Träumen Androiden von elektrischen Autos?

Eine Kolumne von Srećko Horvat 

Eines Morgens erwachen Sie in Österreich. Die Grenzen sind geschlossen, aber die Sonne scheint. Eine Drohne bringt Ihnen den morgendlichen Standard ans Fenster und Sie bereiten sich Ihr Öko-Frühstück zu. Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, lesen Sie wieder von den Millionen Geflüchteten, die steigenden Wasserpegeln, verheerenden Stürmen und Fluten zu entkommen suchen, aber gerade hat Ihre Freundin angerufen, die mit ihrem alten Tesla an der Zapfsäule am Eingang der Zieglergasse auf Sie wartet. Also schließen Sie die Zeitung und ziehen los. Es ist noch Winter, aber es fühlt sich an wie Frühling.

Wien war zur ersten Großstadt ohne Verbrennungsmotoren innerhalb dessen geworden, was von der EU noch übrig war.

Es ist ein paar Jahrzehnte her, dass in Österreich der Konsum von Zigaretten, der Verzehr von Fleisch und der Betrieb von Verbrennungsmotoren verboten wurden. Am Anfang waren die Auto-Hersteller nicht erfreut, aber sie haben sich der neuen Situation schnell angepasst. Erst betraf es nur Dieselfahrzeuge, schließlich alle Autos, außer elektrisch betriebenen. Die alten Wagen wurden auf den Balkan exportiert, später von dort nach Afrika, wo die "Energiewende" noch nicht stattgefunden hatte – schließlich mussten all die Lithium-Batterien ja irgendwo herkommen. Wien war zur ersten Großstadt ohne Verbrennungsmotoren innerhalb dessen geworden, was von der EU noch übrig war. Bereits im Jahr 2019 war bei der Vienna Autoshow die Halle für "E-Mobility" achtmal größer als im Jahr zuvor, was die steigende Bedeutung von Elektroautos eindrucksvoll unter Beweis stellte. Aber damals konnte sich noch niemand in seinen kühnsten Träumen vorstellen, welch ein grünes Paradies nur wenige Jahrzehnte später aus Österreich werden sollte.

Mit Ihrer Freundin bei Ihrem grünen Arbeitgeber angelangt, kommt Gretas vertraute Stimme aus dem Radio, sie ist jetzt 42.

Das hatte natürlich seinen Preis. Schließlich muss ein grünes Paradies besonders geschützt werden - an seinen Außengrenzen wie auch gegen Feinde im Innern. Wenn Sie also an diesem schönen Februarmorgen bei 34°C durch Wien fahren, sehen Sie Plakate, auf denen das Burgtheater sein neuestes apokalyptisches Stück ankündigt – es scheint überhaupt, als würden die Theater und Kinos nur noch Stücke und Filme über den Weltuntergang, über Flüchtlinge und tödliche Viren zeigen. Auf den Straßen aber ist kaum etwas davon zu sehen. Mit Ihrer Freundin bei Ihrem grünen Arbeitgeber angelangt, kommt Gretas vertraute Stimme aus dem Radio, sie ist jetzt 42. Nachdem sie endlich den längst verdienten Friedensnobelpreis erhalten und eine wirklich globale Klima-Bewegung ins Leben gerufen hat, die dafür sorgte, dass viele Länder einen Green New Deal abschlossen, ist sie heute Generalsekretärin der Vereinten Nationen.

Nach Jahrzehnten mit Rekordtemperaturen und dem Abschmelzen der letzten Gletscher in den Alpen ist Thomas Manns ZAUBERBERG ein Stück exotischer Literatur geworden, das man Kindern vorliest, um ihnen von Zeiten zu erzählen, in denen es in Davos noch Schnee gab und richtig Ski gefahren wurde. Auch heute kommen die Milliardäre noch einmal im Jahr in Davos zusammen, aber sie fliegen nicht mehr ein, sondern kommen mit wasserstoffbetriebenen Luxus-Jachten. Das ist immer noch ein wenig unbequem, weil es viel Zeit in Anspruch nimmt, aber man hat sich den neuen Regeln zu beugen. Während 1913, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch die berühmte "Adria Ausstellung" in Wien zu sehen war, ist nun die Arktis zum beliebtesten Reiseziel der Österreicher geworden. Das Eis schmilzt, die Tourismusindustrie blüht und die Inuit-Dörfer werden von Besuchern regelrecht überflutet.

Und wie zu Zeiten der ersten adligen Reisenden, die die Ruinen von Pompeji besuchten, bieten die Reiseagenturen auch heute wieder exklusive "Expeditionen" in Gegenden an, die dem gewöhnlichen Touristen unerreichbar bleiben. Sie  werden als "last frontier" angepriesen, wo die reichen Gäste die "Chance haben, seltene Wildtiere, spektakuläre Landschaften und schmelzende Eisberge" zu besichtigen.

