Nachgefragt bei: Daniel Kramer

Über Pistolen, Riesenhände, Barbiepuppen - und Traumata.

 

Wie sind Sie zum ersten Mal auf PELLÉAS & MÉLISANDE gestoßen? Was hat Ihr Interesse daran geweckt?

Ich erinnere mich, dass ich dieses Stück vor 20 Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Vor zehn Jahren habe ich es dann als Oper inszeniert. Ich fühlte mich immer zu dieser seltsamen Stille, den Pausen und der unauffälligen Beziehung von Pelléas und Mélisande hingezogen. Sie verlieben sich auf eine mystische Art und Weise: Sie verlieben sich, wenn sie das Geräusch eines Stiefels hören, wenn sie einen Wasserfall hören, wenn sie ein seltsames Stück Stammesmusik hören. Sie verbinden sich über metaphysische Stille, Licht, Kerzen, Sterne, Mond. Vielleicht interessiert mich, da ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, das seltsame Verständnis von Natur, von dem, was in der Liebe und im Hass zweideutig ist. Dinge, was wir nicht artikulieren, sondern nur erahnen können. Ich liebe das, ich liebe das im Theater.

Nachdem Sie das Stück als Oper aufgeführt haben, arbeiten Sie nun am Burgtheater an einer Inszenierung für das Theater. Was reizt Sie daran? 

In der Oper wird einem der gesamte Rhythmus des Stücks vorgegeben. Debussy komponiert die Stille, er komponiert den Wind und das Meer. Im Theater hingegen kreiert man jede Sekunde des Rhythmus mit den Schauspielern, mit dem Sounddesigner, mit dem Lichtdesigner. Ich habe das Gefühl, dass man in der Oper viel mehr interpretiert und einen Raum innerhalb des Werks gestaltet, im Theater ist es ein offenes Feld von Möglichkeiten, das ich leidenschaftlich liebe.

Welche Möglichkeiten sind das, die ihnen das Theater da Konkret gibt? 

Die Gefahr beim Theater ist, dass der Rhythmus nicht funktioniert. Trotzdem bietet das Theater so viel mehr Möglichkeiten, und diese Version des Stücks am Burgtheater ist so viel persönlicher für mich. Es ist eine Hommage an meine Mutter, die Kindheit meiner Mutter, meine Großmutter, die Kindheit meiner Großmutter, an meine Schwester und meine Nichte. Das Stück untersucht das Erbe des Trauma, das die Frauen in meiner Familie und viele auf der ganzen Welt überlebt haben. Mélisande und ihr Stiefsohn Yniold verbindet in unserer Interpretation eine tiefe Intuition. Mélisande sieht, dass Yniold ein wunderschönes junges Mädchen ist, gefangen im Körper eines Mannes, in der Welt eines Mannes. Yniold sieht, dass Mélisande wirklich in Pelléas verliebt ist und sie beschützt diese Liebe, aber sie sieht auch, dass Pelléas und Mélisande dem Untergang geweiht sind. Es gibt also ein echtes Gefühl von Vision und psychischer Energie zwischen ihnen.

Ist PELLÉAS & MÉLISANDE trotz seiner traumatischen Elemente, nicht auch eine Art Märchen?

Das Original von Maurice Maeterlinck ist absolut in einer Art Märchensprache geschrieben - da gibt es Könige und Königinnen, da gibt es Prinzen, da gibt es Schlösser. Das ist Symbolismus, 1890, die Geburt des Symbolismus. Ich denke, dass der Symbolismus in der zeitgenössischen Kunst wieder sehr relevant ist, mit der Pandemie, der Korruption der amerikanischen Regierung und dem Aufstieg Chinas. Wir haben das Stück wirklich zwischen damals und heute angesiedelt, eine anachronistische Welt mit riesigen Händen, langen blonden Perücken und Barbiepuppen, Plastikhäusern, Messern und Pistolen.

Können Sie uns noch ein bisschen mehr über das Bühnenbild erzählen?

Das Bühnenbild ist so einfach, weil es so transformativ ist. Es ist ein komplett schwarzer Erdboden mit einer Wassergrube und einem Stück Glas, das einem modernen Schießstand ähnelt, wo heutzutage Jäger hingehen, um zu schießen. Innerhalb dieser Welt schweben Matratzen, Toiletten, Plastikpuppenhäuser, Schaukeln, endlos viele Barbiepuppen, Krankenhausbetten und Rollstühle auf magische Weise auf und ab.

Würden Sie sagen, dass das Stück gelungen ist, wenn Ihr Publikum das Theater mit Gänsehaut verlässt?

Ich hoffe, dass es sie heimsucht! Mein Lieblingstheater ist jenes, das ich nicht verstehe; wenn ich nicht einordnen kann, was da passiert. Ok, es gibt eine Geschichte in diesem Stück, die Geschichte ist so einfach. Aber es sind die Bilder, die ich daneben, darüber, dahinter und dazwischen schichte, die dafür sorgen, dass man von einem Theaterstück von mir weggeht und sechs Monate später immer noch denkt: "Was war das für ein komisches Bild?" Und plötzlich versteht man eines Tages, was es für einen bedeutet. Das ist es, was ich bei meinem Publikum hinterlassen möchte. Bilder und Klänge, die sie über die Dinnerparty nach der Show hinaus verfolgen. Reden Sie darüber! Streiten Sie darüber! Fragen Sie, was es bedeutet!

(ar/jl)
 

DANIEL KRAMER (*1977) ist Regisseur für Oper, Schauspiel und Tanz. Er arbeitete u.a. bei der Royal Shakespeare Company, beim Young Vic und am Gate Theatre in London und war von 2016 bis 2019 Künstlerischer Leiter und Intendant der English National Opera in London. Er inszenierte darüber hinaus u.a. am Theater Basel, der Genfer Oper und am Regent Theatre in Melbourne.

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