Postcovid Postsalon Komödien Theatergeist Verabschiedungstragödie

von Marlene Streeruwitz

„Was tot ist, ist tot und es gibt keine Gespenster, besonders zwischen den Geschlechtern nicht“, ließ Ödön von Horváth in seinem Stück “Kasimir und Karoline” verlauten.

Für das erste Burgtheater Magazin der Spielzeit 22/23 hat Marlene Streeruwitz eine Geistergeschichte geschrieben, die gerade diese Behauptung zu überprüfen scheint: über den Einbruch des Gespenstischen in den post-pandemischen Alltag.

Reflektierender Parka auf schwarzem Grund
© Anna Breit

Alle Probleme dieser gescheiterten Beziehung waren sofort wieder da. Schockierend stark waren die sofort wieder da.

Egbert saß in ihrem Lesesessel und schaute sie an. Sie stand im Türrahmen zur Küche und hielt ihre Tasse in der Hand. Sie hatte sich in ihren Lesesessel setzen wollen. Hätte sie sich dann auf Egbert draufgesetzt? Hätte sie ihn gespürt? Hätte er sie gespürt? Betty seufzte. Alle Probleme dieser gescheiterten Beziehung waren sofort wieder da. Schockierend stark waren die sofort wieder da. Betty nahm einen Schluck Kaffee. „Was ist es denn?“ fragte sie. Egbert schaute sie an. Sie ging zum Sofa und setzte sich ihm gegenüber. „Was ist es denn?“ Egbert schloss die Augen und zog die Schultern hinauf. „Warst du eigentlich bei Annette und Philipp?“ fragte sie ihn. „Die hätten sich gefreut, wenn sie dich noch einmal gesehen hätten. Ich meine. Die hätten eine abschließende Begegnung. Also. Die hätten einen Abschluss gebraucht. Die waren schließlich deine Stiefkinder. Die hätten das Recht auf so eine Erscheinung von dir. Das wäre Patchworking wie es sich gehört.“ Egbert beugte sich vor. „Es ist wegen deines Verrats.“ sagte er.

Es hatte sich angekündigt. Das Handy hatte ihr mit einem Mal die Termine geordnet und sie angewiesen, wie sie ihre Prioritäten setzen sollte. Ihr GPS hatte sie immer wieder erinnert, wie weit sie von zu Hause entfernt war. Zu Hause. Das war für das GPS der Garagenplatz in der Stadiongasse. Ihr Laptop hatte sie erinnert, ihre Steuervorauszahlung nicht zu vergessen. Dann hatte das Handy sie vor die Frage gestellt, ob ein Termin privat oder beruflich sei – als wäre das Handy erziehungsberechtigt. Und jetzt. Egbert. Er war wohl gestorben und saß jetzt da. Betty wunderte sich nicht sehr. Sie hatte sich im ersten Lockdown angewöhnt, erfundene Freundinnen in der Wohnung zu haben, und das hatten andere wohl als Einladung aufgefasst. Sogar Edwin war aufgetaucht. Und Edwin. Den hatte sie verbannt. Regelrecht verflucht hatte sie ihn und trotzdem. Er war plötzlich in der Tür gestanden und hatte sich erklären wollen.


Betty war in der Küche gewesen, sich die dritte Tasse Kaffee zu machen. Sie sollte einen Text über die Menopause geschrieben haben. Sie war um eine Woche im Verzug. Sie hasste das. Sie war eine verlässliche Person. Aber ihre Resozialisierung in die Postcovidwelt funktionierte nicht. Sie fühlte sich wie ein Gefangener, der nach jahrelangem Einsitzen im Sicherheitstrakt von Stein vor das Tor zum Gefängnis hinausgeführt und dort stehengelassen worden war. Sie kannte sich nicht mehr aus. In der Welt. Es war so viel mehr ein neuer Anfang geworden als sie es sich vorstellen hatte können. Und wahrscheinlich war das für Egbert auch so. Er war gestorben und fand nicht in den Anfang vom Todsein. Dass das schwierig war. Sie konnte sich das vorstellen. Aber. Was hatte das mit ihr zu tun.
 

