Es gibt eine wunderbare Stelle in einem Interview, wo er in etwa sagt: Ja, ich kann mir die alte schmutzige Hose anziehen und so tun, als ob ich zu denen gehörte und die Säge in die Hand nehmen. Aber das gelingt natürlich nicht, weil irgendwann geht es ihm immer um diese „Geistesarbeit“, wie sie Thomas Bernhard nennt, um diese geistige Existenz. Aber jedenfalls, er hat dort in Ohlsdorf im Salzkammergut ein Haus gekauft und renoviert, später kamen noch andere Häuser dazu. Er brauchte das auch als Druck zum Schreiben, das Geld auszugeben, einen Vorschuss auf seine Bücher zu verlangen, um wieder etwas zu kaufen.

Wenn man sich die Fotos ansieht von seinem Haus in Ohlsdorf, dann hat man das Gefühl, das ist gar nicht so richtig zum Wohnen gemacht, sondern es wirkt alles irgendwie inszeniert, unfassbar aufgeräumt. Jedes Möbelstück ist sehr bedacht. Und irgendwo lag angeblich zu einer Zeit ein Exemplar seiner AUSLÖSCHUNG drapiert, und der Raum darum war farblich an das Buch angepasst. Dann die vielen Bilder von Bernhard in Tracht. Kann man sagen, Bernhard hat sich und sein Leben auch für die Öffentlichkeit inszeniert?

Ja, er war Poseur. Er hat sich eben als Bauer zu Nathal, wo er seinen Vierkanthof hatte, inszeniert. Er hatte einen Traktor, eine eigene Stallanlage, die damals hochmodern war, wo aber nie Kühe drinstanden. Bernhard wurde immer wieder gefragt: „Wer sind sie wirklich? Sind sie das?“ Und er sagt immer „Ich bin ein anderer. Ich bin viele. Wir sind immer andere.“ Das sagt auch die Figur des Schriftstellers in DIE JAGDGESELLSCHAFT, und nimmt damit auch indirekt Bezug auf Rimbauds berühmtes Zitat, das man vielleicht an den Anfang des 20.Jahrhunderts stellen könnte: „Ich ist ein anderer.“ Bernhard sagt: In mir steckt meine ganze Familie. In mir stecken Kleinbauern, Schweinehändler, Schriftsteller, Philosophen wie der Großvater, Kleinbürger, Großbürger. Und ich bin irgendwie alles. Aber es gibt natürlich wenige Menschen, die damit so spielerisch umgehen konnten und diese verschiedenen Existenzformen ausagieren, in einem kongenialen Spiel mit den Medien, mit Journalist*innen, mit Interviewer*innen, mit Fernsehteams.

Heißt das, er hat mit seinem Leben praktisch auch einen bestimmten Wirklichkeitsbegriff dekonstruiert?

Absolut. Ich glaube, Wirklichkeit und Wahrheit sind ganz große Begriffe für Bernhard gewesen. Und da wird es wirklich ernst, nämlich todernst. Manchmal wird diese Radikalität in der Rezeption nicht mehr wahrgenommen, weil man nur mehr den Clown sieht oder denjenigen, der sich lustig macht. Da ist aber das Werk, und beim Frühwerk ist das besonders stark da. Da geht es wirklich um alles, da geht es um die Existenz, da geht es um den Körper, der immer auf den Tod zusteuert, um eine Geistesexistenz, die ohne den Körper nicht denkbar ist. Ich finde das ist eine ganz radikale Erkenntnis, die er von Anfang an durchgezogen hat. Der Kopfmensch Bernhard hat immer im Bewusstsein der Körpergetriebenheit gelebt, obwohl sein eigener Körper, wie er selber sagt, nicht viel hergegeben hat in dem Sinne, was man in der Jugend mit seinem Körper so anstellt. Und die Körper kommen im Werk als Verstümmelte vor, als Zerstörte, als Todgeweihte. Das war eine Prämisse, dass die Geistesexistenz ohne die körperliche Existenz nicht zu denken ist. Und das gebiert natürlich dann oft auch komische Momente, wenn das eine dem anderen in die Quere kommt.

In DIE JAGDGESELLSCHAFT fällt auf, dass die Wahrheit über den Gesundheitszustand von General und Wald am Ende in Form eines Theaterstücks offenbart wird. „Stellen wir uns ein Theaterstück vor, in dem ein General eine Hauptrolle spielt…“ sagt der Schriftsteller. Das heißt, die Wahrheit kann sich nur im Raum der Lüge oder des „als ob“ zeigen, im Rahmen des Theaters.

