RICHTUNG REICHENBERG

Wenzel Winterberg ist 99 Jahre alt. Er sitzt mit seinem Sterbebegleiter, Jan Kraus, im Zug Richtung Reichenberg / Liberec und erinnert sich an den 12. März 1938 in dieser Industriestadt in Nordböhmen, die immer ein wenig wie Wien sein wollte.

WINTERBERG:

Ich weiss, was Sie sagen möchten, lieber Herr Kraus, nein, nein, Sie müssen es nicht schon wieder sagen, ich liebe das Zugfahren und ich hasse es zugleich, ich liebe die malerischen Aussichten, ich liebe die wunderschöne Eisenbahnmusik der Schienen und Züge, doch die malerischen Aussichten machen mich auch verrückt und die Eisenbahnmusik genauso, ich weiss, wohin die ganze Reise führt, ich weiss, wo die Gleise enden, ich weiss, was Sie sagen möchten, lieber Herr Kraus, Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, ja, ja, und Sie haben recht, genau so sagte es immer mein Vater und er hat viele Eisenbahnleichen gesehen, traurig, traurig, ich weiss, lieber Herr Kraus, was Sie sagen möchten, ich sollte nicht nach Reichenberg fahren, doch ich muss nach Reichenberg fahren, nach Liberec in Böhmen, ich muss da hinfahren, ich muss Reichenberg noch einmal sehen, bevor alles weg ist, ich muss die Feuerhalle sehen und im Ratskeller noch ein Bier trinken und Rindszunge mit Kren und Presssack mit Zwiebel und Essig essen, warum ist es so kalt, warum ist es im Zug immer so kalt, sind die Fenster richtig zu, lieber Herr Kraus?

Schauen Sie, lieber Herr Kraus, draussen siecht langsam der Winter dahin und das Frühjahr wurde noch nicht geboren, vielleicht kommt das Frühjahr überhaupt nicht, ich kenne es, lieber Herr Kraus, ich kenne sehr genau die grauen und schwarzen und gelben Farben des Todes hinter den Fenstern, sie wie sie mein Vater kannte, der erste Feuerleichenbestatter von Reichenberg, der erste Feuerleichenbestatter in unserem Teil von Eisenbahnmitteleuropa, der erste Feuerleichenbestatter der österreichischen Monarchie, die er in seiner Reichenberger Feuerhalle 1918 eingeäschert hat, der erste Feuerleichenbestatter der Tschechoslowakischen Republik, die er in seiner Reichenberger Feuerhalle 1938 eingeäschert hat, ja, ja, traurig, traurig, mein Vater hat in seiner Feuerhalle 1938 ganz Europa eingeäschert, überall nur noch Wut und Hass, sagte mir mein Vater damals im Reichenberger Ratskeller, nein, nein, ich weiss, was Sie sagen möchten, lieber Herr Kraus, ich bin ein Eisenbahnmensch, doch ich weiss auch, wohin die Bahnstrecken führen, seit Königgrätz 1866 ist die Eisenbahn überall dabei, sie bringt die Menschen zusammen, sie bringt die Menschen in den Tod, die Soldaten und Zivilisten, alle Menschen bringt die Eisenbahn in den Tod und Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, wie mein Vater immer sagte und er musste es wissen, er hat in seiner Feuerhalle in Reichenberg viele Eisenbahnleichen gesehen, genau, genau, ich weiss, was Sie sagen möchten, lieber Herr, mein Vater kannte alle Farben des Todes, ich kenne alle Farben des Todes und Sie kennen die Farben des Todes auch, sie als Sterbebegleiter, mein Sterbebegleiter, ja, ja, traurig, traurig, doch ich bin nicht traurig, ich freue mich sehr, dass Sie mitfahren, lieber Herr Kraus, überall nur noch Wut und Hass, sagte mir mein Vater damals im Reichenberger Ratskeller, nachdem er 1938 ganz Europa in seiner Feuerhalle eingeäschert hatte, ja, ja, Eisenbahnleichen sind wirklich keine schönen Leichen, warum ist es hier so kalt, lieber Herr Kraus, warum ist es hier so dunkel, Tunnel, ja, ja, wahrscheinlich sind wir gerade in einem Tunnel, Tunnelleichen sind auch keine schönen Leichen, sagte mein Vater immer.

