“Es gibt immer ein Trotzdem”

PROBENEINBLICKE #2: DIE  ZAUBERFLŒTE EINE EXTRAVAGANZA. Mit Kommando Himmelfahrt

Videostill aus den Probeneinblicken von Zauberfloete - Eine Extravaganza

“Natürlich weinen wir um all das, woran wir jetzt nicht teilhaben können. Museen, Kaffeehäuser, all das, was man eben bei den Proben in Wien noch mitnehmen würde. Und auch die abendlichen Runden am Biertisch, wo man noch weiter über die Arbeit diskutiert, die fallen natürlich aus”, erzählt Julia Warnemünde, die gemeinsam mit Thomas Fiedler und Jan Dvořák zum Interview ins Untergeschoß der Probebühnen im Arsenal gekommen ist. Als Kommando Himmelfahrt inszeniert das Trio am Burgtheater die ZAUBERFLŒTE EINE EXTRAVAGANZA. Die Proben sind an diesem Tag gerade zu Ende gegangen, das Premierendatum ist ungewiss. “Es gibt immer ein Trotzdem”, sagt Thomas Fiedler, “Man macht eben auch jetzt trotzdem weiter und das beglückt.”

Es ist Ende November 2020. Wien liegt im Nebel, die Stadt ist vielleicht sogar noch ein wenig grauer als sonst um diese Jahreszeit: Aufgrund des Lockdowns sind so gut wie keine Touristen mehr in der Stadt, nur wenige Menschen sind unterwegs. “Wenn die Stadt momentan so leer ist”, sagt Thomas Fiedler, “und sich am Weg zur Arbeit die ganze Historie vor einem ausbreitet, man aber trotzdem die Modernität spürt da hat man das Gefühl, das passt extrem zu dem Stück und der Situation.”

Wir wollen die Schönheit der Vergangenheit nicht bewusstlos feiern.

Jan Dvořák erinnert sich an das Wien seiner Studienzeit, “eine wunderschöne, ein bisschen bröckelnde Metropole, die ganz aus der Vergangenheit lebte.” Auch wenn er in der Zwischenzeit “eine total starke Gegenkraft” spüre: “Selbst jetzt wo alle Läden zu sind, habe ich das Gefühl, dass es so eine Art Bewegung in die Gegenwart rein gibt, ohne die Schönheit der Vergangenheit aufzugeben.” Das sei, so Jan Dvořák auch für die ZAUBERFLŒTE zentral. “Mozart ist ja auch auf eine gewisse Weise pure Schönheit und wenn man nicht aufpasst, dann kann einem das auch entgleiten.” 

Als ein bewusstes Aufbrechen, ein Bearbeiten mit dem Brecheisen, bezeichnen Kommando Himmelfahrt ihre Herangehensweise an Mozarts Musik. “Wir wollen die Schönheit der Vergangenheit nicht einfach nur feiern, bewusstlos feiern, oder sie kaputt machen, sondern sie nutzen.” Inhalte, die bei der Uraufführung 1791 vielleicht gedacht worden sind, hätten heute auf eine ganz spezifische Art plötzlich eine wahnsinnige Aktualität bekommen: “Dieser ganze Kampf zwischen Aufklärung und Obskurantismus, oder Esoterik, das ist plötzlich der heißeste Konflikt unserer Zeit geworden”, erklärt Jan Dvořák. “Das hätte man vor zwei, drei Jahren noch gar nicht geahnt, da hätte man vielleicht noch ganz andere Konflikte genannt.”

Den Plan, die "Zauberflöte" zu inszenieren hegten Kommando Himmelfahrt schon länger, auch wenn sie ursprünglich an eine Inszenierung im Opern-Bereich gedacht hatten. Als sich die Möglichkeit auftat, die ZAUBERFLŒTE am Burgtheater zu machen, waren sie begeistert “Hier können wir mit hervorragenden Schauspieler*innen daran arbeiten” und begannen die Konfliktlinien heraus zu arbeiten: Vernunft vs. Aberglaube, Märchen vs. Lehrstück, Leichtigkeit vs. Ernsthaftigkeit, Aufklärung vs. Vernebelung, Infragestellung des Absoluten, Verlust sämtlicher Werte, Natur vs. Kultur.

