Vergiftete Freiheit

Lesedauer 7 Minuten

Ein Gespräch mit Carolin Amlinger

Corona-Kritiker*innen mit Blumenketten, Künstler*innen, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen, Journalist*innen, die sich als Rebellen gegen angebliche Sprechverbote inszenieren: Das libertäre Autoritäre hat Einzug gehalten in den politischen Diskurs. Die Literatursoziologin Carolin Amlinger hat mit dem Soziologen Oliver Nachtwey ein Buch zu diesem Phänomen veröffentlicht: „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“. Wir trafen Amlinger zu einem Gespräch über Verschwörungserzählungen, Dostojewskij und die Lust an der Krise.

Illustration von Matthias Noggler
© Matthias Noggler
Die Fragen stellten Sebastian Huber, Dramaturg und Victor Schlothauer, Dramaturgieassistent am Burgtheater.
BURGTHEATER MAGAZIN In Dostojewskijs Roman „Dämonen“, den der Regisseur Johan Simons gerade für das Burgtheater inszeniert, gibt es eine Figur, die ein neues System der Weltregierung vorschlägt: Den Weg dorthin beschreibt sie als Prozess von schrankenloser Freiheit zu schrankenlosem Despotismus. Wie führt das eine zum anderen? Was gibt es für Kipppunkte, an denen Freiheit in Unfreiheit umschlägt? Kann man von Stoffen sprechen, die die Freiheit vergiften?
CAROLIN AMLINGER Wenn man über die Gift-Metapher nachdenkt und sie auf den Diskurs über gesellschaftlichen Wandel überträgt, muss man sich zunächst einmal daran erinnern, was Gift eigentlich ist: ein Stoff, der von außen in einen Organismus eindringt und Schaden anrichtet. Wir haben hier also die Vorstellung eines begrenzten Körpers, der bedroht wird durch eine äußere Gefahr. Eine ähnliche Vorstellung ist Oliver Nachtwey und mir in unseren Forschungen begegnet. Wir haben mit drei Personengruppen gesprochen: zum einen mit Personen, die zivilgesellschaftlich engagiert waren, sich selbst als liberal oder gemäßigt-konservativ begriffen, und die im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 eine Kehrtwende hin zur rechtsextremen AfD vollzogen haben; mit Personen aus der Querdenken-Bewegung, die sich aufgrund der staatlichen Pandemiepolitik grundlegend in ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlten; und mit Intellektuellen, Personen des öffentlichen Lebens, die sich aufgrund von Neunormierungen von Sprache oder der Sichtbarkeit kultureller Minderheiten im öffentlichen Raum in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt sehen. Alle drei Gruppen eint ihre Wahrnehmung, dass ein äußeres Ereignis beziehungsweise äußere Akteur*innen die Integrität der eigenen Freiheit, der eigenen Person verletzen. In unserem Buch haben wir diese Empfindung mit dem Begriff der „Kränkung“ zu verstehen versucht, aber auch „Vergiftung“ wäre ein treffendes Wort.
Zu dem Gefühl der Kränkung gehört also ein bestimmtes Verständnis von Freiheit: Sie ist nicht etwas Öffnendes, das das soziale Miteinander zwischen Menschen befördert, sondern ein Eigentum, das verteidigt werden muss.