Elisabeth Orth liest Marlene Streeruwitz
Elisabeth Orth liest Marlene Streeruwitz

Betty nahm wieder einen Schluck Kaffee. Verrat, fragte sie sich. Verrat? Was sollte das sein. Sie waren geschieden. 10 Jahre war das her. Sie hatte sich gerade erst erholt gehabt. Meinte er die Affäre mit dem Dr. Keller aus dem 1. Stock. Sie schüttelte den Kopf. Nein. Endlich hatte sie eine Person gefunden, die. Sie musste grinsen. Den Keller konnte sie nicht in weiblicher Form beschreiben. Der Keller war eine Person, der das wollte, was er machte. Der Egbert hatte zu den Personen gehört, die nur im Konjunktiv leben und nie in einer Realität bleiben können. Betty holte Luft. „Egbert.“ sagte sie. „Du hast immer gelogen. In allem und jeden Augenblick hast du gelogen. Deshalb nehme ich jetzt einfach an, dass dein Erscheinen auch eine Lüge ist.“ Sie stand auf. Sie musste sich doch nur in diesen Lesesessel setzen und er war wieder weg. „Was soll denn das.“ munterte sie sich auf. „Wenigstens kann es keine Sentimentalität sein, warum du hier bist.“ sagte sie. „Wieso sagst du das.“ fragte er. „Weil du gar nicht da sein kannst.“ erwiderte sie. „Ich denke nicht mehr an dich. Ich bin nicht mit dir beschäftigt. Oder mit der Zeit mit dir.“ „Das schaut mir nicht so aus.“ schüttelte er den Kopf. „Sonst hättest du nicht.“ Egbert beugte sich vor und starrte sie an. Sie saß still. Dann stellte sie den Kaffee auf den Couchtisch ab. „Du lieber Himmel.“ rief sie. „Du meinst doch nicht?“ „Doch.“ sagte er. „Doch. Du hast. Du wolltest. Das war einer der intimsten Augenblicke und du hast ihn ausgebeutet. Du hast mich ausgebeutet.“ „Es stimmt. Das muss ich zugeben.“ Sie musste lachen. „Aber dass du das gelesen hast. Wenn ich mich von einem Schriftsteller scheiden lassen wollte, ich würde nichts von dem lesen. Nachher. Das ist doch. Also. Das ist doch eher dekadent. Ich würde das dekadent nennen. Was hast du dir denn erwartet. Und im übrigen. Es stimmt ja. Genauso ist es gewesen. Und bitte. Du kannst zufrieden sein. Du bist als der Graf in der Szene maskiert genug. ``Wer soll da vermuten, dass du gemeint sein könntest.“ „Du hast dir mein Leben genommen und es. Es. Du hast.“ Egbert rang um Worte.
 

 „Du hast dir mein Leben genommen und es. Es. Du hast.“

Betty lehnte sich in die Polster auf der Couch zurück. Sie nickte. „So ist das. Ja. Aber meine Rolle ist doch die der Betrogenen in der Szene. Im übrigen habe ich diesen Text den Salzburger Festspielen nicht zur Aufführung überlassen. Das war doch ohnehin schon rücksichtsvoll von mir.“ Egbert schlug mit beiden Händen auf seine Knie. Er war im dunkelgrauen Anzug. War er so begraben worden oder suchten Geister sich ihre Kleidung selbst aus? Sie wollte ihn das fragen, aber er stand auf. Stand vor ihr. Schaute auf sie herunter. „Das finde ich die besondere Gemeinheit.“ sagte er streng. Sie schaute zu ihm hinauf, und Hamlets Vater fiel ihr ein. Sie lachte auf. Egbert setzte sich wieder. „Schau.“ sagte sie. „Ach lass mich doch.“ wandte er sich ab. Sie schüttelte den Kopf. „Willst du abrechnen?" fragte sie. „Ist das nicht ein bisschen spät. Und so. Also. Ich finde das schon eine Zumutung. Ich höre 10 Jahre nichts von dir und dann tauchst du im Sonntagsanzug bei mir auf und regst dich über einen Text über dich auf. Ich gebe zu. Es ist ein Text über deine Impotenz und wie du Viagra ausprobiert, ohne es mir zu sagen. Es ist also ein Text über Betrug und andere Unwürdigkeiten. Aber was stört dich denn in deinem jetzigen Zustand daran? Das kann dich doch nicht mehr interessieren? Erzähl mir lieber wie es ist. Du bist doch. Oder?“ „Ja.“ sagte er wegwerfend. „Ja.“ „Also?“ „Was weiß ich.“ murmelte er und drehte den Kopf zur Seite.

