Fischzug im Trüben – Eine Anmerkung zu SCHWARZWASSER

von Elfriede Jelinek

Einige Anmerkungen zu SCHWARZWASSER von Elfriede Jelinek

Schwarzwasser

Meine Theatertexte sind in erster Linie Sprechtexte (auch Lesetexte), ein Sprechen, das aber sozusagen ausgestellt wird, um dann kollektiv rezipiert zu werden. Wie im antiken Theater stelle ich meine Figuren auf Kothurne, aber Figuren sind es ja gar nicht, mein Sprechen ist es selbst, das spricht, und sich Figuren daraus erschafft, sie sollen ja wichtig werden, weil sie sozusagen mich sprechen (nicht nur an meiner Stelle). Ich spreche privat nur sehr wenig, weil ich selten unter Menschen gehe. So leihe ich mir mein Sprechen durch den Mund des Schauspielers, der Schauspielerin, vielleicht auch damit endlich wichtig wird, was ich sage. Es ist vielleicht eine Art Bittleihe. Ich kann daraus keinerlei Ansprüche ableiten, und was ich sage, das kann vom Publikum auch jederzeit widerrufen werden. Doch da die Rezeption eben kollektiv ist, kommt der einzelne mit seiner Ablehnung oder Zustimmung nicht an mich heran. Ich weiß nicht, was das Publikum denkt. Es hört aber, was ich denke.

 

Über Ibiza muss man lachen, man kann es aber nicht.