Das ist der Kern des Selbstverständnisses der Personen, mit denen wir gesprochen haben. Der Idee der „positiven Freiheit“ – das heißt, dass Individuum und Gesellschaft keine Antagonisten sind, sondern dass die Gesellschaft überhaupt erst individuelle Freiheit ermöglicht – wird ein radikal „negatives“ Freiheitsverständnis entgegengesetzt. Dieses geht davon aus, dass Freiheit die Freiheit von Zwängen und dem Einfluss anderer Akteur*innen ist. Dieses negative Freiheitsverständnis hatte, historisch betrachtet, immer wieder etwas Fortschrittsweisendes: Es ermöglichte die Entstehung von Räumen der Singularisierung, der Besonderheit. Aber in den heutigen Gesellschaften verkehrt sich das negative Freiheitsverständnis – das ist unsere Diagnose – bei einigen Personen in ein autoritäres Ressentiment. Freiheit wird in dieser Sichtweise nicht mit anderen gemeinsam hergestellt und mit ihnen geteilt, sondern verteidigt gegen die Bedrohung von außen.
Dabei findet eine Art Seitenwechsel statt. Wer früher „von links“ den Staat kritisierte, findet sich heute häufig auf der Seite der Verteidiger*innen demokratischer Strukturen wieder.
Der Anti-Etatismus, der mit der negativen Freiheit in Verbindung steht, ist immer auch ein Erkennungszeichen der progressiven sozialen Bewegungen gewesen. Sich selbst verwirklichen und eine autonome Lebensgestaltung realisieren, ohne von einer paternalistischen Instanz von oben gegängelt zu werden, war ein großer Gedanke der Neuen Sozialen Bewegungen in den 1970er Jahren. Das negative Freiheitsverständnis bekommt dann einen autoritären Zug, wenn Freiheit absolut gesetzt wird und nicht staatliche Zwänge abgelehnt werden, sondern das soziale Miteinander überhaupt. Daraus entsteht ein Aggressionspotential, das sich gegen jede Form der sozialen Verhandlung oder Kompromissfindung richtet.
Ist das eine zwangsläufige Entwicklung, mit der in demokratischen Gesellschaften gerechnet werden muss?
Ich glaube nicht, dass man damit einfach rechnen muss. Die Form von kapitalistischer Vergesellschaftung, die heute stattfindet, löst das Versprechen der Freiheit nicht wirklich ein. Wir sind zwar formal frei, aber in unserem Alltagsleben fortwährend mit Zwängen und Ohnmachtserfahrungen konfrontiert, die in eine Kränkung und in eine autoritäre Abwehr von Abhängigkeit münden können – aber natürlich nicht zwingend müssen. Bezogen auf das Arbeitsleben kann das zum Beispiel bedeuten, dass nach wie vor die Vorstellung wirkmächtig ist, dass sich Bildung und Leistung in sozialen Aufstieg übersetzen lassen. Dieses Leistungsversprechen moderner Gesellschaften ist allerdings brüchig geworden. Der eigene Aufwand zieht nicht unmittelbar eine Gratifikation nach sich. Erfolg generiert sich verstärkt aus sich selbst; die Möglichkeiten, sozial aufzusteigen, sind an das Niveau gebunden, auf dem man in die Gesellschaft einsteigt. Hier werden die eigenen Selbstwirksamkeitserwartungen gekränkt. Das heißt nicht, dass man dadurch zwangsläufig eine autoritäre Drift bekommt. Aber es gibt eine bestimmte Form gesellschaftlicher Strukturierung, die Menschen fortwährend mit diesem Widerspruch zwischen Freiheitsversprechen einerseits und deren mangelnder Realisation andererseits konfrontiert.

