Schreibweisen #3: The Spoken Word

Schreibweisen
Martin Crimp

Wir haben Martin Crimp gebeten, über seine Neufassung von Rostands CYRANO DE BERGERAC zu schreiben.

© Anna Haifisch
Schreibweisen gibt es so viele, wie es Autor*innen gibt. In dieser Rubrik geben Dramatiker*innen Einblicke in ihre Arbeitsprozesse.

In Borges’ Kurzgeschichte „Pierre Menard, Autor des Quijote” widmet die Titelfigur, der Schriftsteller Menard, sein Leben dem Versuch, den Roman „Don Quijote” neu zu schreiben, und zwar genau so, wie er 400 Jahre zuvor von Cervantes verfasst wurde. Sein Ziel ist es nämlich, nicht nur einen ähnlichen Text hervorzubringen, sondern exakt denselben Text – Wort für Wort.

Der Artikel vorgelesen – von Robert Reinagl

Durch diese Fiktion starrt der „Adaptierer“ (grässliches Wort!) oder „Neuschreiber“ (klingt eher nach einer App als nach einem Menschen) in den mörderischen Strudel der eigenen Eitelkeit. Denn ein Stück zu adaptieren oder umzu schreiben, das den Status eines Klassikers hat oder Teil des Literatur-Kanons ist, also den Text zu ändern, könnte den Anschein erwecken, dass die zeitgenössische Autor*in „es besser weiß“ als die Autor*in des Originals.

Ich würde es lieber so formulieren, dass eine zeitgenössische Autor*in es „anders weiß“ – und gar nicht anders kann. Und so las ich Rostands CYRANO DE BERGERAC von 1897 mit Freude an seiner sprachlichen Virtuosität, seinen komisch schrägen Situationen sowie an der Verkörperung eines selbstdestruktiven Außenseiter-Helden durch Cyrano – welcher selbst eine Neufassung von Molières eigenem misanthropischen Avatar, Alceste, ist. Gleichzeitig lese ich dasselbe Stück mit tiefster Abneigung gegenüber der Begeisterung für den militarisierten Nationalismus (die angesichts der Politik der vorangegangenen Jahrzehnte durchaus verständlich ist) und gegenüber der Verklärung von Roxane, die Cyrano ohne zu zögern einen 15 Jahre andauernden Schwindel verzeiht.

Doch all das, liebe Leser*innen, kann durch die listige Hand des zeitgenössischen Schriftstellers (wir sind alle schlau) leicht behoben werden. Während ich mich auf Rostands wogenden alexandrinischen Wellen treiben ließ, rätselte ich, warum diese Sprache, warum die Poesie selbst, für diese Figuren so wichtig war. Niemand, so dachte ich zynisch, schert sich mehr um Poesie – es sei denn, man zitiert T. S. Eliot, damit man einen seriösen Eindruck macht.

Aber Moment mal! Es ist Mittwochabend in einem Londoner Keller in der Nähe des nervigen Verkehrskreisels der Old Street. Die junge Frau an der Tür nimmt die Namen der Leute auf und trägt sie in eine Liste ein. In einer halben Stunde sind sämtliche Tische unter den Backsteinbögen besetzt – und alle sind gekommen, um Gedichte zu hören. Jede Person auf der Liste hat Gelegenheit, am Mikrofon ihr eigenes Gedicht vorzutragen – einige sind noch Kinder, andere sind in meinem Alter. Manche der Gedichte sind persönliche Geständnisse, manches ist politisch, manches auch grauenhaft, aber einiges ist genial. Jede*r einzelne erntet Applaus – und allen sind Worte wichtig. Hier ist sie also – die Welt der Lyrik und des Reims: the spoken word, gut versteckt und doch vor aller Augen.

Niemand, so dachte ich zynisch, schert sich mehr um Poesie

Der weißhaarige Intellektuelle klettert wieder zur Straße hinauf. Jetzt beginnt er zu verstehen, warum Roxane mit Versen betört werden muss, damit sie sich geliebt fühlt – warum die Kumpanen von Cyrano mit der Sangesfreude von Fußballfans skandieren – und warum Cyranos ganze „Identität“ hauptsächlich aus Sprache konstruiert ist, wenn die Reime wie ein Uhrwerk funktionieren und warum er sich, zumindest im übertragenen Sinn, nur mit dem Mikrofon in der Hand lebendig fühlt.

Der Knalleffekt von Borges’ Geschichte ist bekanntermaßen der Moment, in dem der Erzähler zwei Prosa-Passagen kritisch vergleicht: die eine stammt von Cervantes, die andere von dem fiktiven Menard. Der Witz an der Sache: Menards Arbeit ist so gut, dass beide Passagen völlig identisch sind.

Von der Passage von Cervantes behauptet der Erzähler, dass er hier nichts als rhetorische Klischees des 17. Jahrhunderts erkennt. Aber die – identische – Passage von Menard lobt er für Ideen, die im Kontext des 20. Jahrhunderts nicht nur „um ein vielfaches gehaltvoller“, sondern auch „überraschend“ sind. Die Satire geht hier in beide Richtungen: Ist der „Neuschreiber“ ein arroganter Schmierfink, dessen minderwertiges Geschreibsel durch die Existenz des tadellosen klassischen Primärtextes für immer in den Schatten gestellt wird? Oder haucht derselbe „Neuschreiber“ einem Werk, das andernfalls Gefahr läuft, kulturell dem Tod geweiht zu sein, neues Leben ein?

Rostand ist tot. Es ist ihm egal. Dennoch danke ich ihm (posthum) für seine Betrachtung (2. Akt, 7. Szene), dass Cyrano – zumindest in seinem Idealismus – keinem anderem als Don Quijote ähnelt.

Was auch immer unsere jeweilige Rolle als Autor*in ist, mir gefällt der Gedanke, dass wir uns meist auf derselben Seite wiedergefunden haben.

Martin Crimp
© Katrin ribbe

Martin Crimp

geboren 1956 in Dartford/Kent, studierte in Cambridge englische Literatur. Seit seinem Debüt als Dramatiker 1982 mit LIVING REMAINS hat er zahlreiche Dramen, sowie Hörspiele, Opernlibretti, Übersetzungen und Bearbeitungen veröffentlicht. Am Burgtheater war 2002 sein Stück AUF DEM LAND sowie 2006 WENIGER NOTFÄLLE zu sehen. Martin Crimp lebt und arbeitet in London.

Back to top