Ich finde, DIE JAGDGESELLSCHAFT ist eines seiner besten Stücke. Es zeigt die Bernhard’sche Poetik in Reinform, ohne dass sie jemals aufdringlich würde, sondern sie ist ganz, wie Sie sagen, in die Dramaturgie des Stückes eingebunden. Natürlich hat die Figur des Schriftstellers große Ähnlichkeiten mit dem Autor selbst. Aber er ist eben nicht Thomas Bernhard. Er ist ein anderer. Und das ist nicht nur eine Floskel, die man mal so von sich gibt, wenn man Wirklichkeit und Kunst miteinander vergleicht. Sondern das wird sehr klar vor Augen geführt. Natürlich ist der Schriftsteller derjenige im Stück, der der Wahrheit am nächsten kommt. Er ist schon der Typus dieses freien, freigeistigen Intellektuellen, der auf einem beharrt, nämlich auf dem Bruchstückhaften der Welt, auf einer Position, die eben niemals in Einklang mit der Wirklichkeit und der Welt zu bringen ist. Und das auszuhalten macht dann sozusagen den freien Kopf aus und unterscheidet ihn von der Borniertheit seiner Umgebung. Aber das ist natürlich auch eine ganz moderne Erfahrung. Da ist Bernhard nicht der erste, der so denkt, dass eben die Wirklichkeit im 20. Jahrhundert nicht mehr als Ganzes erfahrbar ist.

Auf der einen Seite kommt die Wahrheit überhaupt nur im Bereich des Spiels zum Ausdruck, auf der anderen Seite muss der Wald gefällt werden, weil er krank ist. Wie ist denn das Verhältnis von Kunst und Natur bei Bernhard gewesen?

Ich finde es fast schon visionär, dass in diesem Stück von 1972 der Borkenkäfer und das Abholzen dieses riesigen Waldes zwei ganz zentrale Motive sind. Wenn wir daran denken, dass in den letzten Jahren vor allem im nördlichen Österreich, im Waldviertel, wegen der heißen Sommer große Waldflächen gerodet werden mussten, weil sie vom Borkenkäfer befallen waren, das ist schon unglaublich. Das Bild dieser riesigen, kahl geschlagenen Flächen, die zerstörte Natur, das ist mit unseren Erfahrungen fünfzig Jahre später sehr kompatibel. Da steckt auch ein zivilisationskritisches Moment darin, dass die Natur bedroht ist und der Wald umgesägt werden muss, wie der Körper seines Besitzers, des Generals, todgeweiht ist, vor dem das aber verheimlicht wird, dass der Wald so krank ist. Und zu Ihrer Frage: Ja, die Kunst ist natürlich, weil sie vom Körper herstammt. Und die Natur ist künstlich, weil sie aus Projektionen, aus Vorstellungen besteht, die geprägt sind von Kitsch und von großen Kunst- und Landschaftsbildern aus Fremdenverkehrsprospekten. Und Bernhard hat das sehr früh radikalisiert. Wir können das Natürliche nur denken in Beziehung zu etwas Künstlichem. Und die Wissenschaft ist ja neben der Kunst und der Natur der dritte Begriff, um den die Werke von Bernhard kreisen. Die Erfahrung im 20.Jahrhundert ist eine technische Erfahrung. Und die Untergangserfahrungen und die Vernichtungserfahrungen, der Holocaust, sind auch technische Erfahrungen.

Ja, die Kunst ist natürlich, weil sie vom Körper herstammt. Und die Natur ist künstlich, weil sie aus Projektionen, aus Vorstellungen besteht, die geprägt sind von Kitsch und von großen Kunst- und Landschaftsbildern aus Fremdenverkehrsprospekten.

Der Ofen im Jagdhaus ist fast gar nicht anders zu lesen als in Bezug auf die Shoah. „Die Kunst des Ofenheizens / ist die Kunst der Gewissenhaftigkeit / des Nachlegens / und die Kunst der Pünktlichkeit /des Absperrens“, sagt der Schriftsteller in offen ironischer Anspielung auf deutsche Tugenden. 

Das spielt natürlich bei Bernhard, nicht nur in HELDENPLATZ, sondern im gesamten Werk eine ganz zentrale Rolle. Einerseits die Vernichtung der europäischen Juden im Dritten Reich, aber auch die damit verbundene Emigration der „Geistesmenschen“ aus Österreich. Wie etwa Wittgenstein; diejenigen, die weggehen aus Österreich, die nur woanders existieren können. Die vertriebene Intelligenz nach 1945. Das hat viel mit Bernhards Blick auf Österreich zu tun, auf dessen Geistesfeindlichkeit.

