Ich war nicht schwarz

Selbstgespräch eines gewöhnlichen Nachtarbeiters. Von Fiston Mwanza Mujila.

Aus dem Französischen von Lena Müller.

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Das Adjektiv „Schwarz“ wird heute von vielen Autor*innen als Markierung einer sozio-politischen Position mit großem S geschrieben. Fiston Mwanza Mujila hat sich in diesem Text bewusst für die Kleinschreibung entschieden.

Ich habe Jahrhunderte gebraucht, um zu verstehen, was ein Körper ist. Besser gesagt ein schwarzer Körper. Oder noch besser, ein schwarzer Körper im westlichen Kontext. Ich betrachte die Welt durch die Brille meiner Erfahrungen. Für lange Zeit, in Afrika, hatte ich einen Körper, einfach einen Körper, einen Körper ohne Adjektiv, einen Körper ohne Präambel, einen Körper ohne Vorannahmen. Erst als ich in den Westen gekommen bin, habe ich bemerkt, dass mein Körper nicht bloß ein Körper ist, dass er mehr ist als ein Körper, nämlich ein schwarzer Körper.

Der Körper ist zum Feiern da, zum Spaß haben, zum Tanzen, zum Vögeln, zum Couscous Futtern, zum Saufen und um sich nachts auszuruhen.

Ich habe Jahrhunderte gebraucht, um zu verstehen, was ein Körper ist. Nicht in dem Sinn, dass er dem Land oder der Familie gehört, sondern dass er sich selbst gehört. Der Körper: sechs wirre Buchstaben, um einen Ozean zu beschreiben; der Körper oder das Kartell aufrührerischer Träume; der Körper oder der dunkle Wirbel und alles, was uns grübeln lässt. Was ich sagen will: Ich musste zehntausend Kilometer zurücklegen und mich in einem Land Europas niederlassen, um das Wesen des Körpers zu verstehen.

Wir alle haben einen Körper, aber manche zahlen dafür einen hohen Preis. Auf alle Fälle genügt der Körper sich selbst, trotz der Objektivierung, der Ritualisierung des Denkens, der Vertuschung der Tatsachen durch den Anschein. Wie gesagt, wir alle haben einen schwarzen Körper, aber manche zahlen dafür einen hohen Preis. Wenn der Körper schlapp macht, versagt, aufgibt oder unter Schmerzen zusammenbricht, kann man nichts machen. Unser Gerippe hat seinen eigenen Rhythmus. Aus diesem zeitlosen, angeborenen Tempo kann man nicht ausbrechen.

Für lange Zeit, in Afrika, hatte ich einen Körper, einfach einen Körper, einen Körper ohne Adjektiv, einen Körper ohne Präambel, einen Körper ohne Vorannahmen.

Der Körper ist zum Feiern da, zum Spaß haben, zum Tanzen, zum Vögeln, zum Couscous Futtern, zum Saufen und um sich nachts auszuruhen, weil die Nacht dazu da ist, dass der Körper wieder auf die Beine kommt, in der Nacht soll der Körper sich ausruhen, weil die Nacht den Körper wieder auf die Beine bringt. Selbst wenn du das boykottierst, selbst wenn du gute Gründe hast, nicht zu schlafen, wird der Körper schlafen, wie sehr du dich auch sträubst. Der Körper trickst dich aus. Er entriegelt dein Bewusstsein und tanzt Walzer mit dem Spitzbart deines Schmerzes. Das ist die Lektion, die mir die Nachtarbeit erteilt hat. Übrigens war das der einzige Job, den ich kriegen konnte, ohne mich in Stücke zu reißen, wegen fehlender Papiere und mangelhaftem Deutsch. Und ich kann nur laut lachen, wenn ich höre, dass wir von Ausländern überschwemmt werden, dass die Ausländer uns auf den Füßen herumtrampeln, dass die Ausländer in der organisierten Kriminalität sind, dass die Ausländer in der Kleinkriminalität sind, dass die Ausländer mit ihren Sprachen, die falsch klingen, überall hin pissen, dass die Ausländer (vor allem die Schwarzen) gut tanzen, dass die Ausländer im Restaurant die Rechnung nicht zahlen, dass die Ausländer (vor allem die Schwarzen) uns die Frauen wegnehmen, dass die Ausländer dies und das und vor allem die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer, die Ausländer schlechte Manieren haben und, das ist der Gipfel, uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Ein alter, durchschaubarer Mythos. Wem nehme ich diesen verdammten Job denn weg? Ich würde ihn sofort jedem geben, der ihn will, falls er der Nacht gewachsen ist, sprich der Müdigkeit und der Kälte.

