„Marieluise Fleißer hat mich immer begleitet“

Bilder vom Theater

Mit dem Vorortzug fuhr die Künstlerin Michaela Melián nach Hallein in Salzburg, um einen Tag auf den Proben zu INGOLSTADT zu verbringen – die Inszenierung von Ivo van Hove, eine Koproduktion des Burgtheaters mit den Salzburger Festspielen, ist ab dem 4. September auch in Wien zu sehen. Das Burgtheater Magazin hat Melián gebeten, sich künstlerisch mit der Inszenierung von Marieluise Fleißers „Ingolstädter Stücken” auseinanderzusetzen. Entstanden ist eine Zeichnung, die Sie in diesem Artikel finden. Melián hat, wie sich dann im Gespräch mit Anne Aschenbrenner herausstellt, zu Fleißer eine lange Beziehung.

Michala Melián, Ingolstadt 2022
© Michala Melián
Das Gespräch führte Anne Aschenbrenner.
Anne Aschenbrenner: Frau Melián, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit den Texten Marieluise Fleißers?
Michaela Melián: Marieluise Fleißer begleitet mich schon lang. Ich bin in der Nähe von München zur Schule gegangen. Damals, in den 1970er Jahren, und auch während meines Studiums in den 1980er Jahren war Fleißer als posthum wiederentdeckte Autorin eine wichtige Persönlichkeit. Aus der Münchner Theatergeschichte ist sie nicht wegzudenken: Hier hat siestudiert und ihre Förderer und Mitstreiter kennengelernt, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht. Eines der ersten Bücher, das ich mir gekauft habe, war von Marieluise Fleißer. Die Ausgabe ist von 1975 und es heißt „Eine Zierde für den Verein: Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen“ – ein großartiger Titel! Später habe ich auch die meisten Inszenierungen ihrer Stücke gesehen, die in München auf die Bühne kamen.
Warum das?
Die Weimarer Zeit hat mich schon immer sehr interessiert. Hier hat vieles begonnen, was dann durch den Faschismus ausgelöscht oder unterbrochen wurde. Auch mit meiner Band F.S.K., die ich 1980 während meines Studiums an der Münchner Kunstakademie mit Thomas Meinecke, Justin Hoffmann und Wilfried Petzi gegründet habe, haben wir an kulturelle Praktiken dieser Zeit anknüpfen wollen. Art-School Bands wie wir hatten sich damals an vielen Kunsthochschulen gegründet und arbeiteten an einem anderen Kulturbegriff. Für uns war genau diese Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland mit Dada, aber auch der Neuen Sachlichkeit sehr wichtig. Marieluise Fleißer st hier eine wichtige Stimme. Aber dazu kommt auch mein Begehren nach weiblichen Vor- bildern. Man fragt sich: Wie will man leben? Wie will man arbeiten? Wie kann man sich einmischen, sichtbar werden? Da habe ich stark nach anderen Frauen gesucht, an denen ich mich orientieren konnte, und zu denen gehört – neben vielen, vielen anderen – Marieluise Fleißer.
Michala Melián, Ingolstadt 2022
© Michala Melián

Diese Enge, die besonders für Frauen herrschte – für die ist die Provinz auch ein Synonym.

Was fasziniert Sie an dieser Autorin? 

Fleißer war in ihrer schriftstellerischen Arbeit der Gesellschaft und deren Strukturen extrem ausgesetzt. Die Zeit, in der man lebt, kann man sich ja nicht aussuchen! Sie hat mit ihrem Ehemann Joseph Haindl in Ingolstadt ein Tabakgeschäft geführt, er wollte sie als Geschäfts- und Ehefrau, nicht als Autorin. Gleichzeitig hat er sie aber auch vor dem Zugriff der Nazis geschützt. Wie sie es auch in ihren Stücken darstellt: Die Einschränkungen von Frauen gehen nicht nur von Männern aus, sondern es sind die gesamtgesellschaftlichen Zwänge mit Militarismus, Faschismus, die diese Gewalt herstellen und auch in der Nachkriegszeit nachwirken. Diese Enge, die besonders für Frauen herrschte – für die ist die Provinz auch ein Synonym. 