Während Bernhard DIE JAGDGESELLSCHAFT schrieb, war er größtenteils in Ohlsdorf. Dort ereignete sich im Jänner 1972 ein Unfall, der uns exemplarisch zeigt, wie sehr Bernhards Werk mit seinen realen Erfahrungen aufgeladen ist.

Ich bin vor etlichen Jahren in einer Thomas Bernhard-Sammlung, die von seinem Nachbarn und Gesprächspartner Karl Ignaz Hennetmair, dem Immobilienmakler, stammt, auf ein Stück zerrissene Hose gestoßen. Das war alles schon hier in den Archiven: Es handelt sich um das Stück einer Arbeitshose, aufgeklebt auf einen Karton und rundherum beschriftet, eine der seltsamsten, skurrilsten Reliquien. Die Hose gehörte einmal Thomas Bernhard, und ihre Existenz zeigt auch die Launen archivarischer Überlieferung. Es werden nicht nur große Werke überliefert, sondern eben auch dieses Stück aufgeklebter Hosenstoff. Und die dazugehörige Geschichte fasziniert mich deswegen, weil sie diesen ganzen biografischen Komplex von Leben und Werk veranschaulicht.

Wir haben ja von Bernhard als Poseur gesprochen. 1972 hat er den Wald vor einem seiner Häuser - wunderbar gelegen, oberhalb von Gmunden - ausgeputzt, wie man im Dialekt sagt, das heißt Bäume geschnitten. Ein junger Baum ist dabei zurückgeschnellt, hat ihm die Motorsäge aus der Hand geschlagen, die laufende Motorsäge ist oberhalb des Knies ins Bein des Dichters eingedrungen und hat ihn verletzt. Er ist dann ins Krankenhaus gefahren und sein Bruder, der Internist in Gmunden war, hat die Wunde dann später noch versorgt. Und diesen Hosenunfall erzählt Bernhards Freund Karl Ignaz Hennetmair in seinem Tagebuch EIN JAHR MIT THOMAS BERNHARD, das viel später erschienen ist, auf unnachahmliche Weise. Hennetmaier muss die Hose aus dem Müll gefischt oder Bernhard abgeluchst und dann eben aufgeklebt und beschriftet haben. Und das zeigen wir hier auch im Literaturmuseum als ironischen Kommentar zum Thema Dichterverehrung. Aber ich finde diese Hose eben gerade mit Blick auf die Stücke und auf das Werk interessant, weil es ja auch schlimmer hätte ausgehen können. Und kurz vorher, also vor dem Unfall, ein, zwei Jahre vorher, ist EIN FEST FÜR BORIS herausgekommen, das Stück, mit dem er bekannt wurde, da kommen lauter Beinlose vor. Und am manifestesten ist es dann in DIE JAGDGESELLSCHAFT, wo nicht der Schriftsteller diesen Unfall erleidet, sondern der General mit einer Motorsäge bewaffnet in den Wald geht und es zu diesem fatalen Unfall kommt. Und dann kommt eben der Satz, den man auch wieder biographisch lesen kann: Auch so ein Unfall, der nicht tödlich ausgeht, hängt mit unserer Todeskrankheit zusammen. Das stimmt biographisch für Bernhard und stimmt überhaupt. Er ist sozusagen ein Vorausweisen auf das, worauf unser aller Leben zusteuert. Eben auf den Tod. In einer früheren Fassung sollte der General, der diesen Unfall erleidet, dabei den Arm verlieren. In der Endfassung hat er ihn dann in Stalingrad verloren. 

„Bei mir hängt alles in der Luft, wenn man nicht weiß, woher das alles kommt, woher ich komme.“ 

Lässt sich abschließend vielleicht noch etwas Allgemeineres formulieren zum Verhältnis von Thomas Bernhards Leben zu seinem Werk? Gibt es da etwas, was diesen Autor speziell auszeichnet?