Ich glaube natürlich, daß das Theater alles darf und das meiste auch wirklich kann. Das Gesagte (und sogar Getane) schwappt in die Wirklichkeit über, deren fester Boden damit überschwemmt wird. Derzeit sehe ich z.B. überall die neuen populistischen Führer, die sich die Bühne der Öffentlichkeit holen, für sich reklamieren, und damit das Dionysische des Festes, auf Medienformat verkleinert, damit sie es auch tragen können, an sich reißen. Die Trivialisierung von Politik, wie sie derzeit in vielen Ländern praktiziert wird: Vor allem sehe ich sie in den USA, und zwar durch Trump, der mit seinem eigenen Absetzverfahren von der Realität ein Projekt der Banalisierung und Re-Ideologisierung von Politik betreibt, wobei diese Tatsache nicht das Schrecklichste ist, sondern daß ihm, überhaupt diesen neuen Führern, alles zu helfen scheint, auch alles, was gegen sie gerichtet ist, und das vielleicht sogar ganz besonders. Aus allem nähren sie sich und peitschen ihre Anhängerschaft zu falscher Einheit und Einigkeit auf. Ich sehe diese Krise des Opferkults, die ja auch der 67/7 französische Religionsanthropologe und Kulturphilosoph René Girard beschreibt, den ich öfter zitiere. Die Tragödie, die außerhalb des Theaters durch die Reden der Populisten geschrieben wird, wirft die ZuhörerInnen buchstäblich auf die Gewalt zurück, die der Ursprung des Festes ist. Das Dionysische wird durch den neuen Chor evoziert, gleichzeitig jedoch parodiert, indem das Publikum den Refrain der Wahlreden des lächerlichen Lügners und Clowns Donald Trump skandiert, bis der Chor zu einer einzigen Hetzmasse zusammenschmilzt, die keine Sublimation oder Katharsis mehr zuläßt (z.B. bei den Wahlveranstaltungen damals zu Hillary Clinton: „Lock her up, lock her up!“ und ähnliche hingeworfene, ausgekotzte Brocken, die von der Meute sofort aufgenommen und skandiert werden, in einer Profanisierung des heiligen Chors). Die alten Mittel des Theaters, die in verschiedensten Formen weitergetragen werden (auch von mir, ja, wird von mir immer gern genommen), spiegeln sich demnach in der populistischen Politik, die ich, wie gesagt, jetzt überall im Vormarsch sehe, und zwar in der direkten, trivialen und letztlich banalen Hetzrede, die wiederum ein Kollektiv schafft, wenn auch nicht vereint im Kult oder in der Kunst, sondern in dunkleren Energien wie Neid oder Haß auf Andersartige, Fremde, Unangepaßte. Ich möchte gern das Theater als das Gegenteil eines Propagandainstruments sehen (wie es noch die Nazis zum Beispiel auch durch den Drall erzielt haben, den sie den klassischen Dramen-Inszenierungen gegeben haben, um ihre Politik durchzusetzen), es soll immun sein gegen solche Versuche, und es wird ja auch derzeit, soweit ich sehe, immer vielfältiger, je einfältiger die Öffentlichkeit gehalten wird. Nicht Österreich (ein Papst hat es einmal so bezeichnet), das Theater ist eine Insel der Seligen. Auch ich darf darauf Platz nehmen. Es wäre wirklich zu hoch gegriffen, dieses Ibiza-Filmchen als Frevel zu sehen, als Opferkult-Krise (wie Girard es nennt, „die ihre Opfer unsinnige Handlungen begehen läßt“; also Opfer sind es definitiv nicht, die hier agieren, sie wären gern Täter, und sie werden schließlich Täter). Davon werden nacheinander alle befallen, diejenigen, die sich dieser Krise lustvoll hingeben, aber auch diejenigen, die ihr widerstehen, ihr etwas entgegensetzen wollen. Daher eben auch das Phänomen, daß diesen neuen Führern (und ihren Nachahmern in unseren rechten Parteien) alles zum Vorteil ausschlägt, auch die erbittertste Gegnerschaft, die sogar ganz besonders. Die Wutmarschierer fegen auf ihrem Weg alles beiseite. Das Ganze ist ja überhaupt eine einzige Absurdität, denn einerseits gibt es ja alle Formen der Reaktion (die im Grunde aber einhellig ist. Was Hardcore-Strache-Fans antreibt, kann ich nicht wissen und wenn, könnte ich es nicht nachvollziehen, aber die Ablehnung nach Ibiza war schon einhellig, nicht gerade eine dramatische Situation für poor little me, weil das dramatische Gefälle damit wegfällt). Da ist nichts zu verhandeln. Die Parodie, nicht einmal die Ironisierung einer Verhandlung hat stattgefunden. Gesprochen hat nur einer (das, was andre dazu gesagt haben, war unhörbar, in einer fremden Sprache, durch Pantomime noch einmal zusätzlich untermalt und gleichzeitig wieder parodiert, als wäre das, was gesagt wurde, nicht schon Parodie genug). Die andren Figuren sind sozusagen verstummt. Es gibt ein Kollektiv, das mit Leichtigkeit den angebotenen Ungeheuerlichkeiten standhalten kann. Widerstehen ist hier ja noch nicht einmal Widerstand, da es kaum Gegner gibt (und auch die Gegner die Hetzmeute eben wieder nur stabilisieren). Da bleibt letztlich eine Weltanschauung übrig, die die Welt gar nicht mehr anschauen mag, die alles mit ihrem Schleim überzieht, auf dem auch diejenigen, die von diesen Angeboten eines Strache vielleicht prinzipiell angetan sein mögen, ausrutschen. Bei Girard wird die Gewalt, wie in den BAKCHEN, eindeutig triumphieren. Während es bei meinem Text (und der ihm zugrundeliegenden Affäre, zu der auch das fröhliche Festplatten-Schreddern gehört, und zwar dreifach, damit es auch hält!) nur zur Bloßstellung von Lächerlichkeit reicht, womit ich mich wahrscheinlich selbst lächerlich mache. Schaden tut den Populisten sowas nicht, und so bin ich es, die sich lächerlich macht, indem sie gegen diese Mechanismen antritt. Andrerseits, auch das stellt Girard vor, ist der bacchische Geist, wie er es nennt, von der bösartigen Ansteckung, die von ihm ausgeht, nicht zu unterscheiden. Das ganze eben in der Parodie (die sich kaum noch weiter parodieren läßt) eines bacchantischen Fests, aber mit Wodka Red Bull und vielleicht noch ein paar Linien Koks, ist es ein armseliges, recht billiges Außersichgeraten (wahrscheinlich bei jeder zweiten Betriebsfeier zu beobachten, nur daß dort die Leute zumindest in der Öffentlichkeit keine oder nur wenig Macht haben). Das alles ist einerseits sehr komisch und andrerseits doch wieder recht klein und armselig, und doch kann dieser Ausbruch, dieses Ventil, durch das die Gemeinheit unserer populistischen Politiker hindurchzischt (mich interessieren diese Ventile, in denen gesellschaftliche Phänome unter Überdruck herausschießen, so wie Herr Gudenus eine Pantomime des Schießens an die Wand gemalt hat wie einen Schattenriß, ja immer am meisten), ein kurzer Ausblick auf den Zusammenbruch der Ordnung, der Institutionen, der Zerstörung (im Fall der Bakchen des königlichen Palasts, im Fall der Freiheitlichen Österreichs: nichts als Gerangel um Spesen und Parteiabspaltung), aber auch in letzter Konsequenz der Ausschaltung von politischen Gegnern, überhaupt von Widerspruch jeder Art, wenn man es auf die Politik beziehen will. Das Lächerliche also weitet den Horizont für die neuen Wellenreiter des Schreckens und der Gewalt, in die das alles münden könnte (ich versuche, das zu zeigen, ohne selbst ins Pathos abzugleiten; das Pathos liefert mir Euripides ins Haus), das Lächerliche ist nur einen winzigen Spalt vom Schrecklichen entfernt (nicht nur das sogenannte „Schöne“ Rilkes).

