Oder das Ende?

Theaterkritiker Andrew Haydon über die Arbeiten der britischen Regisseurin Katie Mitchell

Die britische Regisseurin Katie Mitchell inszeniert in Koproduktion zwischen Burgtheater und Wiener Festwochen die Uraufführung von 2020 oder Das Ende. Das neue Stück der jungen Dramatikerin und Drehbuchautorin Alice Birch handelt von den Klimakatastrophen im Leben dreier Frauen. Katie Mitchell beschäftigt sich nicht erst seit Fridays for Future mit dem bedrohlichen Zustand unseres Planeten, vielmehr experimentiert sie schon seit Jahren mit unterschiedlichen Formen, um das weltumspannende Epochen-Problem in den räumlich und zeitlich begrenzten Rahmen eines Theaterabends zu fassen. Der britische Theaterkritiker Andrew Haydon verfolgt Mitchells Arbeit schon lange und schildert einige ihrer interessantesten Inszenierungen zum Thema.

Die Beschäftigung mit Umweltfragen im Theater ist nicht neu.

Die Beschäftigung mit Umweltfragen im Theater ist nicht neu, zumindest nicht in England, wo Katie Mitchell herkommt. Im September 2007 schrieb der Theater-Blogger des Guardian, Chris Wilkinson: "Die massive weltweite Bedrohung durchschmelzende Polkappen und steigende Meeresspiegel findet sich bisher auf den Spielplänen überhaupt nicht wieder. Warum?" Wilkinson nahm vorweg, was als erste Welle an Stücken bezeichnet werden könnte, die den Klimawandel behandelten, wie wir ihn heute verstehen.

 

Als ich vier Jahre später in einem in Berlin geschriebenen und nicht ganz ernst gemeinten Text auf Wilkinsons Artikel zurückblickte, konnte ich mich bereits auf einen kleinen Fundus von Klimawandel-Stücken beziehen, die auf den großen Bühnen der staatlich geförderten Londoner Theater inszeniert worden waren: WATER von der Gruppe Filter gehörte dazu, THE CONTINGENCY PLAN von Steve Waters, IF THERE IS, I HAVEN'T FOUND IT YET von Nick Payne, ERDBEBEN IN LONDON von Mike Bartlett, KETZER von Richard Bean und der unglückliche Versuch eines von mehreren Autoren verfassten Episodenstücks am National Theatre mit dem Titel GREENLAND.

Rückblickend fällt auf, dass alle diese Stücke annähernd dieselbe Strategie verfolgten, um den Klimawandel in eine dramatische Form zu bringen; es handelte sich um realistische Geschichten mit einem Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin im Mittelpunkt, der oder die sich in ihrer Arbeit mit einem Aspekt des Problems befasste. Vor diesem Hintergrund war interessant zu sehen, wie Katie Mitchell erstmals versuchte, ihre Besorgnis über die Umwelt auf die Bühne zu bringen. Ihre erste Inszenierung 10 Billion handelte gar nicht vom Klimawandel selbst, sondern vom Problem der rasant anwachsenden Weltbevölkerung. Sie ging von der Berechnung aus, dass die Zahl der Menschen auf der Erde sich von 4 Milliarden im Jahr 1974 bis 2024, also innerhalb ihrer eigenen voraussichtlichen Lebensspanne, auf 8 Milliarden verdoppelt haben werde – und dass davon auszugehen sei, dass sich Menschen ab einer Anzahl von 10 Milliarden nicht mehr auf der Erde würden erhalten können.

Die Bühne war eine exakte Nachbildung von Emmotts Büro an der Universität von Cambridge.

Was an 10 Billion als Theater faszinierte, war die Tatsache, dass Stephen Emmott, der Wissenschaftler, auf dessen Arbeiten der Abend beruhte, selber auf der Bühne stand und seine Erkenntnisse in Form einer lecture perfomance vortrug. Die künstlerische Strategie mag für sich genommen nicht außergewöhnlich erscheinen, obwohl sie zu dieser Zeit in England noch so gut wie unbekannt war, sie erhielt aber eine zusätzliche Dimension der Verfremdung durch die Bühne, die eine exakte Nachbildung von Emmotts Büro an der Universität von Cambridge war. Dadurch wurde einerseits die gleiche Wirkung erzielt, die auch die fiktionalen Wissenschaftler*innen-Stücke zum Klimawandel zuvor angestrebt hatten, gleichzeitig aber auch mit Vorstellungen von Realiät, Realismus und Bühnenwirklichkeit gespielt. Auf dieser Ebene reihte sich der Abend auch unter Mitchells bisherige ultrarealistische Arbeiten ein.

