Manche Dinge können wir tatsächlich ändern

Premierenpost #2 von Tobias Herzberg

 

Blick auf Wien mit Sonnenuntergang, vom Burgtheaterdach aus gesehen

 

8. und 9. Oktober 2020: zwei Premieren auf zwei Burgtheater-Bühnen in zwei Tagen. Die Pandemie verursachte, dass DER LEICHENVERBRENNER erst mit sechsmonatiger Verspätung auf Publikum traf. Und der Zufall wollte, dass auf die verschobene Premiere anderntags Taboris Farce MEIN KAMPF folgte. Nur Zufall? Nach dem zweiten Premierenabend kommen mir beim Verlassen des Theaters einige Textzeilen in den Sinn, die aus keinem der beiden Stücke stammen, sondern aus der Hand des irischen Songpoeten Damien Rice:

Some things in life may change

and some things

they stay the same

like time.

 

Die unveränderliche Zeit verbindet DER LEICHENVERBRENNER und MEIN KAMPF sowohl im Hinblick auf die historische Periode, in der sie spielen – die des erstarkenden Nationalsozialismus –, als auch hinsichtlich des Verhältnisses der jeweiligen Hauptfigur zum Zeitfluss als unerbittliche Konstante.

Die unveränderliche Zeit verbindet die beiden Theaterstücke sowohl im Hinblick auf die historische Periode, in der sie spielen – die des erstarkenden Nationalsozialismus –, als auch hinsichtlich des Verhältnisses der jeweiligen Hauptfigur zum Zeitfluss als unerbittliche Konstante. Der Dramatiker Franzobel legt in seiner Adaption von Ladislav Fuks‘ Roman DER LEICHENVERBRENNER dem titelgebenden Kremator namens Karel Kopfrkingl fatalistische Worte in den Mund:

Wir glauben, unser Leben ist wie das Malen eines Bildes, wir halten den Pinsel, der über die Leinwand streicht. Dabei ist es umgekehrt, nicht der Pinsel wird bewegt, sondern die Leinwand. Genauso ist es mit der Zeit. Nicht wir bewegen uns, es ist die Zeit. Wir sind ein unbewegter Pinsel und die Zeit ist die Leinwand, die herumgeschoben wird.

Was vordergründig klingt wie die bescheidene Lebensweisheit eines Unpolitischen, gewährt auf der Schattenseite das Mandat zum Mitläufertum. Denn wenn sich die Zeit auch ohne unser Zutun fortbewegt, sind wir auf keinen Kompass angewiesen, um ihr die Richtung vorzugeben. Passiver kann man menschliche Handlungsmacht kaum klein- und sich selbst einreden, für den Lauf der Dinge keine Verantwortung zu tragen. So wird Kopfrkingl in aller Seelenruhe zum Rädchen im System, das die Auslöschung der Anderen als Notwendigkeit versteht. Denn: „Wir leben in einer großen Zeit, aber man muss auch große Opfer bringen.“

Ganz anders in MEIN KAMPF. Itay Tirans Inszenierung deutet den Protagonisten Schlomo Herzl als Shoah-Überlebenden, der die Vergangenheit umzuschreiben sucht, indem er die Spielfiguren inklusive Hitler zwischen den Szenen vorsichtig neu arrangiert. Schlomo nimmt Anlauf, dem Grauen ein Ende zu bereiten, bevor es unaufhaltsam wird – und scheitert. Nicht am Wollen, sondern am Faktum der unveränderlichen Zeit, dem selbst eine mit aller Chuzpe dieser Welt versehene Theaterfigur wie er sich beugen muss. Zwischendurch bellt ein heutiger Wiedergänger der alten Täter durchs Transistorradio, und Schlomo, der schon alles weiß, kommentiert: „Die Geschichte wiederholt sich“.

Am Schluss fragt er Gott, wo er die ganze Zeit über gewesen ist. „Ich war die ganze Zeit hier“, entgegnet dieser. „Du hast bloß vergessen, nachzusehen.“

And some things

they stay the same

like time. 

Am Tag nach der Doppelpremiere, dem 10. Oktober, jährt sich der Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale zum ersten Mal. Vor einem Jahr, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte ein deutscher Neonazi, ein Blutbad in der vollbesetzten Synagoge anzurichten. Es wäre der opferreichste Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland seit 1945 gewesen. Aber eine schwere Holztür hielt den Kugeln stand und rettete die versammelten Gemeindemitglieder, ihre Freund*innen und Gäste. Aus ungestilltem Hass erschoss der Täter dann eine Frau, Jana L., die zufällig vorbeiging, und einen Mann, Kevin S., der in einem Imbiss saß. Jetzt werden Gedenktagsreden gehalten, das Motto wie immer: „Nie wieder!“ Wenn die Zeitläufe stets dieselben bleiben und sich die Geschichte wirklich wiederholt, gibt es dann überhaupt Anlass zur Hoffnung?

Doch dann, einen weiteren Tag später, am 11. Oktober 2020, wählt man in Wien ein neues Parlament, und eine unveränderlich geglaubte Größe wirkt plötzlich winzig klein. Die Rechten fallen in den Abgrund, überschlagen einander förmlich mit Verlusten, als wollten sie sich gegenseitig den Preis um den tieferen Höllensturz streitig machen. Wenngleich andere ins Vakuum gesprungen sind und ihre Positionen teilweise nicht unerfolgreich übernommen haben, gilt für heute: Diese Stadt hat Rechts vorerst abgewählt.

Die Zeit heilt vielleicht nicht alle Wunden. Und ob sich der Weltlauf von der Wienwahl wirklich verändern lässt, wird sich erst weisen. Aber aller Zeitergebenheit zum Trotz macht dieses Votum Mut: Manche Dinge können wir bestimmt tatsächlich ändern.

 

 

Tobias Herzberg ist Dramaturg am Burgtheater.

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