Trump kann die Frauen bei der Pussy packen, und trotzdem jubeln ihm immer noch viele von ihnen zu. Ich verstehe das nicht, aber ich beobachte. Den Führer, der die Masse mitreißt, kann nichts mehr gefährden, wenn er einmal von den Volksmassen in ihrem Sturm mitgezerrt wird.

Dieses mickrige Gelage, der letzte Rest vom Schützenfest auf einer Ferieninsel, in einem ziemlich abgewohnten gemieteten Haus samt Frau mit schmutzigen Zehennägeln (was für ein bacchanalisches Setting, die Parodie eines kultischen Festes!) zeigt, wie schnell so ein fehlgeschlagenes Fest umschlagen kann in Gewalt, die in diesem Fall aber erst später konsumiert werden kann (und, aufgrund erwiesener Dummheit, auf den Möchtegerntäter zurückschlägt, so wie ein andrer langjähriger Täter der österreichischen Politik seinen Streitwagen nicht mehr unter Kontrolle bekommen konnte. Auch der Parteiausschluß des Protagonisten, der wahrlich kein neuer Prometheus ist, bildet wiederum die Parodie auf das große Ausschlußverfahren gegen Menschen, die ihnen nicht passen, nicht genehm sind, etwas, das diese Leute gern praktizieren, worauf sie sich einigen können, und wofür sie leider von überallher Beifall bekommen, auch von den Gemäßigten). Das Theaterstück ist der unfeierliche Ritus dazu, der aufzeigt und gleichzeitig warnt. Mehr kann Theater nicht. Mehr als Sprache gibt es nicht.