Wie fragte man einen Geist danach, wie er zu einem Geist geworden war. Wie ging das vor sich.

Sie schaute ihn an. Er war ein bisschen abgemagert. Nicht so dick wie damals. Aber es waren 10 Jahre seither vergangen. Das Sakko war ein wenig zu groß. Er hatte immer noch die schöne graue Mähne, und er war braungebrannt. „Du warst aber gerade noch im Urlaub?“ Er schaute sie fragend an. „Weil du so braungebrannt bist. Dachte ich.“ Sie brach ab. „Das ist die Leber.“ sagte er. Das schaut so aus als ob ich im Bräunungsstudio gewesen wäre. Aber es ist die Leber.“ Er schaute an ihr vorbei. „Du hast dieses Bild anders gehängt.“ stellte er fest. Betty seufzte. Wie fragte man einen Geist danach, wie er zu einem Geist geworden war. Wie ging das vor sich. War es sie, die ihn emanierte. Ihre Erinnerungen. Ihre Aufarbeitung. 10 Jahre nach der Scheidung. Hatte die Pandemie sie doch so verrückt gemacht. War dieser Geist vor ihr dann das Ergebnis der staatlich verordneten Psychose der Lockdowns? Oder war es der Krieg in der Ukraine, der sie so viel über Sterben und Gestorben-Werden nachdenken machte. War das ihre Erleichterung darüber, dass das sadomasochistische Ehepaar von oben nun wirklich aufs Land gezogen war, und sie nicht mehr vor dem Gezische und dem Gejammer von oben von einem Zimmer ins andere flüchten musste. War es die Erleichterung, nicht mehr dieses entfernte Stakkato des Befehlens und die langgezogenen Melodien der Selbstbeschuldigungen hören zu müssen. Hören zu können. Und die Personen dann auf dem Gang so normal daherkamen und grüßten. Wie Opernsänger nach der Vorstellung. War sie nun selbst in so eine Vorstellung geraten. Gab sie sich einen Theaterauftritt mit Geist. Der Vater von Hamlet fiel ihr wieder ein und wie der im Totenhemd auftreten musste. Das war ihre Version. Was war ihre Version. Sie musterte Egbert.


