Nachgefragt: Annette Murschetz

Was Bühnenbildnerin Annette Murschetz zum Luster in "Don Karlos" inspiriert hat

Foto Annette Murschetz mit Lüster
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Von Sophie Fleckenstein

Im Wiener Hotel Intercontinental ist der quadratische Luster über der Theke das Highlight der Hotelbar. Bühnenbildnerin Annette Murschetz hat ihn mit seiner speziellen Form zum Vorbild für den Raum von Martin Kušejs Inszenierung "Don Karlos" genommen und damit im tiefschwarzen offenen Bühnenraum eine Spielfläche für das intime Spiel mit der Macht geschaffen.

"Wir haben die konkrete Zuordnung von Räumen vermieden und auch jegliche konkrete Palast-Architektur. In der Inszenierung wird weder das berühmte Aranjuez bebildert, noch eines der Schlafgemächer oder der Audienzraum. Das ist alles eine Welt: ein bedrohlicher schwarzer Raum, dessen Architektur im Verborgenen bleibt. Das einzige reale Element ist der riesige Luster, der wie eine Lichtlupe über allem hängt und natürlich auch Macht und Prunk des spanischen Hofes repräsentiert."

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Konstruktionszeichnung des Lüsters für Don Karlos

Nach der Fertigung des Modells und einfachen Maßzeichnungen wurden in der Konstruktionsabteilung des Residenztheaters Detailpläne erstellt, die als Grundlage für den Bau des Lusters durch verschiedene externe Firmen dienten. Angeliefert wurden die Einzelteile in eigens dafür hergestellten Transportwägen und im Theater zusammengesetzt.

"Ein Unternehmen lieferte die Kristalle, ein anderes übernahm den Bau der Alukonstruktion und die Vormontage. Im letzten Schritt haben dann die Theaterwerkstätten Hand angelegt, vor allem die Beleuchtungsabteilung, um den Luster den besonderen Anforderungen des Theaterbetriebs anzupassen. Zum Beispiel musste jeder einzelne der fünftausend Kristalle extra gesichert werden und bekam zusätzlich zur vorhandenen Öse, mit der die Prismen eingehängt sind, ein kleines Stahlseil hinzu – damit auf keinen Fall eines runterfallen kann."

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Foto Annette Murschetz mit Lüster

Die Lichtquelle des Lusters bilden zwei im Rahmen durchgehend verlegte LED-Leisten, eine warme und eine kalte. In Kombination lassen sie den Luster erstrahlen und sorgen dafür, dass die Kristalle wie gewünscht funkeln.

"Das war für uns alle ein absolutes Wagnis und totales Experiment. Wir konnten vorher nicht abschätzen, wie die Kristalle auf den Lichteinfall reagieren würden. Es war sowohl unklar, wie die Prismen auf das Licht der LED-Leisten reagieren und vor allem wohin sie das starke Licht des großen HMI-Scheinwerfers reflektieren, der durch die Mitte des Lusters von oben einen senkrechten Lichtkeil wirft. Wir hatten große Angst vor dem Diskokugel-Effekt und waren vorbereitet, mit Hilfe von Blenden die Spiegelungen abzukaschen – das war dann, Gott sei Dank, doch nicht nötig."

Während das Hotel Intercontinental in Wien ungewissen Zeiten gegenüber steht - lange war es vom vom Abriss bedroht, seine Zukunft ist auch heute noch nicht entschieden - , überdauert der fast vier mal fünf Meter große Bühnen-Luster die politisch wie familiär unruhigen Zeiten am Hofe Spaniens und bildet markanten Fixpunkt in Schillers-Intrigenspiel "Don Karlos" am Burgtheater.

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