Meine Reaktion? In diesem Fall habe ich nicht (wie beim Wahlsieg Trumps mit dem "Königsweg") sofort reagiert, weil ja alles klar und eindeutig war. Einhellige Ablehnung des Gezeigten (diejenigen, die das Ganze gut gefunden haben, haben sich nicht herausgetraut, nehme ich an), das wars für mich auch schon. Es ist im Grunde Stoff für Kabarettisten. Aber das beste Kabarett, die beste Komödie wäre, das ganze einfach so vorzuführen, wie es gesagt worden ist. Eins zu eins sozusagen. Auf eine große Leinwand projiziert, damit wir unsere eigenen Projektionen erkennen. Man kann das ja nicht übertreffen, nicht einmal parodieren oder lächerlich machen, obwohl ich das natürlich versuche. Aber nach einiger Zeit habe ich gemerkt, daß es mich doch gepackt hat: Da spricht einer die Wahrheit (während meine Bühnenfiguren im allgemeinen das aussprechen, was sie nie sagen würden), die aber zum öffentlichen Sprechen nicht vorgesehen ist, auf die sich die Öffentlichkeit aber in großen Teilen schon verständigt zu haben scheint. Jeder möchte gern ein kleiner Kronenzeitungsbesitzer sein und seine eigene Wahrheit, die natürlich die einzig gültige wäre, hinausposaunen. Nicht einmal in einer Wahlrede vor seinen glühendsten Anhängern hätte Strache solche Ungeheuerlichkeiten von sich gegeben (oder vielleicht doch, im Bierzelt am Aschermittwoch?), doch im Ausland (aber nicht unbeobachtet!) verliert man halt die Hemmungen. Ich versuche also, das auf Ibiza angeberisch Gesagte auf eine andre Ebene zu hieven, auf eine Bühne, es ist ja so klein, es ist nicht mal eine Angabezahlung zum Kaufpreis, daß ihm etwas Größe nicht schaden kann. Ich packe es ein, wie Christo seine Gebäude und Landschaften verpackt hat, damit sie umso deutlicher zu sehen wären. Ja, vielleicht kann man diesen Vergleich wagen. Etwas zur Kenntlichkeit entstellen, wie es so schön heißt. Unter vielen Schichten die Wahrheit umso deutlicher hervortreten zu lassen.

Schwarzwasser ist sicher eine Fortschreibung meiner politischen Texte.

Die Frauen? Ja, die Rolle der Frauen... Viele waren Komplizinnen, bei Mussolini oder Hitler, sie haben sich von der Macht zu oft mitreißen lassen, haben sich angeschmiegt und dann gesehen, daß sie nur Komplizinnen des Kriegs und der Gewalt geworden waren. Trump kann sie bei der Pussy packen, und trotzdem jubeln ihm immer noch viele von ihnen zu. Ich verstehe das nicht, aber ich beobachte. Den Führer, der die Masse mitreißt, kann nichts mehr gefährden, wenn er einmal von den Volksmassen in ihrem Sturm mitgezerrt wird. Und, wie Girard ausführt, werden die Unterschiede, auch die zwischen den Geschlechtern (aber auch zwischen den Klassen, die Arbeiter wählen ja immer öfter gegen ihre Interessen, während die klassischen Vertreter der Arbeiterklasse langsam, aber sicher abgehängt werden, abgeschlagen werden wie diese Dinger, wie heißen sie?, die die Schiffe festhalten, bevor sie vom Stapel laufen), getilgt und schließlich ganz verwischt, ausgelöscht. Es entsteht im dionysischen Ritual eine neue Gleichheit der Geschlechter, eine Entdifferenzierung, die in Gewalt mündet. Männer und Frauen jagen gemeinsam, aber die Frauen werden dabei in ihrer Gewalttätigkeit zu Männern, und die Männer müssen zu Frauen werden, denen Enthemmtheit erlaubt ist in ihrer Körperlichkeit, die sie ständig auszustellen haben, wie die falsche, aber scharfe Oligarchennichte (Pentheus muß, um am Ritual teilnehmen zu dürfen bevor er zerfetzt wird, Frauenkleider anziehen). Man kann das vielfältig interpretieren. Mündet die Aufhebung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern zwanghaft immer in Entdifferenzierung, bei der sich die Gewalt, also, sagen wir klischeehaft: das Männliche, der Krieg, durchsetzt? Frauen übernehmen doch in den BAKCHEN des Euripides das männliche Prinzip des Krieges und mähen alles nieder, zerfetzen alles, was sich ihnen in den Weg stellt (sie müssen den Gegner außerdem auch noch zum Tier machen, es ist ja ein Berglöwe, den Agaue, die Mutter des Pentheus, in den BAKCHEN zu zerreißen glaubt, während es doch ihr eigener Sohn ist), muß das immer so ablaufen? Ein beängstigender Gedanke. Und der Verführer Dionysos tritt umgekehrt ja als „Frau“ auf, als verführerischer Ephebe, als langhaariger Jüngling. Na ja, das ist ein weites Feld, besser, ich deute es hier nur an. Und man weiß ja noch nicht, wie es ausgeht. Der ephebenhafte, verführerische Jüngling ist jedenfalls schon angekommen, und er ist gut angekommen bei uns.