Bald sind wir da, lieber Herr Kraus, bald sind wir in Reichenberg, in Liberec in Böhmen, in der deutschsprachigen Hauptstadt von Böhmen, die immer ein wenig wie Wien sein wollte, und so baute man das Rathaus in Reichenberg dem Wiener Rathaus nach, so baute man das Reichenberger Stadttheater dem Wiener Burgtheater nach, so baute man alle Reichenberger Kaffeehäuser den Wiener Kaffeehäusern nach, so baute man alles in Reichenberg allem in Wien nach, nur eines nicht, die Feuerhalle, denn die Feuerhalle in Reichenberg war die erste Feuerhalle in der Monarchie, die Wiener Feuerhalle in Simmering baute man der Reichenberger Feuerhalle nach, ja, ja, lieber Herr Kraus, bald sind wir da, bald stehen wir an der Grabstätte Europas, an unserem gemeinsamen Grab, an unserem Grab, ja, ja, bald schauen wir uns die Feuerhalle in Reichenberg an, die auf einem kleinen Hügel mitten in der Stadt steht und dass schon über hundert Jahre, ja, ja, seit über hundert Jahren wissen die Menschen in Reichenberg, wohin die Reise geht, seit über hundert Jahren thront auf dem Monstranzenberg in Reichenberg, in Liberec, die Feuerhalle, bald sind wir da, wenn Ihr Körper, lieber Herr Kraus, umgeschlungen von Flammen wird, wenn ihr Körper, lieber Herr Kraus, im Ofen der Feuerhalle liegt, wenn Ihr Körper, lieber Herr Kraus, im Herzen der Feuerhalle untergeht, wie mein Vater zum Ofen seiner Feuerhalle sagte, ja, ja, wenn ihr Körper nach einer knappen Stunde ganz weiss wie frischer Schnee wird, und dann, ganz zum Schluss, in den letzten Sekunden, erhebt sich der Körper, als würde er emporsteigen, sich befreien, auferstehen, doch genau in dem Moment zerfällt der Körper, das Fleisch und die Knochen werden zu weißem Staub, sagte mein Vater immer, und genau so hat er gesehen, wie 1918 in der Reichenberger Feuerhalle die österreichische Monarchie eingeäschert wurde, genau so hat er gesehen, wie 1938 in der Reichenberger Feuerhalle die Erste Tschechoslowakische Republik eingeäschert wurde, von der Monarchie ist nichts weiter als weißer Staub geblieben und nach der Ersten Tschechoslowakischen Republik genau so, ja, ja, von dem ganzen Stolz und Ruhm ist nichts mehr geblieben als weißer Staub, der in einer Drei-Liter-Urne passte, sagte mein Vater, traurig, traurig, genau so hat er gesehen, wie im Herzen seiner Feuerhalle unser Europa eingeäschert wurde, nichts als weißer Staub, warum ist es so kalt, warum ist es im Zug immer so kalt, lieber Herr Kraus, in der Feuerhalle war es nie kalt, fragen Sie bitte den Schaffner, warum es hier so kalt ist, fragen Sie ihn, ob er nicht etwas mit der Heizung machen kann.

Die Menschen hassen sich, doch die Menschen sollten sich lieben, sagte mein Vater damals im Reichenberger Ratskeller, nachdem er unser Europa in seiner Feuerhalle zu weissem Staub machte, doch ich bin schon zu alt, lieber Herr Kraus, ich kann nicht mehr lieben, Sie vielleicht noch, Sie sind jung, aber ich kann nicht mehr, es ist viel einfacher jemanden hassen als zu lieben, lieber Herr Kraus, sagte mein Vater damals, sie sollten nur nicht so viel Bier trinken, lieber Herr Kraus, Bierleichen sind auch keine schönen Leichen, Sie sollten auch nicht so viel rauchen, Tabakleichen sind keine schöne Leichen, Sie sollten nicht so viel Knödel essen, Knödelleichen sind keine schönen Leichen, so werden Sie nicht genau so alt wie ich, so alt wie die Feuerhalle in Reichenberg, genau so alt wie die Tschechoslowakische Republik, traurig, traurig, die Menschen hassen sich, die Menschen sollten sich mehr lieben, sagte mein Vater damals im Reichenberger Ratskeller, wir haben Rinderzunge mit Kren und Pressack gegessen und viel Bier getrunken und überall um uns herum brüllten die Henleintrottel und die Hitlertrottel, ja, ja, sie haben den Anschluss von Österreich bejubelt so wie sie ein halbes Jahr später den Anschluss vom Sudetenland bejubelt haben, ja, ja, so war es damals in Reichenberg, nur das Bier blieb damals genauso gut wie davor, nur das Bier, aber das auch viel zu kurz, warum ist es hier so heiss, warum ist es im Zug immer nur viel zu heiss oder viel zu kalt, mir ist zu heiss, mir ist zu kalt, machen Sie was, lieber Herr Kraus, machen Sie was, lieber Herr Kraus, warum machen Sie nichts, warum machen Sie nie auch nur irgendwas, ich muss aussteigen, wir sind sicher schon da, nein, nein, lassen Sie mich, ich muss aussteigen, wir sind sicher schon in Reichenberg, wir dürfen es nicht verpassen, nein, nein, lassen Sie mich, verdammt, ich steige jetzt aus, lassen Sie mich, lieber Herr Kraus, fassen Sie mich nicht an, Herr Kraus, lassen Sie es, verdammt, wir sind sicher schon da, ich muss aussteigen, aussteigen, aussteigen, lassen Sie mich, lassen Sie mich, lassen Sie mich.