was fehlt, ist der utopische Horizont

Handelt es sich also, wenn in Verschwörungszählungen Scheinfreiheit kritisiert wird, um falsche Schlüsse aus einem richtigen Befund?
Grundsätzlich sind Zweifel nicht unberechtigt, im Gegenteil. Es gehört zur klassischen Gesellschaftskritik, Herrschaftsstrukturen aufzudecken, die nicht unmittelbar sichtbar sind. Was das Verschwörungsdenken von der klassischen Gesellschaftskritik unterscheidet, ist die Aufkündigung des Glaubens an eine geteilte Realität. Im Verschwörungsdenken generalisiert sich der Zweifel zu einem Generalverdacht – das heißt, es wird hinter der Realität eine zweite, ganz andere Realität vermutet, die die eigentliche und wahre ist. Die Kritik kippt in eine anti-aufklärerische und verrückte Form, sie ist gewissermaßen schiefgestellt.
In Dostojewskijs „Dämonen“ scheint eine ganze Gesellschaft im Russland der 1860er Jahre von der Gewissheit erfasst, dass die politische und soziale Ordnung im Land im Niedergang begriffen seien. Eine Lust an Revolte, Umsturz, Untergang scheint von fast allen Figuren Besitz ergriffen zu haben. Dieses Gefühl, sich auf einen Kipppunkt zuzubewegen, kam uns sehr aktuell vor.
Das Dekadenzmotiv ist auch bei den von uns untersuchten Personengruppen präsent, auch im Sinne einer „Zeitenwende“, die euphorisch herbeigesehnt wird; die Vorstellung, sich an einem Schwellenzustand der Zivilisation zu befinden. In der radikalen Gesellschaftskritik durch die Querdenken-Bewegung und ihre intellektuellen Pendants tauchen immer wieder Bilder des „Erwachens“ auf. Davon, dass lediglich Eingeweihte sehen, wie die Gesellschaft kippt und eine neue Ordnung entsteht. Es sind Erzählungen der Dringlichkeit, die zum Handeln auffordern, neue Held*innen machen, Praktiken generieren, Proteste mobilisieren. Dieses Denken prägt den intellektuellen Diskurs in Krisenzeiten seit jeher. Ein energetisches, brodelndes Zeitgefühl, das mit Gefahr, aber auch mit einer gewissen lustvollen Bejahung der Krise einhergeht. Oft war von einer drohenden Diktatur die Rede, die das eigene Handeln, den eigenen Standpunkt legitimiert. Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, fühlen sich davon in ernsthafte Unruhe versetzt. In den Gesprächen entglitten zunehmend die Formen von höflicher Kommunikation und endeten zum Teil in Rache- und Gewaltfantasien.
Bei Dostojewskij gibt es im kritischen Moment eine Überfülle an Vorstellungen, wo die Gesellschaft sich nun hinzubewegen hätte. Der größte Unterschied zu heute ist wahrscheinlich, dass gegenwärtig keine tragenden Zukunftsvisionen im Entstehen sind.
Ja, was fehlt ist der utopische Horizont. Der affektiv aufgeladene Protest erschöpft sich im reinen Dagegen-Sein. Wie wir eigentlich leben wollen, wird kaum oder nicht thematisiert. Obwohl das Bedürfnis nach Transzendenz, nach Sinn, bei allen befragten Gruppen präsent ist. Alle fühlen sich entfremdet von der Welt, von einer durchrationalisierten Gesellschaft. Es werden aber Formen der Sinnschöpfung praktiziert, die wenig mit neuen Gesellschaftsentwürfen zu tun haben, sondern eher eine Abschottung von der Gesellschaft sind. In der aktuellen Kritischen Theorie wird das individuelle Leiden in einer durchrationalisierten Leistungsgesellschaft oft als Erschöpfung oder Passivierung thematisiert. Verbunden mit Selbstverwirklichungsansprüchen, schlägt dieses Leiden an der „erkalteten“ Gesellschaft nun aber ebenfalls um in brodelnde negative Affekte, die sich nach außen richten und zum Handeln aktivieren. Hier sind wir wieder bei der Gift-Metapher: Die Gesellschaft greift in dieser Sicht auf schädliche Weise in den Organismus ein, der daraufhin verteidigt werden muss.
So wie es auf den Querdenken-Demonstrationen alle möglichen Schutzvorrichtungen gab, gegen Gift von oben und Gift von unten...
Die Idee der Vergiftung ist allgegenwärtig, in Verbindung mit der Vorstellung von Staat und Gesellschaft als bedrohlichen Instanzen, die unsichtbar sind, und vor deren Einfluss der „natürliche“ Körper geschützt werden muss. Wir lesen darin auch ein Symptom der Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Wissens, womit wir ein Stück weit an den Soziologen Ulrich Beck anschließen, der in seinem Buch Die Risikogesellschaft 1986 diagnostizierte, dass Risiken in der Gegenwart nicht nur zunehmen und global werden, sondern auch klassenübergreifend für alle wirkmächtig sind, und im Auftreten unsichtbar. Er dachte an das Ozonloch, das damals entdeckt wurde, und an atomare Strahlung. Heute wären es COVID-19 oder auch CO2. Die Risikogesellschaft existiert auf dem Fundament einer individualisierten Gesellschaft, deren Mitglieder sich ein immer größeres Wissen selbst aneignen können und wollen als bisher. Sie werden aber ebenso durch die genannten Risiken und Bedrohungen immer stärker mit ihrem eigenen Nichtwissen-Können konfrontiert und müssen sich auf das Wissen von Expert*innen und der Wissenschaft überhaupt verlassen. Das kann zu einer Kränkung und einer totalen Skepsis gegenüber dem fremden Wissen führen, weil man, um auf Expert*innen zu vertrauen, sich eingestehen muss, nicht als einzige*r frei und unabhängig darin zu sein, eine Situation zu beurteilen und zu entscheiden, wie man damit umzugehen hat.
Carolin Amlinger
© Juergen Bauer / Suhrkamp Verlag

Carolin Amlinger

ist Literatursoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Basel.

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