SCHWARZWASSER ist sicher eine Fortschreibung meiner politischen Texte, die ich mit wolken.heim. begonnen habe. Damals habe ich mich mit dem Deutschen beschäftigt, mit dem Fremden an sich, dem für mich Fremden. Ich habe mich dem Deutschen, der deutschen Sprache, dem deutschen Denken mit (auch veränderten, quasi manipulierten) Zitaten genähert, um dann nach Österreich zu kommen, wo die Deutschnationalen in ihrer Abgrenzung von den Fremden, den „Ausländern“ die deutsche Sprache selbst nur noch verunstalten, gern auch in Gesängen. Ich habe das Schreiben über das Politische bezüglich der Roma-Morde von Oberwart versucht, in Stecken, Stab und Stangl. Eigentlich hat mich dabei — ich sehe, mir fehlen die Worte, dafür haben andre umso mehr davon, und sie haben leider auch was davon, sie schneiden sozusagen mit —, eigentlich also hat mich die Spiegelung dieser Verbrechen besonders in einem Boulevardmedium besonders interessiert, auch wiederum als eine Parodie auf das Schreckliche der Tat. Ich habe die Zeitungsartikel zu Oberwart (das Ereignis wurde ja teilweise als eine schiefgelaufene Gaunerei rezipiert, die Opfer waren natürlich selber schuld. So wurde es gesagt und aufgeschrieben. Immerhin gibt es an den Tätern in SCHWARZWASSER keinen Zweifel, sie können sich noch so oft als Opfer darstellen, wir haben den filmischen Beweis, und daran ist nicht zu rütteln) rückwärts ablaufen, also von hinten nach vorne sprechen lassen, sodaß sie keinen Sinn, oder vielleicht einen ganz neuen, ergeben haben. Ich habe dabei den Eindruck, daß sich diese politischen Texte, vor allem die der letzten Jahre, zu einem einzigen Text-Teppich vernähen lassen, verschmelzen (um einmal das Wort Textfläche zu vermeiden), also zu etwas, das man auf alles drüberlegt, auch um den Schmutz des Bodens zu verdecken. Indem ich das Triviale, auch das Lächerliche der gegenwärtigen Tagespolitik beobachte, weite ich es gleichzeitig aus, binde es an die großen (politischen!) Texte der antiken Dramatiker an, die ich wie Wegmarken, Landmarken, Landungsstege benutze, um mich davon abzustoßen und weitertreiben zu lassen, oder, wie Kinder früher, als sie noch mit sowas gespielt haben, ihre Kreisel; und ich verleihe auch dem Trivialsten noch eine neue Bedeutung, ja, das versuche ich. Ich möchte mich gern als Warnerin sehen, aber wahrscheinlich bin ich doch nur eine Nachahmerin, bestenfalls eben eine Parodistin von etwas, das jedoch ohnedies schon seine eigene Parodie ist. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, singt und sagt Brecht im Lied von der Moldau. Genau das versuche ich. Das Große hinunterzuzerren und das Kleine groß zu machen (aus Gernegroßen können monströse Verbrecher werden), ja, das ist es vielleicht. Und das passiert derzeit an vielen Orten, ich will es nicht einen universellen Aspekt nennen, aber die Reden der Populisten, die die Mengen mitreißen und das Denken ausschalten (müssen), die ähneln einander schon sehr. Wahrscheinlich würde es mich als rein österreichisches Phänomen auch nicht so interessieren.

Ich möchte mich gern als Warnerin sehen, aber wahrscheinlich bin ich doch nur eine Nachahmerin, bestenfalls eben eine Parodistin von etwas, das jedoch ohnedies schon seine eigene Parodie ist.

