Momente des Dazwischenseins

Bilder vom Theater
Anne Aschenbrenner

„Wo ist meine Grenze?“, fragt Luiza Puiu die Dramaturgin Anika Steinhoff und deutet Richtung Probebühne. Ensemble und Team haben sich dort zur ersten Besprechung des Tages zusammengesetzt. Einige Schauspieler*innen tragen Arztkittel, man probt DIE ÄRZTIN mit Robert Icke. Luiza Puiu wird die Proben für das BURGTHEATER MAGAZIN fotografisch begleiten. „Meine Kamera ist extra leise“, sagt sie, schlüpft aus den Schuhen und positioniert sich. Als Sophie von Kessel aufsteht und mit ihrem Text beginnt, huscht Puiu in ihren rosa Socken über die Probebühne, die Kamera immer im Anschlag. In den Kulissenwänden findet sie kleine Lücken, vorsichtig setzt sie die Kamera an.

Philipp Hauß, Sophie von Kessel, Bless Amada, Ernest Allan Hausmann, Anika Steinhoff, Melanie Sidhu
© Luiza Puiu

„Ich liebe es, den Übergang zwischen Mensch und Rolle zu sehen, diesen Moment des Dazwischenseins. Diesen besonders wertvollen Moment der Zerbrechlichkeit und Suche versuche ich in meiner Fotoserie einzufangen.“

Geboren ist Luiza Puiu in die Unruhen des Jahres 1989 in Timișoara, der größten Stadt des Banats, wo die Revolution gegen die kommunistische Diktatur Nicolae Ceaușescus ihren Ursprung hat: Schon im November 1989 kommt es in Timișoara zweimal zu Aufständen, die jedoch sofort niedergeschlagen werden, wenige Wochen später wird Ceaușescu gestürzt und hingerichtet. Das sozialistische System zerbricht. Die Eltern schicken Luiza in einen deutschen Kindergarten, später in eine deutsche Schule, obwohl sie selbst nicht der deutschen Minderheit angehören und die deutsche Sprache nicht sprechen: Die deutschen Schulen in Rumänien gelten als Kaderschmiede, bis heute. Dass sie die Kinder beim Lernen nicht unterstützen können, nehmen die Eltern in Kauf.

Text vorlesen lassen. Von Robert Reinagl.
Evelin Stingl, Bless Amada, Sophie von Kessel
Evelin Stingl, Bless Amada, Sophie von Kessel
© Luiza Puiu

Viele meiner Schulkolleg*innen sind so aufgewachsen, erzählt Luiza Puiu. Sie denkt kurz nach. „Ich habe einfach zwei Wurzeln.“ Nach der Schule geht sie nach Wien („Das war näher als Bukarest.“) und stellt fest: In ihrem Traumberuf Fotojournalistin kann sie hier gar nicht arbeiten, zu restriktiv ist das österreichische Fotografiegewerbe. Sie studiert Theater-, Film und Medienwissenschaften, („Immerhin steckte das Wort Medien da drin!“) und schreibt in ihrer Diplomarbeit den freien Fotografinnenberuf herbei: Sie widmet sich der Demokratisierung der Fotografie im Zuge der digitalen Revolution. Die Furcht vor Entprofessionalisierung und einer Überschwemmung des Markts mit Fotograf*innen ist unbegründet, stellt sie darin fest. An dem Tag, an dem Luiza Puiu ihre Diplomprüfung ablegt,  vermeldet der ORF die Aufhebung des Meisterzwangs. Berufsfotograf*in ist ab sofort ein freies Gewerbe und Luiza Puiu darf in Wien ihr Geld mit Fotogeschichten verdienen, so wie sie es schon als Teenager in Timișoara gemacht hat:

Als erst 15-Jährige schickt sie zum ersten Mal ihre Fotos an eine renommierte Agentur („Ich habe gesagt: Zu diesem Konzert haben Sie keine Fotos, habe ich bemerkt. Hier haben Sie welche.“) und bekommt prompt einen Fotografenvertrag. Mehrere Fotobücher hat sie bis heute herausgebracht. Für die Seestadt, wo sie mit ihrer Familie lebt, dokumentiert sie Momente im Leben der Bewohner*innen. Bis heute ist Luiza Puiu fasziniert von den Möglichkeiten, die ihr die Fotografie ermöglicht, und der Vielfalt an Welten, in die sie mit ihrer Arbeit eintauchen darf.

In rosa Socken tappt Luiza Puiu zu ihrer Tasche zurück, wechselt das Objektiv, beobachtet die Proben weiter aus dem Augenwinkel. Als sie bemerkt, dass die Schauspieler*innen zur Pause ansetzen, ist sie schon wieder vorne am Bühnenrand: „Ich liebe es, den Übergang zwischen Mensch und Rolle zu sehen, diesen Moment des Dazwischenseins. Diesen besonders wertvollen Moment der Zerbrechlichkeit und Suche versuche ich in meiner Fotoserie einzufangen.“

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