Erst als ich in den Westen gekommen bin, habe ich bemerkt, dass mein Körper nicht bloß ein Körper ist, dass er mehr ist als ein Körper, nämlich ein schwarzer Körper.

Ich habe versucht, mit meinem Körper zu verhandeln, ihn daran zu gewöhnen, nachts zu funktionieren, aber umsonst. In den ersten beiden Wochen lief noch alles wie am Schnürchen. Ich kam um fünf Uhr morgens nach Hause, hing ein zwei Stunden auf Facebook rum, erledigte ein paar Anrufe, frühstückte und schlief dann sofort auf dem Sofa ein. Nachts war ich kein bisschen müde. Mein Körper war fit, und ich fing sogar an, meinen neuen Job zu mögen. In der dritten Woche konnte ich plötzlich nicht mehr. Der Körper boykottierte mich, der Körper spielte mir übel mit. Ich arbeitete nachts, und eine große, riesige Müdigkeit, weit wie die Welt, überkam mich und hielt mich ab, mein Bestes zu geben, wo ich doch nach Leistung bezahlt und bewertet wurde.

Was ich sagen will, ist Folgendes. Äh, ich bin … Ich bin schwarz, äh, ich bin schwarz, ich war nicht schwarz, ich bin nicht schwarz, weil nicht ich es bin, der sagt, dass ich schwarz bin. Die Leute sagen, dass ich schwarz bin. Wo ich herkomme, hat mir nie jemand gesagt, dass ich schwarz bin. Wenn man über mich redet, sagt man nicht, dieser Typ ist schwarz, dieser Typ hat schwarze Haut, das ist ein Neger, ein waschechter Afrikaner. Meine Mutter sagt nicht, dass sie ein schwarzes Kind hat. Mein Vater sagt nicht, dass er ein schwarzes Kind hat. Meine Eltern sagen nicht, dass sie ein schwarzes Kind mit einem schwarzen Körper haben, sie sagen noch nicht einmal, dass sie ein afrikanisches oder ein afropolitanisches Kind haben. Je öfter ich höre, dass ich schwarz bin, desto mehr glaube ich, dass ich schwarz bin, dass ich einen schwarzen Körper habe, und das stört mich wirklich, verdirbt mir den Appetit, gestern erst habe ich keinen Bissen herunterbekommen, weil mich die Erkenntnis schwarz zu sein wahnsinnig macht. Ich bin nicht schwarz. Doch, anscheinend bin ich schwarz. Das sagen sie im Fernsehen und in den Büchern. Bin ich schwarz? Wirklich schwarz? Richtig schwarz schwarz? Habt ihr Beweise, dass ich schwarz bin?

Schwarz zu sein ist eine Fiktion. Es ist eine der größten Verarschungen, die die Menschheit gesehen hat.

Schwarz zu sein ist eine Fiktion. Es ist eine der größten Verarschungen, die die Menschheit gesehen hat, wie die Kolonialisierung, die Versklavung und der Nationalsozialismus. Man sperrt die Leute in leere Begriffe, bevor man sie zusammenschlägt und lebendig auffrisst.

Und wenn irgendwelche Leute mit Schuldkomplex oder Helfersyndrom unbedingt von mir hören wollen, dass ich nichts zu beißen habe, dass ich barfuß laufen muss, dass meine Heizung spinnt, dass ich in beengten Verhältnissen lebe oder dass die Kinder in meinem Land am Verhungern sind, nur Scheiße und Spucke essen, dass die Eingeborenen drüben in Afrika sich gegenseitig niedermetzeln und in den Rücken fallen und auffressen, kurz, wenn manche Gemüter von mir solche vorgefertigten Geschichten erwarten, ziehe ich es vor zu schweigen. Ich bin müde und beruhige mich mit dem Gedanken, dass Millionen von Menschen auf der Welt mein Schicksal teilen.

Ich habe Stil. Ich erfinde mich immer wieder neu. Ich glätte die Wogen meiner Vergangenheit. Ich male meine lange Reise nach Europa in den buntesten Farben. Ich relativiere. Ich gebe mich optimistisch. Ich lüge wie gedruckt. Und ich fühle mich nicht schuldig, weil ich für die gute Sache lüge. Weil meine Lügen mich vor dem Absturz retten. Ohne sie würde ich verrückt werden. Außerdem muss ich mich so nicht ständig erklären: Welche Sprache spricht man in Afrika, wie lebt ihr? Gibt es drüben Autos? Ein Bürgerkrieg, wirklich?