Es gibt ja auch Auffassungen von Literatur, von experimenteller Literatur etwa, die Bernhard sehr kritisch gesehen hat, die er aber selber zu Beginn der 1960er Jahre durchaus rezipiert hat, die gesagt hat, das Leben muss der Literatur ganz äußerlich bleiben. Sie ist nur Sprache und Struktur. Und der Autor ist eben ganz weit weg. Davon sind wir heute weit entfernt. Dieser Komplex, Leben und Werk, rückt auch in der Forschung immer mehr in den Mittelpunkt, ohne dass man da jetzt nur banale Kausalketten baut. Und gerade wenn man in Archiven arbeitet, Briefe liest, Fotografien betrachtet und Geschichten wie die dieser Hose entdeckt, ist die Materialität eines geistigen Werkes einfach ganz augenscheinlich. Bis hin zu dem einfachen, aber zentralen Punkt, dass auch das Hervorbringen, nämlich das Schreiben ein körperlicher Akt ist. Bernhard hackt auf die Schreibmaschine ein, oder Jelinek, die eine fast symbiotische Computer-Mensch-Beziehung lebt, oder Handke, der alles mit dem Bleistift schreibt und skizziert. Das sind alles körperliche Akte. Darüber hinaus gab es natürlich immer wieder Vorwürfe an Bernhard, wenn sich Menschen in den Werken wiedererkannten, als ob das Schlüsselromane wären. Er hat sich ja z.B. gern mit aristokratischen Menschen umgeben, hat da sehr genau beobachtet und das hinterher auch benutzt, wie der Schriftsteller in DIE JAGDGESELLSCHAFT ja auch. Bei HOLZFÄLLEN etwa gab es einen Riesenskandal, der aber zu hundert Prozent für Thomas Bernhard und den Suhrkamp-Verlag ausgegangen ist. Das Buch wurde auch durch den Skandal zu einem Bestseller.

Drittens gibt es Motive wie diesen Motorsägen-Unfall, die literarisch verarbeitet und in einen anderen Kontext gestellt im Werk auftauchen. Aber bei Bernhard ist es noch viel grundsätzlicher. Und das sagt er ja irgendwann auch selber als Begründung dafür, warum er plötzlich begonnen hat, autobiographische Bücher zu schreiben: „Bei mir hängt alles in der Luft, wenn man nicht weiß, woher das alles kommt, woher ich komme.“ Eben besonders seine Todeskrankheit, die Tuberkulose, die er mit 19 nur knapp überlebt hat. Er war ja eigentlich schon abgeschrieben von den Ärzten. Und das wollte er aufschreiben und hat gemeint, eben das sei wichtig für das Verständnis seines Werks. Ich glaube, das ist als Folie fast noch entscheidender als die einzelnen Anekdoten.

 

Transkription: Stella Radvon.

 

Dr. Bernhard Fetz, © Ingo Folie
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Bernhard Fetz ist Direktor des Literaturarchivs, des Literaturmuseums, der Sammlung für Plansprachen und des Esperantomuseums der Österreichischen Nationalbibliothek und Dozent am Institut für Germanistik der Universität Wien. Er ist Literaturwissenschaftler, arbeitet als Ausstellungskurator und Literaturkritiker und ist Herausgeber der Reihe ÖSTERREICHS EIGENSINN. EINE BIBLIOTHEK (Jung und Jung Verlag, 2012 ff). Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Monographien, Sammelbände und Aufsätze vor allem zur Literatur und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts; insbesondere zur Theorie der Biographie und des Archivs und zur österreichischen Moderne.

 

Herzlichen Dank an das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

 

AKADEMIETHEATER

DIE JAGDGESELLSCHAFT 
THOMAS BERNHARD

Regie: Lucia Bihler

Mit: Jan Bülow, Maria Happel, Arthur Klemt, Robert Reinagl, Markus Scheumann, Martin Schwab, Arthur Klemt, Robert Reinagl, Dunja Sowinetz u.a.

In einem Jagdhaus, fernab der Stadt, inmitten eines Zuchtwalds von gigantischen Ausmaßen, warten die Generalin und der Schriftsteller auf die Ankunft des Generals: ein stolzer Stalingrad-Veteran, Großgrundbesitzer, Jäger und ranghoher Politiker auf dem Höhepunkt seiner Macht. Es schneit und der Bedienstete Asamer heizt ein gegen die winterliche Kälte. Das Gespräch der Generalin mit dem Dichter kreist um den Finalzustand, in dem sich der alte General und dessen Welt entgegen dem Anschein tatsächlich befinden.

Der Wald ist von Borkenkäfern zerfressen und muss abgeholzt werden, im Körperinneren des Generals wütet eine unheilbare Krankheit, und sein Augenlicht ist vom Grauen Star angegriffen, die Erblindung nur eine Frage der Zeit. Den unvermeidbaren, doppelten Untergang sieht der General nicht voraus: Seine Frau versucht mit allen Mitteln, die unheilbaren Krankheiten von Wald und Körper vor ihm zu verheimlichen. Als der General schließlich mit seiner Gefolgschaft im Jagdhaus ankommt und sich zur Jagd bereitmacht, ahnt er noch nicht, dass es seine letzte sein könnte.

 

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