Der Riss im Weltgefüge

Nach den Leseproben ZU REICH DES TODES im Dezember 2021 konnte das Ensemble Rainald Goetz Fragen stellen, die im Folgenden mit den Antworten von Goetz auch im Originaltyposkript abgebildet sind. 

© Anna Haifisch

Mit REICH DES TODES ist Rainald Goetz nach langer Pause als Autor zurück. Er hat nun wieder – das erste seit JEFF KOONS, das 1999 uraufgeführt wurde – ein Theaterstück geschrieben. Nach Erhalt des Georg-Büchner-Preises 2015, der wichtigsten Auszeichnung für deutschsprachige Literatur, hatte Rainald Goetz mit dem Schreiben pausiert. In REICH DES TODES beschreibt er fast genau zum 20. Jahrestag den 11. September 2001 als Initialzündung der gesellschaftlichen globalen Katastrophe, deren Auswirkungen wir in Gänze noch nicht zu überschauen in der Lage sind. Der zweifach – als Historiker und Mediziner – promovierte Goetz schreibt auch dieses Stück als Wissenschaftler, als Struktur- und Zahlenfanatiker, schonungslos, unsentimental, analytisch und dabei dennoch in seiner ihm eigenen Atemlosigkeit und voller Witz. In einem weiten zeitlichen Bogen skizziert er globale politische Entwicklungslinien und die Protagonisten*innen darin. Wir sind zentral darin besetzt. Goetz zeigt nicht mit dem Finger nach Amerika, sondern zeichnet die gedankliche Linie von rechts- und völkerstaatlichen Errungenschaften und ihrer kontinuierlichen Missachtung.

Die realen Personen der Zeitgeschichte, Bush und sein Regierungskabinett sowie die Täter*innen von Abu Ghraib, verbannt er in eine mit „Hades“ überschriebene Aufzählung unter sein Personalverzeichnis. 

Die Figuren im Stück nehmen zwar dieselben politische Positionen ein, werden aber von Goetz grotesk fiktionalisiert und erweitert durch historische Personen aus verschiedenen Zeiten und Kontexten, wie beispielsweise: Roon, preußischer Kriegsminister des 19. Jahrhunderts, oder Kelsen, oder auch Schill, ehemaliger „Richter Gnadenlos“ und Innensenator in Hamburg.

Rainald Goetz schreibt REICH DES TODES in 5 Akten, mit Prolog und Epilog. Spielerisch durchsetzt er den Text mit assoziativen Impulsen durch Motti, Zwischentitel, durch musikalische Motive, popkulturelle Referenzen, titelgebende Ausflüge in die Bildende Kunst oder den Film, und schafft damit assoziative Nebenwelten, die unausgesprochen mitschwingen, dem Stück dennoch eine größere Reichweite verleihen.  

Inszeniert wird das Stück im Akademietheater von Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann.

Siebzehn Antworten auf 16 Fragen (1/3)
© Rainald Goetz

SIEBZEHN ANTWORTEN AUF 16 FRAGEN 

1. Hinabgestiegen in das Reich des Todes: Gibt es die Gerechten, gibt es einen Aufstieg, gar eine Auferstehung?

Im Stück gibt es keine Auferstehung, es geht ganz um diesen Abstieg in das Reich des Todes, die geschichtliche Realität, absichtlich falsches Handeln, persönliche Schuld, und die Gegenideen der Gerechtigkeit werden weltimmanent behandelt, als mögliche Vernunft des Rechts, wie sie sich in der Bürokratie realisiert, bei Kelsen, oder als leise moralische Skrupel in der Figur von Frau von Ade, aber weit entfernt von einer Kategorie wie (mit bestimmtem Artikel auch noch) »die Gerechten«, oder gar von irgendwelchen transzendentalen Konzepten. Nein, Reich des Todes, Abstieg, Analyse, aus.