Wenn man mich fragt, was ich mache oder wovon ich lebe, lüge ich mir etwas zusammen. Ich lüge mit fester Stimme. Zum Beispiel behaupte ich unverfroren, ein Denker zu sein. Ein Zukunftssoziologe, ein Stadtsoziologe, dass ich überall eingeladen werde, um über diese oder jene Stadt zu referieren. Ich will die Aufmerksamkeit meines Gesprächspartners wecken, damit er sich in meinen Träumen verliert.

Je öfter ich höre, dass ich schwarz bin, desto mehr glaube ich, dass ich schwarz bin, dass ich einen schwarzen Körper habe, und das stört mich wirklich, verdirbt mir den Appetit.

Ich komme darauf zurück, was ich über den Körper gesagt habe. Ich arbeite mit den Papieren eines Freundes. Ich fahre mit dem Rad Zeitungen aus. Jeden Abend gegen 22 Uhr bekomme ich einen Anruf. Ich springe auf meine Tretmühle. Ich hole meinen Stapel Zeitungen ab und beginne mein Werk, das ich Werk des Lichts nenne. Ich trete in die Pedale. Ich trete und trete und trete und trete und trete und erreiche das Viertel, das mir zugeteilt ist.

Ich fahre in die erste Straße, stelle mein Rad ab, öffne das erste Tor und stürze mit einem Dutzend Zeitungen unterm Arm los ins Treppenhaus. Vor jede Tür lege ich eine Zeitung. Und so gehe ich von Wohnhaus zu Wohnhaus. Wer von denen, die jeden Morgen die Zeitung auf der Fußmatte finden, weiß, dass ich sie gebracht habe? Wer ist sich bewusst, dass ich Teil seines Lebens bin? Zwischen der Redaktion, die die Zeitung herausgibt, und den Lesern bin ich.

Wie ein Revanchist vergesse ich die Zeit, in der wir leben, und die dazugehörige Welt. Ich versuche, meinen rostenden Körper abzulenken. Ich verliere mich in Träume und andere Utopien ohne Ende des Tunnels. Das ist meine Spezialität. Ich gebe den Straßen Namen, ich taufe sie um. Wenn ich nur lang genug trete, verwandeln sich die Straßen. Sie werden zu Strömen und Meeren. Und ich, der Kapitän, allein an Bord.

Nachts ist für mich die Stadt, oder wenigstens mein Lieferbezirk, Europa. Jeder Tritt in die Pedale kann mich nach Russland oder Skandinavien bringen. In meiner Vorstellung sind die ersten drei Straßen, die ich beliefere, Spanien. Jede Nacht, die Gott geschaffen hat, durchquere ich Europa mit dem Rad. Bosnien, Belgien, Italien, Moldawien, ich passe die Wirklichkeit meinen Wünschen an.

Ich fahre nicht um eine Medaille, sondern für ein Päckchen Zigaretten, aber ich beklage mich nicht. Nachts trete ich in die Pedale, um dem Himmel einen Grund zu geben, uns von der Schlafkrankheit zu erlösen.

 

Der Beitrag entstand unter dem Originaltitel „Je n’étais pas noir (Soliloque d’un ordinaire travailleur de nuit)“ für die Konferenz „Ängst is now a Weltanschauung“, die das Kollektiv Nazis & Goldmund 2018 im „Ballhaus Ost“ in Berlin veranstaltete. Er ist auch erschienen in der No. 75 der Zeitschrift „Edit“ sowie in anderer Fassung im Burgtheater Magazin FEB/MÄR 19, S. 6–9. Den Text in kompletter Länge finden Sie unter: www.nazisundgoldmund.net/blog/ich-war-nicht-schwarz

Fiston Mwanza Mujila

*1981 in Lubumbashi/ Dem. Rep. Kongo, lebt in Graz, wo er 2009/2010 Stadtschreiber war. Er schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und unterrichtet afrikanische Literatur an der Universität Graz. „Tram 83“ (Zsolnay, 2016) ist sein erster Roman, für den er zahlreiche Preise erhielt, u.a. den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2017. Sein Stück „Zu der Zeit der Königinmutter“ wurde 2019 am Akademietheater uraufgeführt.

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