In Ihren eigenen Arbeiten erzählen Sie immer wieder von Frauen, die für die Kulturgeschichte eine Rolle spielten, aber in der Geschichtsschreibung übergangen werden.
Als ich studiert habe, kamen viele Frauen von kulturgeschichtlicher Bedeutung nicht einmal in den Lexika vor. Oft sind sie nur als Fußnoten aufgeführt worden. Das war bei Marieluise Fleißer genauso. Ihre Werke waren nicht in den Kanon aufgenommen worden wie die ihrer gleichaltrigen männlichen Kollegen. Erst nachdem Rainer Werner Fassbinder, Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz und Herbert Achternbusch sich mit ihrer Arbeit explizit auf Fleißer bezogen haben, wurde sie als Autorin wieder gespielt und verlegt.
Wie haben Sie sich nun von Ihrem Probenbesuch in Salzburg künstlerisch inspirieren lassen?
Ich bin die Stücktexte von „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ noch einmal durchgegangen. Die Sprache, die so holzschnittartig hart und gleichzeitig in dieser Kargheit mit großer Poesie gesättigt ist, hat mich zu der Entscheidung geführt, mit dem Medium der Zeichnung zu arbeiten. Ich habe eine Reihe von Tuschezeichnungen angefertigt, die ich miteinander collagiert habe, so dass sie sich teilweise überlagern. Zuerst der Ort der Probe – eben nicht im Burgtheater. Hallein, das an der Salzach liegt, ist verschränkt mit einer Zeichnung Ingolstadts, wie es sich im Internet darstellt: alte Burg, Brücke, Fluss. Zusammengefasst werden die beiden Orte durch eine Zeichnung der Bühne. Die Strommasten im Bühnenbild, die den Raum definieren und durch die eine Art Hochspannungsfeld entsteht, wie es sie überall auf der Welt gibt: Oben wird der Strom hindurch geschickt, darunter leben meist Menschen, die sich keinen anderen Wohnort leisten können. Gleichzeitig sind Lichterketten zu sehen, wie im Biergarten oder auf dem Volksfest. Der Spannungsort ist auch Freizeitort, und umgekehrt.
Dazu kommen die Lautsprecher, die oben an den Masten angebracht sind – mit denen arbeite ich auch sehr gern in meinen Installationen.
Was für Assoziationen hat das bei Ihnen geweckt?
Informationen wurden ja noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch bei uns durch Lautsprecher in den Städten und Dörfern durchgegeben. Zum Beispiel in Charlie Chaplins Film „The Great Dictator" hören und sehen wir, wie die Rede des Diktators den öffentlichen Raum beschallt und das Verhalten der Menschen sich sofort verändert. Die Lautsprecher auf der Bühne von INGOLSTADT verweisen für mich auf einen gesamtgesellschaftlichen Kontrollmechanismus, auf Gewaltstrukturen, auf den Appellplatz. Und dann ist da das Wasser auf der Bühne: dieser spiegelnde schwarze Grund, der die Flussaue andeutet, wo man sich innerhalb der Stadt treffen kann, wenn man nicht gesehen werden will. Auch dass der ganze Bühnenraum verspiegelt ist, hat mir auch gefallen. Die Schauspieler*innen sind durch diese Spiegelungen immer mehrfach zu sehen: nicht nur als die Figuren, die sie darstellen, sondern auch als Stellvertreter*innen für vergleichbare Leut in vergleichbaren Positionen, Arbeits-, Geschlechter- oder Klassenzusammenhängen.
Portraitfoto Michaela Melián
© Thomas Meinecke


Michaela Melián

geboren 1956, ist eine Künstlerin und Musikerin, die in München und Hamburg lebt. Sie ist Mitgründerin der Band F.S.K. und Professorin
für Mixed Media/ Akustik an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.


 

Anne Aschenbrenner

ist Redakteurin des Burgtheater Magazins und leitet das Burgtheater Digital-Ressort. 


 

Magazin #12: Geister
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