“Jetzt kaut Jan erstmal herum”, lacht Thomas Fiedler und Jan Dvořák erklärt: “Es gibt eine 300-seitige Partitur für diesen Abend. Diese wird aber jeden Tag in der Probenarbeit in Frage gestellt. Es ist also wirklich ein dialektischer Prozess. Es gibt eine Vorlage, dann verwirft man sie wieder und so tastet man sich an das heran, was uns vorschwebt.”

Uraufgeführt wurde die "Zauberflöte" 1791 in Wien. Nicht in den zentralen großen Häusern der Stadt, wie Thomas Fiedler betont, sondern sehr erfolgreich draußen auf der Wieden, in einem Vorstadttheater, einem Volkstheater. “Wir drei haben überlegt: Was wäre denn, wenn die niemals aufgehört hätten die "Zauberflöte" zu spielen? Wenn sie seit 230 Jahren unablässig gespielt würde?!” Die Einflüsse der Zeitenwechsel, auch die grauenhaften Erlebnisse der Menschen seitdem, wären so kontinuierlich in die "Zauberflöte" eingeflossen. Das Stück hätte niemals aufgehört sich weiterzuentwickeln und jetzt, nach längerer Zeit käme diese Truppe wieder nach Wien zurück. “Das war so eine Art poetischer Grundgedanke.”

Was wäre, wenn die "Zauberflöte" niemals aufgehört hätte zu spielen?

Bei der Beschäftigung mit diesem Stoff hätten sie gespürt, erzählen die drei von Kommando Himmelfahrt, dass sich vor allem im Umgang und dem Verhältnis zur Aufklärung etwas verändert hat. Zu Mozarts Zeit galt die Aufklärung als uneingeschränkt positiver Begriff, schildern sie. “Man hatte das Gefühl, dass die Menschheitsprobleme auf diese Weise gelöst werden könnten, wenn sich alle vernunftgemäß verhalten würden, wenn man die Hierarchien niederreißen würde und das logische, aufgeklärte Denken an die Stelle treten würde.” Dann hätte man aber gemerkt, dass in dem Moment, wo alte, auch religiöse Bindungen, wegfallen, ein Freiraum entsteht, referenzieren sie im Gespräch auf Nietzsche. Die Aufklärung hätte im 20. Jahrhundert dann, “wo alle Werte plötzlich egal waren, ihre Unschuld verloren”. Sie hätte “den Tisch leer geräumt”, aber nicht nur “erfreuliches, nein vor allem auch sehr unerfreuliches” wäre nachgerückt. Der Mensch, der immer besser verstanden hätte, die Natur und die Naturkräfte zu beherrschen, sei “in seiner moralischen Entwicklung nicht mehr hinterhergekommen” Nicht zuletzt auch die ökologische Misere würde darin wurzeln. “Dieses Problem”, so Jan Dvořák, “bezeichnen wir als ‘die schwarze Seite der Aufklärung'. Damit muss man sich jetzt auseinandersetzen. Was wir also brauchen ist eine Aufklärung der Aufklärung” 

Wie man solch philosophische Gedanken auf die Bühne bringt? Die drei lachen. “Das fragen wir uns eigentlich auch dauernd” Dass ihnen das gelingt, darüber sind sie zuversichtlich. Eine Art Credo des Kollektivs Kommando Himmelfahrt ist es, mit seiner Arbeit immer nach einer positiven Zukunft zu suchen. Das Arbeiten während des Lockdowns empfinden sie so auch als “die beste Möglichkeit unter den widrigsten Bedingungen”, sagt Julia Warnemünde. Und Thomas Fiedler ergänzt: “Natürlich hoffen wir, dass es bald zur Aufführung kommt. Die Vorführung selbst, das ist tatsächlich, auch für Kommando Himmelfahrt, die absolute Erfüllung. Der Moment, der aus der Zeit raus gelöst ist: Die Vorstellung kennt keine Fehler, die findet statt in dem einen Moment und da entfaltet es sich natürlich…”

Ein Familienstück ist die Zauberflöte, wie Kommando Himmelfahrt sie inszenieren, definitiv nicht. “Wir wollten den blutigen Ernst hinter dem Familienstück aufdecken”, sagt Jan Dvořák. Die anderen nicken. - Wie blutig? “Sehr blutig, sehr blutig”, Kommando Himmelfahrt lacht. 

