MÓÐURLÍF

Mikael Torfason über die eigene Natur

Der isländische Schriftsteller Mikael Torfason arbeitet zur Zeit mit dem Regisseur Thorleifur Örn Arnasson an einer Bearbeitung von Henrik Ibsens PEER GYNT. Im berühmtesten Bild dieses Stücks vergleicht der Titelheld sich mit einer Zwiebel. Er entfernt Schale um Schale, um den Wesenskern der Zwiebel freizulegen – aber sie besteht nur aus Schalen, so wie Peer nur aus biografischen Schichten ohne festen Kern besteht. Wie Peer macht sich Mikael Torfason im nachfolgenden Text auf die Suche nach seiner innersten Schale, seiner eigenen Geburt. Kann man an diesem verschwiegenen Ort etwas über die eigene "Natur" in Erfahrung bringen?

"Was ist dieses ‘sei du selbst‘ im Grunde?", fragt Peer Gynt den Knopfgießer gegen Ende des Stücks.

"Du selbst sein heißt: dich selbst ertöten", antwortet der Knopfgießer.

Ich weiß nicht.

Ich bin gebeten worden, einen kurzen Essay für dieses Magazin zum Thema "Natur" zu schreiben. Ich habe über meine Geburt geschrieben. Der Text war um das Dreifache zu lang. Ich wurde gefragt, warum ich nicht über PEER GYNT schriebe. Thorleifur Örn Arnasson und ich bearbeiten gerade unser Lieblingsstück für das Burgtheater neu.

Aber ich weiß nicht. Einen kurzen Essay über PEER GYNT zu schreiben, bedeutet nun einmal, über sich selbst zu schreiben.

"Was ist dieses ‚sei du selbst‘ im Grunde?"

Das war die Lieblingszeile meines Vaters. Er zitierte sie, bevor er an seinem Alkoholismus starb.

"Du selbst sein heißt: dich selbst ertöten".

Ich bin mir nicht so sicher. Mein Vater liebte PEER GYNT und einer der stolzesten Momente seines Lebens war, als Maskenbildner für eine isländische Produktion dieses Stückes zu arbeiten. Thorleifur, mein Komplize hier in Wien, spielte einen der Trolle, seine Mutter inszenierte und sein Vater war Peer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Vater ist tot. Vor seinem Tod versuchte er mir zu erklären, dass er sich umbringe, indem er er selbst sei. Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter sagt, er habe Scheiße geredet. Für sie hat die Antwort auf die Frage, was es heißt, man selbst zu sein, mit meiner Geburt zu tun. Vielleicht ist es eine Parabel, ich weiß es nicht, aber sie sagt, sie habe sich immer noch nicht von meiner Geburt erholt. Vor wenigen Tagen hat sich mich aus Island angerufen.

"Wie geht es Euch in Wien?", fragte sie in ihren Computer hinein. Ich berührte den Schirm und sah, wie sie mich sah.

"Gut", antwortete ich mit einem breiten Lächeln.

Seit meiner Geburt sind fünfundvierzig Jahre vergangen, aber meine Mutter sagt, sie kann mich immer noch fühlen, da drinnen. "In der Leere", wie sie sagt, weil die Ärzte wegen ihrer Krebserkrankung alles entfernt haben. Hochgradiges seröses Ovarialkarzinom, nennen sie das. Meine Mutter sagt, ich solle das nicht googeln und erklärt, sie verbringe seit kurzem viel Zeit in der Embryonalstellung. 

"Wenn es mir nicht gut geht, rolle ich mich so zusammen", sagt sie und legt sich auf den Boden, mit dem Laptop vor ihr, so dass ich sie sehen kann. "Ich habe das auch meinem Arzt erklärt", fährt sie fort. "Ich lege mich hin und schließe die Augen. Ich schlafe nicht ein. Ich liege nur so da und versuche, die Schmerzen zu überstehen. Ich kann nicht denken, ich kann nicht reden. Alles, was ich tue, ist überleben."

