Vestibül

Mädchen wie die

Österreichische Erstaufführung im April 2020

Das Mädchenpensionat in St. Helen’s: eine besondere Schule, die jedes Jahr nur zwanzig Mädchen aufnimmt. Natürlich sind dann jene, die die Aufnahme schaffen, auch etwas Besonderes: lauter außergewöhnliche und allerbeste Freundinnen. Aber so viel Harmonie wird langweilig – ein Nacktfoto von Scarlett ist da eine willkommene Abwechslung. Mit jener Höchstgeschwindigkeit, die nur die Sensationsgier entwickelt, verbreitet sich das Foto von Handy zu Handy, es wird geteilt, geliked, kommentiert. Noch mehr wird spekuliert, wann, warum dieses Foto gemacht wurde, vor allem von wem – und ob Scarlett mit ihm wohl schon …? Davon kann man ausgehen, warum sonst lässt man sich nackt fotografieren. Scarletts Version der Geschichte interessiert niemanden, Kameradschaft gegen ist allemal unterhaltsamer als Solidarität mit. Und auch wenn das Warten auf erste sexuelle Erfahrungen Gesprächsthema Nummer eins ist, eine Scarlett, von der alle wissen, dass sie „es“ tut, ist als Freundin nicht mehr tragbar: „Das Problem mit Mädchen wie der ist, dass ihr Ruf auf die anderen abfärbt.“ Wie dieser Ruf zustande kam, wird nicht hinterfragt.

Ganz anders die Lage, als ein Nacktfoto von Russell auftaucht – ihm bleibt der Pranger erspart. Jener Pranger, an den Scarlett gestellt wurde, weil allerbeste Freundinnen noch lange nicht solidarische junge Frauen sind und man im Schutz der Gruppe die eigene Verantwortung vergisst. Kollektive Schuld ist Schuld, die sich solange teilen lässt, bis nichts mehr übrig bleibt: „Es ist nicht so, als wäre ich die einzige/Alle haben es gekriegt, nicht bloß ich, also hätt ich gar nicht/ Genau, das hätte gar nichts geändert, wenn ich“
Erst als Scarlett plötzlich verschwindet, macht sich Betroffenheit breit – doch die Erkenntnis lässt auf sich warten.

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