Und, wie haben Sie's mit der kulturellen Identität?

Gemeinsam stellten wir mit DER STANDARD unsere erste Gretchenfrage: Die Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann hat uns und Ihnen dazu einen Impulstext geschrieben: "Ein Hoch auf Österreich! – wie sich über Identität streiten lässt". Die Kommentare können Sie im STANDARD-Forum nachlesen.

Unlängst entdeckte ich auf dem Umschlag eines Briefes, der aus Österreich an meine Frau geschickt worden war, das in Sepia gehaltene Lächeln von Turhan Bey. Mit türkischem Vater und jüdisch-tschechischer Mutter gilt Turhan Gilbert Selahettin Şahultavi als österreichischer Schauspieler. Bevor er bei Warner Brothers Karriere machte, arbeitete er als Mathematiker für Albert Einstein, einen anderen Juden, der so wie Turhan Bey und dessen Mutter vor den Nazis in die USA geflohen war. Die österreichische Post druckte anlässlich Turhan Beys 90. Geburtstag eine Sonderbriefmarke. Ob sich Sebastian Kurz auf Bey als Teil des kulturellen Erbes bezog, als er im letzten Wahlkampf ausrief "Unser Ziel ist es, die kulturelle Identität aufrechtzuerhalten!"?

Von Provokation und Masochismus
Die österreichische Autochthonie ist eine schwierige Sache, das versteht jeder Touri schon beim ersten Blick in die Speisekarte: Die k. u. k. Monarchie mit ihren vielen Völkern ist immer noch aus dem Letscho herauszuschmecken, und dass sich die Meinigen – die mit Schläfchenlocken und Bob-Dylan-Profil – in den Straßen Wiens mit Kippa auf der Glatze herumzulaufen trauen, rechne ich Österreich hoch an. Solch exhibitionistischer Umgang mit der eigenen Zugehörigkeit gilt in Deutschland, wo ich lebe, als Provokation bei gleichzeitigem Hang zu Masochismus. Ist es diese Diversität, die Kurz lobte? Was meinen wir, wenn wir von kultureller Identität sprechen?

Sicherlich ist die Religion Teil kultureller Identität, sie diente immer schon als Mittel der Ab- und Ausgrenzung. Die Kippa prägt die Körperhaltung ihres Trägers und lenkt die Blicke der anderen. Und auch ein muslimisches Kopftuch bestimmt die Art und Weise, wie einer Gläubigen im öffentlichen Raum begegnet wird. Aber was ist mit den Atheistinnen und Atheisten? Es können ja nicht nur Küche und Kirche sein, die einen zu dem Menschen machen, der man ist.

Ich würde gerne dem bildungsbürgerlichen Verständnis anhängen, dass kulturelle Identität die Bücher sind, die unsere Vorstellung von Welt prägen, die Musik, die in Konzerthäusern an Feiertagen erklingt, und die bildende Kunst, die in Museen hängt. Aber da ich von jungen Studierenden am häufigsten danach gefragt werde, ob ich mit Sailor Moon aufgewachsen bin oder mit Bushido, glaube ich, dass die großen Namen, auf die wir uns gelernt haben zu beziehen, nur noch Briefmarken in Sepia sind.

Und ich glaube, dass die eigentliche Prägung bereits geschehen ist, bevor ich bewusst Ludwig van Beethoven gehört und Alexander Puschkin gelesen habe. Sie hat schon stattgefunden, als man mir verschwieg, dass diese beiden Klassiker – Beethoven und Puschkin – schwarz waren. Man verschwieg mir auch, dass all die großen Männer, mit deren Namen ich in der Schule und anderen Bildungsinstitutionen konfrontiert wurde, deshalb in Überzahl vorhanden waren, weil es Frauen verboten war zu studieren, künstlerisch tätig zu sein und ein angesehenes Handwerk auszuüben. Die Aufklärung in Europa versagte die Gleichberechtigung zwei Menschengruppen: Juden und Frauen. Das allerdings lernte ich erst als Mittdreißigerin.

Assimilation oder Abgrenzung?
Unsere Kulturgeschichte ist eine Geschichte der Auslassungen. Und die kann man bekanntlich nicht sehen, aber ich glaube, dort, in den Lücken und zwischen den Zeilen des Erzählten, liegt unsere eigentliche Identität. Ich kann versuchen, mich meiner Umgebung anzupassen (mich zu integrieren), ich kann versuchen, mich in ihr aufzulösen und unsichtbar zu werden (mich zu assimilieren), ich kann versuchen, Weltbürgerin zu sein (Kosmopolitin zu werden), ich kann mich von allem abstoßen, was ich als Kind erlernt habe und was mich durch meine ersten Lebensjahre begleitet hat, aber dass ich mich abstoße, ist ein Beleg dafür, dass davor bereits etwas zementiert worden war, wogegen ich meine Füße stemme.

Bevor ich Bücher aus eigenem Interesse aus den Regalen zog, las man mir Märchen vor, in denen Menschen, die aussahen wie mein geliebter Puschkin, Lebensweisen angedichtet wurden, die aus europäischer Sicht unzumutbar waren. Ich saß auf dem Schoß meiner Großmutter und hörte Lieder, in denen Frauen, Schwarze, alle möglichen ethnischen Minderheiten, nicht besonders gut wegkamen. Aber was kümmerte es mich – es reimte sich, es war warm auf Omas Schoß, und es roch gut. Derselbe Moment erlaubte es vermutlich meiner Großmutter, wiederum an ihre Großmutter zu denken. Und das Erlebnis der Behaglichkeit auf ihrem Schoß wurde mir zum Inbegriff dessen, wo ich herkomme.

Ist das der Zustand, den Kurz besingt? Ist es das, wonach sich die Leute sehnen? Hören sie nicht, was in den Reimen ihrer Kinderlieder steckt?

Sasha Marianna Salzmann
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Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin und widmet sich um Auftakt der "Gretchenfrage" dem Thema kulturelle Identität. 

Sasha Marianna Salzmann studierte Literatur/Theater/Medien an der Universität Hildesheim sowie Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Sie ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin und war Mitbegründerin des Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext. Seit der Spielzeit 2013/2014 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin und war dort von 2013 bis 2015 Künstlerische Leiterin des Studio Я. Ihre Theaterstücke werden international aufgeführt und wurden mehrfach ausgezeichnet. Gemeinsam mit Max Czollek initiierte sie 2016 Desintegration. Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen und kuratierte 2017 die Radikalen Jüdischen Kulturtage in Berlin. Ihr erster Roman Außer sich, 2017 erschienen, war im selben Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und ist bzw. wird in mittlerweile 16 Sprachen übersetzt. Darüber hinaus erhielt er den Jürgen-Ponto-Preis und den Mara-Cassens-Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt. 2020 ist Salzmann Trägerin des Kunstpreises für Darstellende Kunst der Akademie der Künste und Stipendiatin des Deutschen Literaturfonds. 

Live ist sie im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen, wo sie im monatlichen Wechsel mit der Wiener Philosophin und Publizistin Isolde Charim die Gesprächsreihe APROPOS GEGENWART moderiert. Salzmanns nächster Gast ist die türkische Journalistin Ece Temelkuran.

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