Die ganze Frage des Klimawandels ist im Grunde, obwohl sie von der Wissenschaft aufgeworfen wurde, keine wissenschaftliche, es ist die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Welche Zukunft wollen wir schaffen?

Ihr nächstes Stück, das sich explizit mit Umweltthemen beschäftigte, wandte eine ähnliche Methode an. Das Stück 2071 von 2014 präsentierte den Klimaforscher Chris Rapley auf der großen Bühne des Royal Court Theatre in London, vor einem Bühnenbild aus Video-Projektionen, die seine Thesen zum einen mit Tabellen, Diagrammen und Illustrationen unterstützten – wiederum ein Hinweis auf die im Laufe einer langen wissenschaftlichen Karriere erworbenen Forschungsergebnisse und der darauf basierenden Erkenntnisse  –andererseits abstraktere Animationen von Atomen und Molekülen zeigten, die sich im Raum bewegten. Wenn 2071 weniger erfolgreich war als 10 Billion (worüber die Meinungen auseinandergehen), lag das paradoxerweise daran, dass die Aussagen in diesem Stück abwägender und maßvoller waren. Man vergleiche nur den letzten Satz von 2071: "Die ganze Frage des Klimawandels ist im Grunde, obwohl sie von der Wissenschaft aufgeworfen wurde, keine wissenschaftliche, es ist die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Welche Zukunft wollen wir schaffen?" mit dem Ende von Ten Billion: "Ich habe einen der vernünftigsten, klügsten Wissenschaftler, die ich kenne – einen Wissenschaftler, der auf diesem Gebiet arbeitet, einen jungen Wissenschaftler, einen Mitarbeiter in meinem Labor – gefragt, was er tun würde, wenn er nur eine einzige Maßnahme treffen könnte, um mit der Situation umzugehen, auf die wir zusteuern? Seine Antwort? "Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man eine Waffe gebraucht." Der wissenschaftliche Informationsgehalt 2071 war außerdem dichter und daher schwieriger in einer einzigen "Vorlesung" (und Theaterzuschauer sehen in der Regel ja nur eine Vorstellung) zu vermitteln: Rapley sprach über komplizierte abstrakte Vorgänge, während Emmott den Bevölkerungszuwachs an konkreten Beispielen und ihren katastrophalen Auswirkungen demonstrierte.

In Mitchells Inszenierung saßen die beiden Darsteller auf fest montierten Fahrrädern und produzierten mit ihren Pedalbewegungen den Strom, der für die Aufführung gebraucht wurde.

Katie Mitchells dritte Arbeit zu Umweltthemen war vielleicht die bemerkenswerteste. Atmen, die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks LUNGS des britischen Autors Duncan Macmillan an der Berliner Schaubühne hätte man auf viele Arten aufführen können – die Uraufführung zum Beispiel wurde im Rahmen der Eröffnung eines neuen hölzernen Amphitheaters der Tournee-Theatergruppe PAINE'S PLOUGH inszeniert. Das Stück selbst handelt nicht einmal vom Klimawandel, der Überbevölkerung oder der Umwelt als solcher. Es ist einfach eine Geschichte über ein Paar, das überlegt ein Kind zu bekommen. In Mitchells Inszenierung allerdings saßen die beiden Darsteller auf fest montierten Fahrrädern und produzierten mit ihren Pedalbewegungen den Strom, der für die Aufführung gebraucht wurde – für Licht, für Ton, für alles. Tatsächlich nahm das Licht über ihm oder ihr ab, wenn eine*r der Darsteller*innen weniger stark in die Pedale trat.

 

Es lag eine besondere Kraft und eigenartige Schönheit in der unerbittlichen Monotonie dieser Bewegung (meilenweit entfernt vom überinszenierten Herumgerenne der Uraufführung). Aber noch wichtiger war, dass auf diese Weise sehr präzise die Frage nach den Ressourcen in den Blick gerückt wurde, die Frage also, wieviel Energie wir als Spezies verbrauchen, während die Figuren sich darüber unterhielten, ob es verantwortlich sei, ein weiteres Lebewesen auf diese überfüllte Erde mit ihren schwindenden Energievorräten zu setzen. Die Frage, ob die Sehnsüchte der Figuren umweltverträglich seien, spiegelte sich in ihrem Kampf wider, die Beleuchtung über ihnen aufrechtzuerhalten, während sie sprachen.

Wie neue politische Entwicklungen einen stärkeren Einfluss erlangten, so wurden Umweltthemen immer häufiger als selbstverständlicher Bestandteil von Inszenierungen betrachtet.

