Es war einmal in den Karpaten...

Der junge Dramatiker Thomas Perle über sein Stück Karpatenflecken, das mit dem Retzhofer Dramapreis 2019 ausgezeichnet wurde.

Ich musste an den Ort zurückkehren, den wir verlassen hatten. Seit unserer Auswanderung 1991 verbringe ich beinahe jeden Sommer in der kleinen Stadt im Norden Rumäniens, die Stadt meiner Geburt, die nicht die schönste ist, doch die Davongegangenen wie ein Magnet anzieht. Wie Störche alle Jahre wieder zurück. In die leerstehenden Häuser. So saß ich im alten Haus meiner Großmutter und dachte über mein nächstes Stück nach.

Wir alle sind im Heute selbst Zeitzeug*innen.

Was erzählen, wenn der Populismus überall Fahrt aufnimmt? Über was schreiben, wenn Hass, Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie überall? Immer lauter? Der Ort inmitten der Waldkarpaten fing zu sprechen an. Der Wald und der Berg fingen auf Papier zu sprechen an. Die jüdische Vergangenheit des Ortes offenbarte sich mir.

Ich erinnerte mich an die zahlreichen Erzählungen meiner Großmutter, die sichergehen wollte, dass ihre Geschichte, unsere Familiengeschichte erzählt wird. Eine Geschichte geprägt von Flucht, Vertreibung, Auswanderung, multiethnischem Zusammenleben, multikulturellem und mehrsprachigem Miteinander und Nebeneinander.

Ich suchte nach wahren Erlebnissen, Wahrhaftigkeit und spann dieses Geschichtspanorama, in dessen Mittelpunkt drei Frauen aus verschiedenen Generationen über politische, geographische und sprachliche Grenzen hinweg durch die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts getrieben werden. Wir alle tragen Traumata vergangener  Generationen in uns. Sie wurden über Generationen hinweg weitergegeben. Ob durch das Schweigen und Vergessen- Wollen oder die offene Konfrontation durch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Wir alle sind im Heute selbst Zeitzeug*innen. Alles, was wir jetzt erleben, wird einmal Geschichte sein. Und alle haben wir unsere persönliche Geschichte. Als Teil einer eigenen Familiengeschichte. Diese wiederum als Teil von Geschichte. Seit Menschengedenken erzählen wir Menschen uns Geschichten. Geben wir unsere Geschichte weiter. Eine Generation der nächsten. So haben wir gelernt, haben wir Wissen weitergegeben. Aus der Vergangenheit heraus erleben wir das Heute, aus dem Heute bestreiten wir unsere Zukunft. Aus unserer europäischen Vergangenheit schöpfe ich persönlich Inspiration für mein Schaffen.

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Thomas Perle

Thomas Perle wurde 1987 im sozialistischen Rumänien geboren. 1991 emigrierte er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er in Nürnberg dreisprachig aufwuchs. Während seines Studiums war er in der Dramaturgie am Volkstheater Wien tätig und von 2010 bis 2012 als Regieassistent am Schauspielhaus Wien. 2015 erhielt er vom Bundeskanzleramt Österreich das Startstipendium für Literatur. Er ist Mitglied des internationalen Autorentheaterlabors WIENER WORTSTAETTEN und Teil des europäischen Netzwerks Fabulamundi – Playwriting Europe. 2018 erschien sein Prosaband „wir gingen weil alle gingen“.

 

VESTIBÜL

URAUFFÜHRUNG 

KARPATENFLECKEN 

Thomas Perle

Regie: Katrin Lindner

Mit: Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Deleila Piasko

Drei Frauen, drei Generationen, ein Geburtsort: Oberwischau in den rumänischen Waldkarpaten, Ende des 18. Jahrhunderts besiedelt von oberösterreichischen Holzarbeitern. Die Lebensgeschichten der Frauen, Nachfahren jener „teitschen“ Einwanderer und zeitlebens einer Minderheit zugehörig, fügen sich zu einem historischen Panorama, das vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Fall des Eisernen Vorhangs und den Hoffnungen auf ein besseres Leben im Westen reicht – ein Panorama, das mit einer innereuropäischen Migrationsbewegung beginnt und in der Gegenwart endet.

Dieser Text erschien im BURGTHEATER MAGAZIN #6.

 

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