 

2. Wäre es gerechtfertigt, eine 9/11-Narration mit einem weißen, christlichen, aber ungläubigen (wie es sich für den modernen Westen gehört), aber dennoch, wenn es darauf ankommt, christlichen Mann als Protagonisten zu denken? Und für wen wäre das Ihrer Meinung nach interessant?

Eine solche Narration fände ich falsch. Interessant ist, wie es wirklich war, und so ist es auch im Stück dargestellt: fanatischer Glaube trifft auf fanatischen Glauben, der Präsident als extrem gläubiger, furchterregend religiöser Mensch. Das hat die politische Reaktion auf die religiös motivierten Attacken irrational entpolitisiert, inhuman enthemmt. Warum sollte man das ändern? Ein ungläubiger Protagonist wäre weniger verrückt gewesen, dadurch auch dramatisch weniger interessant.

 

3. Wie laut meldet sich der Katholik beim Schreiben oder beim Denken in Ihnen?

Eher leise, aber stetig, im Interesse an den Dingen des Religiösen, an Glaube, Theologie, dem Bösen, dem Sinn von Liturgie, der Feier des Kollektiven im Bemühen um richtiges Handeln, was sagt die Heilige Schrift dazu und zur Geschichte der letzten viertausend Jahre, im Verständnis für den Respekt vor Kirche als Institution und der all das begleitenden Intuition, daß die letzten Fragen offen sind, in Bezug auf Ich, Gewissen, Gott.

 

4. Gibt es einen »gerechten Krieg«?

Heute wahrscheinlich nicht mehr.

 

5. Als Chronist Ihrer Zeit, warum kommt die Aufarbeitung der Anschläge vom 11. September nun 20 Jahre nach den Ereignissen? War der 11. September für Sie persönlich ein »Turning Point« auf die Welt zu blicken?

Es hat einfach zwanzig Jahre gedauert. Auch deshalb, weil der Riß im Weltgefüge durch den 11. September so tiefgehend und kompliziert ist. Außerdem war es auch für mich persönlich wirklich ein Wendepunkt, weil quasi zeitgleich zu 9/11 mein bisheriges Arbeitsprojekt, das Ineins von Autobiographie und Gegenwart, an sein Ende gekommen war.
In den Folgejahren traf eine sehr reale, dabei diffuse Verdüsterung der Zeit auf mein eigenes Tasten nach Neubestimmung meines Schreibens. Als die Dunkelheit sich lichtete, um 2006 herum, Stichwort Sommermärchen, Fußball-WM in Deutschland, bekam ich wieder ein Gefühl für meine zukünftigen Arbeiten: weniger Ich, mehr Welt, Politik und Wirtschaft, Studium des geschichtlichen Moments von 9/11, Rekonstruktion der spezifischen Gestimmtheit der darauf folgenden Nullerjahre, das Buch »Schlucht«.
Depression und Hysterie, in »Klage« und »loslabern«, kapitalistische Manie, Egozentrik und existenzialistischer Sturz in »Johann Holtrop«; danach, seit 2012, der Versuch für das Theater den politischen Ursprungspunkt zu erfassen, 9/11, Terror, Krieg und Folter. Dabei wurde der Gegenstand, je mehr er sich zeitlich entfernte, umso größer und schwieriger darzustellen; auch weil die leitende Formidee, den Beispielsfall eines nachpostdramatischen Theaters an diesem politischen Gegenstand zu entwickeln, so viele so extrem gegensätzliche Ansprüche an den Text in plausible Balance zu bringen hatte.
Das fertige Stück setzt jetzt in Bezug auf 2001 im Jahr 2019, unter Ausklammerung der Zehner Jahre, einen Schlußpunkt, den die Realität der juristischen Prozesse im realen Camp Justice irrerweise immer noch nicht gefunden hat. Am Maßstab der Verbrechen, um die es geht, und der Paradigmatizität der Vorgänge sind zwanzig Jahre eine lange, aber vielleicht nicht überlange Zeit.