Schon im August 2019 hatte ein führenden Polarforscher – der Deutsche Arved Fuchs, der erste Mensch, dem es gelungen war, Nord – und Südpol in einem Jahr zu Fuß zu erreichen – vor der explosionsartigen Zunahme des Kreuzfahrt-Tourismus in der Arktis gewarnt und gesagt, dass die Arktis als ein globales Warnsystem diene: "Was hier passiert, wird bald auf der ganzen Welt passieren." 

Mancher weitsichtige Politiker hatte schon früh die Zeichen der Zeit erkannt. Als im Mai 2019 der sogenannte Arktische Rat seine Treffen im Norden Finnlands abhielt, warnten die meisten Mitgliedsländer, dass die Temperaturen in der Arktis doppelt so schnell stiegen, wie im Rest der Welt, was zum Schmelzen der Polkappe führe – und zu einer enormen Freisetzung von Energie. Aber es war das erste Mal, dass sich der Arktische Rat, der seine Treffen seit 1996 alle zwei Jahre abhält, nicht auf eine gemeinsame Schlusserklärung einigen konnte. Während die Repräsentant*innen von sieben Anrainerstaaten und sechs Organisationen indigener Völker vor dem rasanten Abschmelzen des arktischen Meereises warnten, erklärte der Außenminister der Vereinigten Staaten, Mike Pompeo, dass "die Arktis in der ersten Reihe stehe, wenn es um neue Chancen und Ressourcen gehe".

Waren fossile Brennstoffe nicht auch als Ergebnis früherer Naturkatastrophen entstanden?

Er dachte dabei offensichtlich nicht an die prekäre Situation für die Biodiversität auf diesem Erdteil und die Bedeutung der Arktis für das klimatische Gleichgewicht unseres Planeten, sondern sprach über den Reichtum an Uran, seltenen Erden, Gold, Diamanten und Millionen von Quadratkilometern unangezapfter Ressourcen, die vom Eis freigegeben würden. Während Greta, Wissenschaftler*innen und Klimaaktivist*innen noch gegen das Leugnen des Klimawandels ankämpften, indem sie in wissenschaftlichen Aufsätzen, Dokumentarfilmen, in Vorträgen auf Konferenzen, bei Demonstrationen und durch globale Mobilisierung die brutalen Fakten darstellten, war die Zukunft schon angebrochen, in der man die Veränderungen nicht mehr leugnete, sondern als etwas Positives zu begreifen begann.

Mit anderen Worten, die Unternehmen und Regierungen des beginnenden 21. Jahrhunderts taten, was sie immer tun. Sie hielten sich an die Fakten und akzeptierten sie nicht einfach nur als unbequeme Wahrheit, sondern bereiteten sich auf eine Zukunft vor, in der die Klimakrise gute Geschäftsaussichten bot – waren fossile Brennstoffe nicht auch als Ergebnis früherer Naturkatastrophen entstanden? Warum sollte die neue Klimakatstrophe nicht auch eine neue Quelle zur Anhäufung von Kapital und Macht bieten?

An jenem Morgen in Österreich, an dem die Grenzen geschlossen sind und die Sonne scheint, wachen wir vielleicht mit der Erkenntnis auf, dass weder das ökofaschistische grüne Paradies hinter hohen Mauern, noch ein "grüngewaschener" Kapitalismus die Antwort sein können. Dass sie vielmehr zwei Seiten einer Medaille sind, und wir langsam beginnen müssen, über dieses sehr komplexe strukturelle Problem nachzudenken, wenn wir nicht in einem Elektroauto-Albtraum enden wollen.

Srećko Horvat
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Srecko Horvat

Srećko Horvat geboren 1983 in Kroatien, ist Philosoph und politischer Aktivist. Er veröffentlichte zehn Publikationen, übersetzt in mehr als fünfzehn Sprachen, u.a. WHAT DOES EUROPE WANT? mit Slavoj Žižek (Columbia University Press, 2014). Seine Artikel erscheinen regelmäßig im Guardian, in der New York Times und in Newsweek. Mit dem griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis ist er einer der Gründer des Democracy in Europe Movement (DiEM 2025). Gemeinsam mit Regisseur Oliver Frljić kuratierte Horvat die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe EUROPAMASCHINE – FILM, THEATER, DEBATTE ZU DEN RUINEN VON EUROPA UND DER ZUKUNFT VON EUROPA, die von Jänner bis März 2020 im Kasino stattfand.

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