Verzerrungen

Playlist
von Alva Noto

Rainald Goetz’ Theaterstück REICH DES TODES stellt die finstere Frage: Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit der Exzess, das Böse, Kaputte, Oberhand gewinnen können? Der Künstler und Labelbetreiber Alva Noto, der die Musik für Robert Borgmanns Inszenierung komponierte, gibt einen Einblick in Titel, die er mit diesem Stück verbindet.
 

Safira Robens, Andrea Wenzl
© Marcella Ruiz Cruz
In der Rubrik PLAYLIST werden Ihnen die Songs, Alben und Künstler:innen näher gebracht, die unsere Künstler*innen bei der Produktionsgestaltung begleiteten.

„Sollte ich einen zentralen Begriff für meine Musik zu REICH DES TODES von Rainald Goetz nennen, dann wäre es distortion, ‚Verzerrung‘. Dieser Begriff bezeichnet einerseits eine musikalische Technik, bei der ein Ton, ein akustisches Signal durch zusätzliche Frequenzen verfremdet wird. Im Zusammenhang mit dem Stück von Rainald Goetz ist ‚Verzerrung‘ für mich auch ein politischer Begriff, weil es davon handelt, wie Teile der amerikanischen Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Demokratie, vor allem die demokratische Rechtsprechung außer Kraft zu setzen und autokratische Strukturen zu schaffen versuchen. Die Musik, die ich für meine Playlist ausgesucht habe, so unterschiedlich die Titel auch sind, steht für mich persönlich in einem direkten Verhältnis zu REICH DES TODES und dem Sound, den ich für dieses Stück komponiert habe.“ 


 

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„I’M AFRAID OF AMERICANS V4“: 2022 REMASTER DAVID BOWIE

Ich bin ein großer Fan von Bowie, vor allem von seinen späten Alben. Er ist ein Künstler von enormer Experimentierfreude, der sich im Laufe der Jahre im- mer wieder neu erfunden hat. Gegenüber dem Original hat diese Version den Vorteil einer noch größeren Offenheit. Eigentlich „passen“ Track und Titel so gut, dass er in REICH DES TODES gespielt werden könnte. Er ist der perfekte Ausdruck der Angst vor einer überwältigenden „Allmacht“.

„MOVEMENT 3“: LIVE, MIKA VAINIO, RYOJI IKEDA, ALVA NOTO

Diese Kollaboration mit Mika Vainio und Ryoji Ikeda, erschienen auf meinem eigenen Label NOTON, ist ein blueprint meiner Ästhetik, meine musikalische Kinderstube sozusagen. Die Verwendung von Testtönen, von Sinusfrequenzen, die technische Natur der Sounds, der beat sind ganz wesentliche Bestand- teile meiner Ästhetik. Auch die Sprache von Rainald Goetz ist sehr stark an einem beat orientiert, er schreibt nicht im Elfenbeinturm, sondern sehr nah an seiner Zeit. Sein Schreiben ist in hohem Maße popkulturell geprägt. Dabei ist REICH DES TODES viel weniger Pop als andere Texte von Goetz, wie etwa „Jeff Koons“ oder „Rave“. 

 

„YOU CANNOT SEE ME FROM WHERE I LOOK AT MYSELF 1“: SAELE VALESE 


Wie auch in „Movement 3“ und in meiner Komposition zu REICH DES TODES spielt in diesem Stück das Moment der Verlangsamung eine zentrale Rolle – es ist verlangsamter Techno, wie man „You Cannot See Me from Where I Look at Myself“ als verlangsamten Rave bezeichnen könnte.

 

„LAMENTATE: FRAGILE:“ ARVO PÄRT, ALEXEI LUBIMOV, ANDREY BOREYKO, SWR SYMPHONIEORCHESTER 

Für mich ist das Lamento, das Klagelied, das Betrauern eines Verlusts besonders im zweiten Teil des Texts von Rainald Goetz präsent. Dieses Stück von Arvo Pärt ist sehr kurz und ungeheuer stark, deutlich weniger romantisch als viele andere seiner Kompositionen. Für REICH DES TODES erscheint es mir besonders passend, weil Pärt eine liturgische Form aufgreift und Fragen von Politik und Religion, von Glaubensbekenntnissen und Glaubenskonstruktionen im Zusammenhang mit dem 11. September und in dem Stück von Rainald Goetz eine wichtige Rolle spielen. 

„DAS RHEINGOLD: VORSPIEL“: RICHARD WAGNER, SYMPHONIE- ORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS, SIR SIMON RATTLE 

Um Richard Wagner kommt man im deutschsprachigen Theater nicht herum. Und wirklich habe ich meine eigene Version des Rheingold-Vorspiels in die Musik zu REICH DES TODES integriert. Wagners Auftakt zum Ring des Nibelungen ist ein ungeheuer modernes Stück Musik, das bereits Tendenzen des Ambient vorwegnimmt: so die verschiedenen tonalen Ebenen, auf denen Akkordfolgen in unterschiedlichen Tempi übe einanderliegen. Diese Musik ist ein großes Versprechen, nicht der klassische Wagner-Bombast, sondern eine Art Warteraum, in dem sich das große Unheil ankündigt.