Egbert war verletzt. Das machte ihn mürrisch, und er erwartete, aus dieser Stimmung herausgeholt zu werden. Und sie hatte das gemacht. Immer hatte sie das gemacht. Getreulich hatte sie das gemacht. Aber in der Logik des Narzissten hatte genau das die Entfremdung betrieben. Er hatte eine neue Person gebraucht, die sich ihm noch innig anverwandeln konnte. Weil die Wiederholungen sich noch nicht vorgedrängt hatten. Betty lächelte. „Ich wollte dich nicht verletzen. Ich dachte doch im Leben nicht daran, dass du diesen Text lesen könntest.“ „Eine seltsame Annahme. Schließlich bin ich immer noch ein Theaterfachmann.“ Egbert hatte sich aufgesetzt. „Dann weißt du aber,“ lächelte sie, „dass eine Szene wie ich sie geschrieben habe, auf dem Theater nicht mehr vorkommt. Auch wenn du Jahr für Jahr eine Kritik zum Jedermann geschrieben hast. Es gibt dieses Theater nicht mehr. Nur für die dummen Touristen. „Warum hast du sie dann überhaupt geschrieben?“ fragte er und hob seine Schultern. „Das war mein Requiem für Schnitzler und für uns.“ Sie dachte nach. „Ein Schlussstrich. Irgendwie. Und es passt ja auch. Es passt zu den vielen Schlussstrichen, die gerade passieren.“ „Ich hätte als der Graf in diesem Text weiterexistieren können. Das hast du mir mit deiner Weigerung vertan, es aufführen zu lassen.“ „Aber Schatzl.“ rief sie. „Das kann das Theater nicht. Ach.“ Sie hielt inne. Sie hätte seinen Namen sagen sollen. Aber Egbert. Eltern sollten immer daran denken, wie diese Namen geflüstert werden konnten. Wie in dem dunklen Gedränge des Liebens die Namen gehaucht werden können mussten. Egbert. Er war immer ein Du geblieben. Sie hatte diesen Namen nie zärtlich sagen können. „Weißt du.“ Sie war nachdenklich. „Bei diesem Krieg jetzt. Ich muß immer denken, dass ich für dich doch auch immer eine Fremde geblieben bin. Eine von woanders. Du hast mich nie wirklich in deine Welt aufgenommen. Und jetzt bin ich eine Wienerin und es war nur Berlin. Wenn wir verheiratet geblieben wären. Wir hätten unseren eigenen Ukraine-Krieg haben müssen.“ „Blödsinn.“ warf er ein. Sie lächelte. Was sonst sollte er sagen. Es war ja nichts mehr zu ändern. So ein Geist. Der war die reine Vergangenheit. „Ach Egbert. Wolltest du doch ewig leben. Aber das hätte so eine Aufführung auch nicht bringen können. Das Theater kann das nicht. Verewigen. Da habt ihr euch verrechnet. Ihr. Die Intendantenkaiser und die Kritikkönige und die Schauspielerfürsten. Das waren eure Einbildungen und die sind vorbei. Selber schuld. Ihr habt immer nur an euch gedacht und wie es sein soll. Nie, wie es für andere sein sollte. Eine Innenwelt wie ein Geheimarchiv war das. Und ich finde es sehr interessant, dass du es hierherschaffst, dich zu beklagen, dass du kein Denkmal werden kannst. Es ist eine schöne Bestätigung. Wirklich. Danke.“ Sie war außer Atem. Die alte Atemlosigkeit war wieder da. Dieses Gefühl, nicht zu ihm durchzukommen. Nicht zu existieren, weil sie seine Glorie nicht vermehrte. Nicht vermehren wollte. Nicht konnte. Und sie war gleich wieder so erschöpft wie damals. So todmüde. Wie nach einer schwierigen Probe, bei der sie eine andere werden hätte sollen und es nicht geschafft hatte. Trotz aller Bemühungen. Und dann musste sie lachen. Es war eigentlich wie das Ehepaar von oben. Er forderte und sie greinte. „Weißt du.“ sagte sie. „Es sollen jetzt einmal alle anderen auf dem Theater reden. Und wenn alles gesagt ist, dann kehren wir zu Schnitzler zurück. Das ist jetzt so lange vermieden worden, dass es um ein paar Jahrzehnte nicht gehen kann. Wenn die Welt und das Theater untergegangen sind, dann sollten wenigstens alle ihren Auftritt gehabt haben. Und du. Du bleibst in diesen Text eingeschlossen. Mehr kann ich für mich nicht tun. Möchtest du einen Tee. Soll ich dir einen Tee kochen. Würde dir ein Tee helfen?" Aber sie war allein.
 

Portraitfoto Marlene Streeruwitz
© Heribert Corn

Marlene Streeruwitz

in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen.
Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bremer Literaturpreis und den Preis der Literaturhäuser. Ihr Roman “Die Schmerzmacherin” stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen der Roman “Flammenwand”. (Longlist Deutscher Buchpreis) und die Breitbach-Poetikvorlesung “Geschlecht. Zahl. Fall.”

 

Magazin #12: Geister
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