 

6. Was bedeutet 9/11 Ihrer Meinung nach für islamisch Gelesene?

Das weiß ich nicht, es ist eine vom Stück auf fast grotesk entschiedene, eindeutige Weise nicht behandelte Frage.

Siebzehn Antworten auf 16 Fragen (2/3)
© Rainald Goetz

7. Der Sarkophag steht für Sie wofür? Woher kam für Sie der metonymische Verwendungszweck?

Sarkophag als Ort, wo die Toten für immer erhalten aufbewahrt werden. Im Stück wird das zum Namen des Lagers, umgreift die Totalität aller Konkreta dort, die Bauten und Taten, alles Erlittene, und das Abstrakte all dessen, was man darüber weiß, was  „Lager”  generell sind. Der Name »Sarkophag« selbst wird heute auch für den inzwischen brüchigen Betonmantel um die Ruine des Atomreaktors von Tschernobyl verwendet.
 

 

8. Ergänzen Religionen sich gegenseitig, unterdrücken sie sich oder gehören sie allesamt verboten?

Durch die Unfaßbarkeit ihres Gegenstands und die Fundamentalität ihres Zugriffs auf den Menschen haben Religionen in der Wirklichkeit stark polemogene Komponenten. Offenbar konnte die Geschichte dennoch nicht auf das verzichten, was sie für die Gesellschaft leisten, sie sind deshalb auch von keiner noch so klugen Vernunft verbietbar.

 

9. Was hassen Sie an Künstlern am meisten?

Man weiß es vorher nicht, wird davon überrascht, habituelle Allergien sind ja bekanntlich Stumpfsinn, nein. Haß ist eine Stichflamme, die hochschießt im Moment der erstaunten Feststellung: ist doch falsch! Gemeinheit, Lüge, eitel! Dann wird dieser Lichtblitz der Erregung analytisch nachbearbeitet und auf Kommunikabilität geprüft, auf seinen Neuwert, ob das wirklich frischer, heißer, schöner, böser, junger Haß ist, der die Welt erhellt, gedanklich präzisiert, und wenn man genügend herzlich, offen und ungrantig aufgelegt ist, kann die Mitteilung gerechtfertigt sein, die Freude vermehren an Ungerechtigkeit, Bosheit, Streit und Kritik, an öffentlicher geistiger Bewegung.

 

10. Träumen Sie von einer Revolution? Wenn ja, was gälte es vor allem zu erreichen / verändern / abzuschaffen? Wenn nein, was wollen Sie dann?

Ich träume den irrationalen, extrem simplen Traum von  „Güte”, daß die Leute nett miteinander umgehen, rücksichtsvoll, zartfühlend, vernünftig, höflich. Das wäre eine Revolution, das schon, aber die könnte nur jeder für sich selbst machen, wenn er sie machen wollen würde. Und mindestens genauso stark wie von Güte träume ich davon, daß wirklich jeder wirklich absolut das machen kann, dürfen können soll, was er machen will.

 

11. Ist Intellektualität und hoher Anspruch das Mittel gegen Kulturpessimismus?

Intellektualität heißt Verstehen, Verstehen heißt Depression, weil man einsieht, warum die Dinge so sind, wie sie sind, warum so gehandelt und gedacht wird, wie es zu beobachten ist. Der Nachvollzug der Gründe erschöpft den Geist, schwächt die aktivistischen Impulse, es macht einen fertig, sich dazu zu zwingen, vernünftig zu sein, die gewaltigen Gesetze der Vernunft anzuerkennen: Melancholie. Das beste Mittel gegen Kulturpessimismus ist Optimismus, grundlos, weil die Sonne scheint und der Himmel heute wieder blaut.

 

12. »We will hunt you down and make you pay.« Sagt Joe Biden als Reaktion auf die Terroranschläge am Flughafen von Kabul im August 2021. Wiederholt sich Geschichte immer?