 

„THE CRISIS“: ENNIO MORRICONE 

Ein Stück aus dem Soundtrack des wunderschönen Films „Die Legende vom Ozeanpianisten“ von Giuseppe Tornatore von 1998. Es ist ein richtig klassisches Stück Filmmusik in der italo-amerikanischen Tradition. Es steuert unerbittlich auf die Krise zu, mit unglaublicher Brutalität und großer Schönheit. In dieser Verbindung liegt für mich die Parallele zu REICH DES TODES.

 

„TAR“: LUCRECIA DALT, JAN JELINEK REMIX 

Der erste Track auf dieser Liste, der mit Text operiert. Lucrecia Dalt, eine Kolumbianerin in Berlin, ist als ausgebildete Geologin auf poetische Tiefenbohrungen spezialisiert. Sie ist eine große Erzählerin, der eine in meinen Augen einmalige Verbindung von Stimme und Elektronik gelingt. Jan Jelinek, von dem dieser Remix stammt, ist ein Elektronik-Urgestein und ein alter Freund von mir. 

„WHITE LILY (HOME OF THE BRAVE) LIVE“ : LAURIE ANDERSON

Auch mit Laurie Anderson verbindet mich eine lange Freundschaft. Sie ist eine Pionierin, die den Minimalismus in den Pop eingeführt hat. Ihre Mischung aus Abstraktion und Poesie lässt auch ihre frühen Arbeiten immer noch absolut taufrisch wirken. In „White Lily“ beschreibt sie eine Szene aus einem Film von Rainer Werner Fassbinder, in der ein Mann in einem Blumenladen nach der Blume fragt, die am besten die Vergänglichkeit symbolisiere. Die weiße Lilie steht für mich auch für die Trauerarbeit, die in REICH DES TODES geleistet wird. 

 

„FOLLY“: GAZELLE TWIN 

Die schottische Komponistin Gazelle Twin arbeitet mit elektronisch verfremdeten Chorälen, distortion ist ein zentrales Thema ihrer Musik. Extrem verfremdete Chöre verwende ich auch in der Musik zu REICH DES TODES.

 

„LUX AETERNA“: GYÖRGY LIGETI, SCHOLA HEIDELBERG, WALTER NUSSBAUM 

Die Musik des österreichisch- ungarischen Komponisten György Ligeti ist immer eine große Inspirationsquelle für mich gewesen. Sein Chorstück „Lux aeterna“ ist besonders bekannt geworden, weil Stanley Kubrick es in seinem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ eingesetzt hat. Ligeti steht für Mikrotonalität und das konsequente Aufbrechen der Zwölfton-Musik. Er ignoriert die herkömmlichen Notensysteme und schafft einzigartige, unbequeme Soundlandschaften. Robert Borgmanns Bühnenbild zur REICH DES TODES-Inszenierung wird von einer großen Neonwand dominiert, die sich in ständiger Bewegung befindet. Sie sorgt für extreme Sichtbarkeit, hat aber auch etwas von einem unendlichen, göttlichen Licht – lux aeterna. 

 

„A FOREST“: ALVA NOTO 

Als düsteres Finale dieser Liste habe ich mir die Freiheit genommen, noch eine Eigenkomposition anzufügen. „A Forest“ ist die Cover-Version eines Songs der britischen Band The Cure, den ich instrumental komplett neu aufgenommen habe. Das Stück ist während des ersten Lockdowns entstanden, es ist von einem Gefühl der Unheimlichkeit geprägt und eine Reflexion auf eine unbestimmbare Zeit, in der alle bösen Geister wieder aufzutauchen scheinen, die Pandemie, der Krieg ... Man steht allein und verloren im Wald und ist mit sich selbst und seinen Dämonen konfrontiert. 

Portraitfoto Carsten Nicolai
© Anrey Bold

Carsten Nicolai

ist ein in Berlin lebender deutscher Künstler und Musiker. Für sein musikalisches Werk verwendet er das Pseudonym Alva Noto. 1965 in Karl- Marx-Stadt geboren, ist er Teil einer Künstlergeneration, die intensiv im Übergangsbereich zwischen Musik, Kunst und Wissenschaft arbeitet. Mit einem starken Bekenntnis zum Reduktionismus kreiert er mit seinen Sound- Experimenten eigene Codes von Zeichen, Akustik und visuellen Symbolen. Sein musikalisches Œuvre spiegelt sich in seiner Arbeit als bildender Künstler wider. Nach seiner Teilnahme an der documenta X und der 49. und 50. Biennale di Venezia werden seine Arbeiten in nationalen und internationalen Ausstellungen renommierter Museen und Galerien präsentiert. 

Zum Stück
Magazin #12: Geister
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