Ich bin genauso alt wie die Feuerhalle in Reichenberg, genauso alt wie die Tschechoslowakische Republik, ich bin alt, sehr alt, viel zu alt, doch ich sehe und höre immer noch sehr gut, lieber Herr Kraus, ich sehe Sie immer noch, die Henleintrottel und Hitlertrottel im Reichenberger Ratskeller, ich höre, wie sie schreien, ich sehe, wie sie auf den Anschluss anstoßen, ich höre sie immer noch singen und schreien, ich sehe sie durch die Strassen marschieren, sie haben die Tschechen gejagt, sie haben die Juden gejagt, sie haben die Deutschen gejagt, ich höre sie immer noch Heim ins Reich schreien, ja, ja, so war es damals in Reichenberg, in Liberec, in der Grabstätte von Europa, lieber Kraus, ich weiss es, denn ich war dabei, ich war auch ein Henleintrottel, lieber Herr Kraus, ja, ja, traurig, traurig, ich war auch dumm, ich dachte auch, alles wird besser, bald, bald, ich habe auch angestoßen und geschrien, ich habe auch die Menschen gejagt, lieber Herr Kraus, nur mein Vater hat damals nicht geschrien, er saß ganz allein in der Ecke vom Rathauskeller und schaute sich die jubelnden, trinkenden und besoffenen Henleintrottel und Hitlertrottel an und ich wusste, er dachte über die vielen Leichen nach, die er in seiner Feuerhalle gesehen hat und die er noch sehen wird, ja, ja er sah von seinem Bierglas die Henleintrottel und die Hitlertrottel und dachte:

Bierleichen sind keine schönen Leichen.

Schnapsleichen sind keine schönen Leichen.

Weinleichen sind keine schönen Leichen.

Strangleichen sind keine schönen Leichen.

Schussleichen sind keine schönen Leichen.

Giftleichen sind keine schönen Leichen.

Soldatenleichen sind keine schönen Leichen.

Granatenleichen sind keine schönen Leichen.

Panzerleichen sind keine schönen Leichen.

Kriegsleichen sind keine schönen Leichen.

Anschlussleichen sind keine schönen Leichen.

Ja, ja, lieber Herr Kraus, er sah die Henleintrottel und die Hitlertrottel an, er sah mich an und sagte, die Menschen sollten sich mehr lieben und weniger hassen und dann kam ein Henleintrottel auf ihn zu und fragte ihn, warum er nicht feiert und mein Vater sagte, er sieht keinen Grund zu feiern und so hat ihm der Henleintrottel den Kopf mit einem Bierkrug zerschlagen, ja, ja, lieber Kraus, mein Vater war auch keine schöne Leiche.

Ja, ja, ich weiss, lieber Herr Kraus, wir sind schon da, wir sind schon in Reichenberg, ja, ich weiss, wir müssen jetzt aussteigen, aber ich will nicht aussteigen, ich kann nicht aussteigen, ich will noch hier im Zug ein wenig bleiben, ja, ja, gleich, gleich trinken wir Bier im Reichenberger Ratskeller, lieber Herr Kraus, ja, ja, und essen Rindszunge mit Kren und Presssack mit Zwiebel und Essig, lieber Herr Kraus, gleich ist es soweit, aber noch nicht jetzt, ich möchte im Zug noch ein wenig bleiben, lieber Herr Kraus, die Menschen hassen sich, die Menschen sollten sich mehr lieben, oft lieben sich die Menschen erst nach dem sie tot sind, sagte mein Vater, ja, ja, mein Vater hat in seiner Feuerhalle viele Leichen gesehen, mein Vater wusste, es gibt keine schönen Leichen, mein Vater wusste, es gibt kein Entkommen, ja, ja, kein Entkommen, lieber Herr Kraus, mein Vater wusste, was bleibt, ist der weiße Staub, der weiße Schnee, der in einer Drei-Liter Urne passt.
 

 

Dieser Text wurde im Rahmen des Kollektivsalons im Kasino am Schwarzenbergplatz in Szene gesetzt. Mit Daniel Jesch

Szenische Einrichtung von Tobias Jagdhuhn

 

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ÜBER DEN AUTOR

Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in Turnov, in der ehema­ligen Tschechoslowakei, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Musiker. Er studierte Germanistik, Geschichte und Publizistik in Liberec, Prag, Zürich und Berlin und arbeitete als Hotelportier, Lehrer und Journalist. Rudiš ist Autor zahlreicher Romane, Hör­spiele, Theaterstücke, Kinodrehbücher und Essays. Als Publizist arbeitet er regelmäßig für internationale Medien, wie für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur, den Tschechischen Rundfunk und die BBC.

Rudiš‘ Werke wurden in über zehn Sprachen übersetzt und erfuhren Adaptionen für Bühne, Hörfunk und Film. Im Februar 2019 erschien sein erster auf Deutsch geschriebener Roman „Winterbergs letzte Reise“. Es handelt sich um eine win­terliche, tragikomische Eisenbahnreise von Berlin nach Sarajevo durch die Geschichte von Mitteleuropa. Für dieses Werk wurde er mit dem Chamisso-Preis 2020 ausgezeichnet. Jaroslav Rudiš schreibt auf Tschechisch und Deutsch und lebt als freier Autor in Berlin und Lomnice nad Popelkou im Böhmi­schen Paradies.

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