Playlist #1: Wie Nebel klingt

Josh Sneesby über DER UNTERGANG DES HAUSES USHER

Stellen Sie sich die rollenden Melodien von Eric Coates vor, das schallende Gekreische der Möwen und die sanfte Stimme eines BBC-Radiomoderators, der Ihnen die britische Institution „Desert Island Disks“ vorstellt. Warum? Liebe Leserinnen und Leser, genau das ist nämlich das Format, dessen ich mich schamlos bedient habe, um Ihnen die Lieder und Geschichten hinter unserer Produktion DER UNTERGANG DES HAUSES USHER zu präsentieren. Für den Fall, dass Sie mit der BBC-Show nicht vertraut sind: Acht Aufnahmen, ein Buch und ein Luxusgegenstand werden von den Gästen der Sendung als Begleiter ausgewählt, während sie theoretisch auf einer einsamen Insel festsitzen. Die Sendung läuft seit 1942 und ist wirklich, wirklich (also wirklich) gut. Normalerweise umspannen diese Lieder die Lebenszeit des mutigen Interviewpartners ... meine decken jedoch nur die Zeit von April bis Juni 2021 ab, während der ich DER UNTERGANG DES HAUSES USHER erarbeitet habe.

 

 

#PLAYLIST #1: Von Josh Sneesby zu UNTERGANG DES HAUSES USHER
1 ) THE GREAT GIG IN THE SKY. DARK SIDE OF THE MOON – PINK FLOYD 


Fangen wir gleich mit etwas Großem an. Dieses Album enthält die gesamte Bandbreite der Paradoxien von Edgar Allan Poe: Brutalität/Zärtlichkeit, Leben/Tod, Eindeutigkeit/Vieldeutigkeit. Pink Floyd zieht sich wie eine Arterie durch unsere Produktion, aber Clare Torrys wortloser Gesang in diesem Song versetzt einen wirklich in eine unheimliche, furchteinflößende Welt. 

 

2 ) IN THE MISTS (ANDANTE) – LEOS JANACEK 


Ah, an dieser Stelle kommt eine Insider-Info: Dieses Klavierstück (und „Webers letzter Gedanke“ von Carl Rießiger) waren für die Konzeption unserer Produktion besonders wertvoll. Die zwei Stücke wurden letztlich nicht verwendet – Ruhet in Frieden. Tommy Hojsa und ich haben aber sicher mindestens jeweils zehn Versionen davon geschaffen. Hören Sie sich den Klavierpart der linken Hand von „Im Nebel“ an, wenn Sie wissen wollen, wie Nebel tatsächlich klingt. 

 

3 ) HOLYFIELDS. I,I – BON IVER


Bon Iver und ich spielen ein raffiniertes kleines Keyboard namens OP-1 (von Teenage Engineering). Ein unbeschreiblich cooles Ding. Seine Grenzen liegen dort, wo der Spieler an seine eigenen Grenzen stößt – in diesem Fall sind es meine. Die Reduktion hat eine so wichtige Rolle beim Gestalten dieser Produktion gespielt, und dieses Keyboard ermöglicht es mir, Musik mit einer unglaublichen Plastizität zu behandeln – es dehnt sich, biegt sich, verdreht sich und man kann es sogar anzünden! Ich habe dieses Album gehört, als mein Flugzeug um Mitternacht in Wien landete, 10 Stunden vor Beginn der Proben. 

 

4 ) ADULT WORKERS – FRANKIE STEW AND HARVEY GUM 


Eine weiterer absolut schöner Track, den ich beim Laufengehen nach der Probe oft als Dauerschleife gespielt habe. Mein Bruder hat mich auf darauf aufmerksam gemacht. Ich liebe den verletzlichen Rap, das zart gesungene Sample und den bescheidenen Beat. Eine herrliche Bestätigung dafür, dass große Kunst mehr ist als die Summe ihrer Teile. Ich kann heute nicht mehr durchs MuseumsQuartier gehen, ohne dass ich den Song im Ohr habe. 

 

5 ) GASPARD DE LA NUIT – RAVEL 


Wenn ich mit jemandem zusammenarbeite, schätze ich an der Person eine gewisse kindliche Art ganz besonders – eine offene, neugierige Verspieltheit, ein fehlender Egoismus und eine Großzügigkeit. Unsere Regisseurin Barbara Frey besitzt diese Eigenschaften reichlich. Erwachsene verlieren das oft im Laufe der Zeit. Ich glaube, es zu behalten ist nicht nur eine bewusste, sondern auch eine mutige Entscheidung. Barbara hat mich auch für Ravel begeistert – ein weiterer Erwachsener Mensch, der es geschafft hat, sich den kindlichen Geist zu bewahren. Man kann es an diesem Stück hören – es drückt Ehrfurcht und Staunen aus.

 

6 ) BURY A FRIEND. WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? – BILLIE EILISH  


Die Musik von Billie Eilish ist wunderschön und beunruhigend – genauso wie einige Momente in unserem Stück. Sie ist minimalistisch und besitzt Leichtigkeit, Mut und Sinn für Humor. Diese Elemente wirken in diesem Stück wie mühelos ausgewogen. Sehr inspirierend. 

 

7 ) I CICLE TUSK. FIRST COLLECTION 2006–2009 – FLEET FOXES 


Noch ein Track als Laufbegleitung! Ich war in Schönbrunn laufen und dieser Song hat mich dabei verführt und zugleich verdorben. Schlaflied Gitarrenklänge umspielen ein kindliches Glockenspiel, während einige ziemlich tödliche Texte sich den Weg durch die Wirbelsäule bahnen. “I’m a keyhole peeker/And you’re my surveillance keeper.” Ich glaube, es gibt einige magische Augenblicke kognitiver Dissonanz wie diesen in unserer Produktion. 

 

8 ) BLUE WOULD STILL BE BLUE. THROUGH THE WINDOWPANE – GUILLEMOTS 


Dieser Track verfolgt mich überall, wie ein Geist. Und er ist exemplarisch für eines der Mantras bei der Entwicklung unseres Stücks: reduce to the max. Die ruhige, schmerzvolle Musikalität dieses Titels macht ihn zu einem meiner absoluten Lieblingsstücke. Er ist unvollkommen, verletzlich, tragisch ... im Grunde somit menschlich.
 

Josh Sneesby ist Schauspieler, Multi-Instrumentalist, Komponist, Songwriter und Musikproduzent. Er hat international zahlreiche Stücke komponiert, unter anderem für die Royal Shakespeare Company und am National Theatre London. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. ein Grammy-Nominierung und eine Olivier Award-Nominierung für „Amélie The Musical“ sowie einen Offie Award für „Wilf Goes Wild“.

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