Meine Mutter macht das seit Jahren. Sie kann mich in sich fühlen, wenn sie so daliegt. Sie wird dann sie selbst, sagt sie.

Ich weiß nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Sie kann mich immer noch fühlen. "Ich kann dich fühlen, Mikael", sagt sie und ich verdrehe die Augen wie ein Teenager. Ich kann so kindisch sein, wenn ich mit meiner Mutter rede. Es fühlt sich komisch an, ein mittelalter Sohn zu sein. Ich wollte, ich könnte mich ihr gegenüber erwachsener verhalten, aber ich bin immer noch das Kind in ihrem Bauch, oder das kranke Kind, das sie vor 45 Jahren in einem Krankenhaus in Reykjavik zur Welt brachte.

Ist das mein wahres Selbst? Spielt das überhaupt eine Rolle?

Als ich geboren wurde, gab es Komplikationen. Ich hatte Morbus Hirschsprung, benannt nach dem ersten dänischen Kinderarzt. Er entstammte der gleichen Generation wie Henrik Ibsen, war nur zwei Jahre jünger. Hundert Jahre, nachdem Harald Hirschsprung die Krankheit entdeckt hatte, teilte ein Arzt meiner Mutter mit, ich würde voraussichtlich daran sterben.

"Ich fühle mich, als sei ich im Bauch meiner Mutter", sagt meine Mutter, "mit Dir in mir. Ich tue das seit Jahren. Ich kann dich wirklich fühlen, Mikael."

Der Bauch meiner Mutter. Ich bin zurück im Bauch meiner Mutter. Auf isländisch heißt die Gebärmutter "móðurlíf", Mutter-Leben. Die Doppeldeutigkeit des Wortes amüsiert mich: "móður-líf". Das Leben meiner Mutter.

Sie erzählte mir, sie habe mich Mikael genannt, weil sie damals glaubte, dass Michael Jesus im Himmel sei.

"Jesus ist nicht Gott, Mikael. Jesus war in Wahrheit Michael, der auf die Erde hinabgestiegene Erzengel. Sie sagen, Jesus im Himmel sei Michael. Du bist Christus, mein Kind, der Erzengel."

Direkt nach meiner Geburt litt ich an inneren Blutungen, aber meine Eltern waren Zeugen Jehovas und mein Vater hatte schwere Auseinandersetzungen mit dem Arzt, der mir Bluttransfusionen verabreichen wollte. Das hätte meine Seele verdorben. Die Ältesten der Gemeinde erklärten meiner Mutter, dass meine Seele in meinem Blut lebe und dass, wenn man meine Seele mit der eines anderen Menschen vermische, ich auf ewig verdammt sei. 

Nach dem damaligen Verständnis meiner Mutter war es besser für mich zu sterben, als mir auf ewig die Möglichkeit zu nehmen, ins Paradies zu gelangen. Der allmächtige Gott würde mir niemals das ewige Leben gewähren, wenn meine Seele vergiftet wäre. Die Ältesten erklärten meiner Mutter all das und dass die Welt sowieso bald ende und dass sie Abschied von mir nehmen solle. So wäre es am besten.

"Wir hätten alles anders machen sollen", sagt meine Mutter heute über sich und meinen Vater. "Du hättest niemals so krank werden dürfen. Wenn wir nur nicht Zeugen Jehovas gewesen wären."

Sie weint.

"Aber weißt Du, was am meisten schmerzt?"

"Nein", sage ich.

"Dass ich nicht stark genug war. Ich hätte für Dich kämpfen sollen. Manchmal frage ich mich: Wo warst Du, Hulda? Wo warst Du?"

Sie liegt immer noch am Boden, in Embryonalstellung, sie sagt, dass sie es nicht weiß. Sie wiederholt das ein paar Mal. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.“

Ich weiß nicht.