(aa)

Thomas Fiedler, Julia Warnemünde, Jan Dvorak
Fullscreen
Thomas Fiedler, Julia Warnemünde, Jan Dvorak
Julia Warnemünde

Julia Warnemünde, 1985 in Hamburg geboren, studierte Theaterwissenschaft und Komparatistik in Bochum, Kopenhagen und Amsterdam. Seit 2013 ist die Produktionsleiterin und Dramaturgin Teil von Kommando Himmelfahrt. Neben ihrer Arbeit mit Kommando Himmelfahrt ist Warnemünde auch als Dramaturgin am Nationaltheater Mannheim tätig und wirkt am Operneinsteiger-Programm "Alphabet" mit.

Jan Dvořák 

Jan Dvořák wurde 1971 in Hamburg geboren. Nach seinen Studien in Komposition sowie Theorie und Musikwissenschaft in Hamburg und Wien nahm er ein ergänzendes Dirigierstudium auf. Im Jahr 2008 gründete er mit Thomas Fiedler Kommando Himmelfahrt. Nach Tätigkeiten an der Zürcher Hochschule der Künste und der Oper am Nationaltheater Mannheim, wirkt er als Künstlerischer Leiter des Theater- und Musikfestivals "Mannheimer Sommer".

Thomas Fiedler

Der Regisseur Thomas Fiedler wurde 1974 in Bonn geboren. Er studierte Musiktheater-Regie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und an der Universität Hamburg. Neben Jan Dvořák ist Thomas Fiedler Gründungsmitglied von Kommando Himmelfahrt. Die Spielstätten seiner Arbeiten reichen vom Berliner Techno-Club Berghain bis zur Semperoper in Dresden. Darüber hinaus verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen zeitgenössischen Musikensembles wie dem Berliner "ensemble mosaik".

Zauberflœte – Eine Extravaganza

nach Mozart von Kommando Himmelfahrt

Die Zauberflöte ist ein echtes Wiener Markenzeichen. Hier wurde sie komponiert, hier wurde sie uraufgeführt, hier wurde sie seit 1791 abertausende Male gespielt. Doch was, wenn es sich dabei nicht um eine familientaugliche Ansammlung eingängiger Evergreens handelte, sondern um ein grausames Experiment mit dem Ziel, die tierische Natur des Menschen von seiner Vernunft zu trennen? Wenn Mozarts geniale Musik nur die Oberfläche eines Geheimnisses wäre, das die dunkle Seite der Aufklärung birgt? Auf Mozarts Spuren lässt das Regietrio Kommando Himmelfahrt sein Ensemble dieser mythisch-magischen Extravaganza von einer sechsköpfigen Band begleiten.

Konzept, Regie & Musik: Kommando Himmelfahrt (Jan Dvořák, Thomas Fiedler, Julia Warnemünde)
Bühne: Eylien König
Kostüme: Fredrik Floen
Projektionen, Klänge & Apparate: Carl-John Hoffmann
Licht: Michael Hofer
Bandleitung: Andreas Radovan
Dramaturgie: Tobias Herzberg

Mit: Gregor Bloéb, Gunther Eckes, Johanna Falkinger, Mara Guseynova, Etienne Halsdorf, Lilith Häßle, Maria Lukasovsky, Markus Meyer, Jamie Petutschnig, Katharina Pichler, Marie-Luise Stockinger

Band: Lena Fankhauser / Ulrike Greuter / Jörg Haberl / Maximilian Kanzler / Joanna Lewis / Jörg Mikula / Raphael Meinhart / Marta Potolska / Andreas Radovan / Frank Tepel / Christian Wendt

 

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