Eine Kritik, die greift? Ich fürchte: nicht am Theater, das Menschen ja auch zusammenbringt. Kunst hat keine politischen Auswirkungen, das habe ich immer gewußt. Das ist Aufgabe der Politiker und, extrem wichtig!, des Journalismus. JournalistInnen sind es, die man in vielen Ländern verfolgt und einsperrt. Inzwischen allerdings auch Künstler. Lustig und schrecklich zugleich ist, daß die Herrschenden in diesen Ländern sogar KünstlerInnen als Gefahr sehen. Die Macht, die sich ihrer selbst nicht sicher sein kann, und das kann sie nie, sie ist ja immer gefährdet, sieht eben in allem und jedem eine Bedrohung, gegen die sie sich wappnen zu müssen glaubt. Kunst kann das aber gar nicht, sie kann höchstens ein Schlaglicht, ein einsames, auf die Verhältnisse werfen. Ich habe ein Art Satyrspiel zu den BAKCHEN geschrieben (und davor eins zu König Ödipus), und damit, in der Lächerlichkeit, in der Fallhöhe zwischen den großen Mythen der antiken Dramatiker und der kulturellen Ordnung (die ja von einem Herrn Strache genauso in Frage gestellt wird, denn er spricht aus größter Unordnung heraus sich für eine Ordnung aus, die aber eine entsetzliche sein würde, wenn sie verwirklicht wäre) entsteht die Differenz. Der heftige Wunsch moderner Populisten, über die Menschen buchstäblich „drüberzufahren“, und das, so wird diesen Menschen suggeriert, nach ihrem eigenen Willen und in ihrem eigenen Namen, wird dazu führen, daß man, der Sonnenwagen ist ja schon Schrott, mit ihnen Schlitten fährt. Wir sind einer Gefahr immer nur knapp entronnen, auch weil diejenigen, von denen sie ausgeht, so lächerlich und mickrig scheinen. Über Ibiza muß man lachen, man kann es aber nicht.

Schwarzwasser

Elfriede Jelinek

Uraufführung Akademietheater, Premiere 06.02.2020

Regie: Robert Borgmann

Mit: Felix Kammerer, Christoph Luser, Caroline Peters, Martin Wuttke

 

ZUM STÜCK

Eine spanische Insel, ein österreichischer Politiker, eine falsche russische Oligarchennichte: eine toxische Kombination. Die Namen der handelnden Personen in SCHWARZWASSER sind hinlänglich bekannt, spielen jedoch keine Rolle, denn wie stets geht es Elfriede Jelinek um Grundsätzliches. Zum Trägermaterial ihres aktuellen Stückes SCHWARZWASSER schreibt die Autorin am Ende ihres 60 Seiten starken Textes: „Etwas René Girard bittesehr, hatte ich noch vorrätig und eingerext. Und natürlich Euripides BAKCHEN hab ich aus dem Netz gezogen, den Übersetzer können Sie selbst nachschlagen, bevor ich mich selbst schlagen lasse vor dem Palast des Pentheus zu Theben, vor dem Treiben des Dionysos und der Bakchen, die treib ich alle vor mir her.“

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Portrait Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek, geboren 1946 in Mürzzuschlag und aufgewachsen in Wien, ist die bedeutendste österreichische Schriftstellerin der Gegenwart. Neben ihren Theaterstücken, Lyrik, Essays, Übersetzungen, Hörspielen, Drehbüchern und Libretti umfasst ihr Werk die Romane "wir sind lockvögel baby" (1970), "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft" (1972), "Die Klavierspielerin" (1983), "Die Kinder der Toten" (1995) und "Gier" (2000). Ausgezeichnet wurde Elfriede Jelinek u.a. mit dem Österreichischen Staatsstipendium für Literatur (1973), dem Georg- Büchner-Preis (1998), dem Mülheimer Dramatikerpreis (2002, 2004, 2009, 2011) und dem Lessing-Preis (2004). 2004 erhielt Elfriede Jelinek den Nobelpreis für Literatur. Am 06.02.2020 wird ihr Stück SCHWARZWASSER im Akabemietheater uraufgeführt (Regie und Bühne: Robert Borgmann), in dem sie ausgehend von der Ibiza-Affäre DIE BAKCHEN überschreibt und sich mit René Girards Opfer- und Gewalttheorie beschäftigt.

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