Auf ähnliche Weise entwarf Mitchells Inszenierung von Samuel Becketts Glückliche Tage am Hamburger Schauspielhaus 2015 – ohne einen Beistrich am geschriebenen Text zu ändern – die fantastische Landschaft, in der bei Beckett die Nicht-Handlung stattfindet (den Erdhügel, in dem Minnie steckt) als ein überflutetes Apartment neu, das an die Arbeit des spanischen Bildhauers Isaac Cordal mit dem Titel Wahlkampf erinnerte (die im Netz auch unter dem Titel Politiker debattieren den Klimawandel firmierte). Vielleicht ließe sich auch das Ende von ihrer Kirschgarten-Inszenierung am Young Vic (London, 2014) mit seinem vertrauten Echo der Äxte, die die Kirschbäume schlagen, in gleicher Weise als ein Kommentar auf heutige Umweltzerstörung verstehen, wie er früher für ein Vorzeichen für die Zwillingskatastrophen von Weltkrieg und sowjetischem Totalitarismus gelesen worden war, die dem ruhigen Leben der Gajews dräuten.

 

Solche Bedeutungsverschiebungen könnte man als Teil eines größeren Trends im Umgang mit dem Klimawandel als Thema auf der Bühne sehen. So hat ein anderer führender englischer Regisseur, Robert Icke, noch 2014 das postapokalyptische amerikanische Stück MR. BURNS auf die Bühne gebracht; 2016 aber ließ er den Astrow in ONKEL WANJA in einer abgetragenen Barbour-Jacke über Abholzungen sprechen. Wie neue politische Entwicklungen einen stärkeren Einfluss auf das britische Bewusstsein erlangten, so wurden Umweltthemen immer häufiger als selbstverständlicher Bestandteil von Inszenierungen betrachtet.

 

Es ist faszinierend zu beobachten, dass fast genau ein Jahrzehnt nach der ersten Welle von Stücken zum Klimawandel – und nachdem die Auseinandersetzungen um Flüchtlingskrise, "woke politics", #MeToo und Brexit nach Behandlung auf dem Theater verlangt hatten – die Umwelt als Thema wieder auf die Tagesordnung der Auftragsvergabe-Kommissionen gerät. Das ist sicher eine Folge des Auftretens von Greta Thumberg und der Extinction Rebellion auf der einen Seite, wie auch des extremen Skeptizismus gegenüber dem Klimawandel, wie ihn US-Präsident Donald Trump vertritt, auf der anderen. Und es erscheint nur natürlich, dass eine der führenden Theaterdenkerinnen auf diesem Gebiet, Katie Mitchell, bei dieser Entwicklung wieder an vorderster Front zu finden ist.

Andrew Haydon
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Andrew Haydon ist freier Theaterkritiker, er lebt in in Manchester. Seine Texte erschienen unter anderem in The Guardian, The Financial Times, nachtkritik.de, Frakcija, KulturPunkt.hr, Színház, The Stage, Time Out, und Exeunt. Sein Beitrag über Katie Mitchells Inszenierungen griechischer Tragödien erschien bei Methuen Drama in dem Band: CONTEMPORARY ADAPTIONS OF GREEK TRAGEDY: AUTEURSHIP AND DIRECTORIAL VIDIONS(hg. v. George Rodosthenous).

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Weltpremiere: 2020 oder Das Ende

Katie Mitchell, Alice Birch

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater (Wien)
Uraufführung Juni 2020, Wiener Festwochen

Mit: Lilith Häßle, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Philipp Hauß, Katharina Lorenz, Falk Rockstroh 

Regie: Katie Mitchell, Text: Alice Birch, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen, Video: Akhila Krishnan, Ton: Donato Wharton, Licht: Anthony Doran, Dramaturgie: Sebastian Huber

Geburt. Tod. Auferstehung. Die drei Teile des neuen Stücks von Alice Birch stellen angesichts der Bedrohung des Planeten die letzten Fragen. Eine Frau im Wasser. Eine Frau in der Luft. Eine Frau und ihr brennender Garten. Drei Szenen, in denen die menschengemachten Veränderungen unseres Planeten von den Polen und aus den Regenwäldern in den Alltag der drei Protagonistinnen vor- und ihnen körperlich nahe rücken. Alice Birch und Katie Mitchell arbeiten bei 2020 ODER DAS ENDE bereits zum fünften Mal zusammen. Mitchells Hamburger Inszenierung von Alice Birch’s letztem Stück ANATOMIE EINES SUIZIDS war zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Termine 13. / 14. / 16. / 17. / 19. / 21. / 24. / 25. Juni, 19.30 Uhr

Sprache: Deutsch mit englischen Übertiteln

Preise: 4 (Stehplatz) / 12 / 27 / 38 / 48 / 59 Euro

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