"Was ist dieses ‚sei du selbst‘ im Grunde?"

Meine Mutter erzählt mir, wie sehr sie die Erinnerungen an ihre Besuche bei mir im Krankenhaus schmerzen. Die meiste Zeit lag ich einfach im Bett. Manchmal war ich nicht einmal fixiert, weil ich zu schwach war, um irgendetwas zu tun. Ich lag nur da, fast leblos.

"Dein Gesicht, dieser Blick", erinnert meine Mutter sich. "Es war keine Anklage in deinen Augen, nur Schmerz. Diesen Blick hattest du immer. Den Blick des Schmerzes. Dein Körper sah aus wie der der Kinder aus Biafra. Dem Hungertod nahe. Deine grünbraunen Augen barsten. Dein Bauch war ganz aufgedunsen. Die Beine waren wie Zahnstocher, die Backenknochen traten hervor. Ich konnte deinen Schädel sehen, die Knochen traten hervor, als wollten sie durch die Haut hindurch ins Freie."

Meine Mutter wird sich das nie verzeihen, und ich werde nie aufhören sie zu vermissen. Ich vermisse sie so sehr. In der Therapie weine ich manchmal. Ströme von Tränen. Sie fließen einfach und ich kann an nichts denken, als an meine Mutter. Ich möchte meine Mutter sein. Ein Teil von ihr. Ich vermisse sie.

"Ich werde mir das nie verzeihen", sagt sie.

"Ich verzeihe dir", sage ich.

Wir haben diesen Dialog schon geführt. Wir führen ihn jedes Mal, wenn sie anruft. 

"Ich hatte dich aufgegeben."

"Du warst auch krank", sage ich zu ihr, weil sie verrückt war. Ihre Ärzte nannten es bipolare Störung. Die moderne Vorstellung von Krankheit stammt ebenfalls aus Ibsens Generation. Heute ist Mutter medikamentös eingestellt, aber damals bekam sie keine Luft zum Atmen.

"Ich konnte nicht atmen", sagt sie. "Ich kann nicht atmen. Ich liege nur so da."

"Ich weiß."

"Die Leute sagen zu mir: Hulda, du musst dir verzeihen. Du warst damals im Glauben, das Richtige zu tun. Aber mir ist das egal. Ich werde mir niemals verzeihen."

Was ist dieses 'sei du selbst'?

Kann es kein Verzeihen geben? Ich weiß es nicht. Spielt es eine Rolle? Ich glaube nicht. Das Leben hat so wenig mit Verzeihen zu tun. Diese gleichbleibenden Gespräche zwischen mir und meiner Mutter, über meine Geburt, darüber, wer wir sind und was wir getan haben, sie drehen sich nicht um Vergebung, sondern darum, einem Leben Sinn zu geben, das wir nicht verstehen. 

Wir kommen immer wieder darauf zurück. Manchmal ist es das einzige, worüber wir sprechen. Meine Geburt. Der Bauch meiner Mutter. Meiner Mutter "móðurlíf". Wir drehen uns im Kreis, wiederholen denselben Dialog immer wieder. Das ist unser Theater. Das Theater meiner Mutter. Das bedeutet für sie, sie selbst zu sein.

Und für mich? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Aber ich bin hier, um es herauszufinden.

 

Mikael Torfason
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Mikael Torfason

Mikael Torfason ist ein isländischer Dramatiker und Romanautor. Seine Romane sind in Island, Dänemark, Finnland, Deutschland und Litauen erschienen. Sein erster Spielfilm Gemsar entstand 2002. Mit dem Regisseur Thorleifur Örn Arnasson verbindet ihn eine mehrjährige Zusammenarbeit, unter anderem an DIE EDDA, die derzeit im Burgtheater zu sehen ist. Torfason lebt in Wien und schreibt derzeit Drehbücher und Theaterstücke.

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