Ich glaube nicht, daß Geschichte sich wiederholt, wenn man genau hinschaut, sieht man den Unterschied. Sehr wohl hingegen wiederholt sich vielfach die Rhetorik; und verdeckt dadurch, inwiefern genau etwas Neues, Nichtwiederholtes, sich ereignet. Die Rede hinkt der Realität hinterher, das ergibt die interessante Spannung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich geschieht, das Forschungsgebiet Gesellschaftsstruktur und Semantik.

 

13. Wie wichtig ist Ihnen die visuelle Struktur des Textes, wie wichtig Zahlen und Gliederungen

Die Bedeutung von Zahlen und Strukturen, der Gliederungen, der Bezüge von Szenen, Akten und Unterszenen aufeinander, geht bei mir ins Wahnhafte. Dieser ganze  „Bau” des Ganzen in seiner Musikalität ist aber auch Ausdruck der Kreaturhaftigkeit des Stücks, seines Gewordenseins, seiner Konstruktion auf die Objektivität seiner Ordnung hin, also baumäßiger Teil seiner Schönheit. Dazu gehört auch die Visualität des Texts, die schriftgegebene Aufführung der Buchstaben in ihrer Summe auf dem Papier. Es ist mir all das äußerst wichtig, zugleich finde ich die Obsessivität, die mich diesen Dingen quasi ausliefert, lächerlich. Versteckt genug sollte es aber da sein dürfen.
 

 

14. Für wen oder was gibt es Applaus am Ende von  „DESASTRES DE LA GUERRA”?

Das furiose Bühnensolo endet im Applaus. Hier der Durchgang, in der Form des Epos, durch die ganze Thematik des Stücks, noch einmal insgesamt und von vorn, nach der Pause, im vierten Akt. Immer wieder, speziell zu Beginn und am Ende von Szenen beschwört der Text die Theatralizität, auf die hin er sich versteht, die Realität der Bühne. Da  RAUSCHT der Vorhang wieder hoch, aus und Applaus.

Siebzehn Antworten auf 16 Fragen (3/3)
© Rainald Goetz

15. Wie war Ihr Auslands-Schuljahr in den USA – woran erinnern sie sich besonders gut?

Ich habe es alles maximal geliebt, die Autos, die Milkshakes, die Hitze, die Schule, den Sport, das Lernen, alles. Auch daß das Ich sich in der Fremde erstmals selbst als Autor des eigenen Lebens, das da kommen würde, erfahren konnte, es war die Zeit, als Carole King sang, I feel the earth, move under my feet, I feel the sky tumbeling down. Und so ich.

 

16. Abschließend mit Augenzwinkern: Theater oder Rave? 

Natürlich immer wieder bitte beides, Theater und Rave, getrennt voneinander, so daß die Ideen und Passionen, die zur jeweiligen Aktivität gehören, sich gegenseitig animieren können.

 

17. Talking about Zahlen: Wie ist es mit der sich zahlgesetzmäßig hier quasi zwingend aufdrängenden 17. Frage nach der Erklärung der besonderen Schönheit der Zahl Siebzehn?

Im Stück  „Kolik” habe ich ausprobiert, wie es bis zur Siebzehn drei mal die perfekte Zahl Drei hochgeht zur Neun und von dort, dort in der Neun neu ansetzend, noch einmal dreimal die Drei wieder hinunter zur Siebzehn; ist doch einfach doppelt dreimal dreifach schön, schön, schön.

Rainald Goetz
© Daniel Maurer

Rainald Goetz

geboren 1954 in München, studierte Medizin und Geschichte und promovierte in beiden Wissenschaftsdisziplinen. Er hat bisher fünf Bücher über folgenden Themen geschrieben: über PSYCHIATRIE den Roman „Irre”; über REVOLUTION die Stücke „Krieg”; über die RAF „Kontrolliert”, über SPRACHE „Festung” und über PARTY die Geschichte der Gegenwart „Heute Morgen”. 

Er ist mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, wie dem Georg-Büchner-Preis 2015, dem Marieluise-Fleißer-Preis 2013, dem Schiller-Gedächtnis-Preis 2013 oder dem Berliner Literaturpreis 2012.

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