Wahnwitz und Begierde

Im Akademietheater probt Antonio Latella Oscar Wildes “The Importance Of Being Earnest”. Den Zugang zu Wildes berühmter Komödie findet der in Neapel geborene Regisseur im titelgebenden Schlusssatz des Stücks, welcher im Italienischen meist mit „L’Importanza di essere Onesto“ übersetzt wird. Da sich die Verbindung mit dem zuerst vorgeblichen, zu guter Letzt aber tatsächlichen Namen der Hauptfigur Ernest (respektive Ernst oder eben: Onesto) im Deutschen nicht so schön herstellt, wie im Italienischen, trägt Latellas Inszenierung den Titel BUNBURY.

Zur Illustration:

JULIUS THESING

Jahrgang 1990, studierte Kommunikationsdesign und Illustration an der Münster School of Design. Mit seiner Erstveröffentlichung “You don't look gay” (Bohem 2020) ist ihm ein unkonventionelles Buch gegen Homophobie und Diskriminierung gelungen, in dem sich Illustrationen und Ratgeber-Essay begegnen.

Die Bedeutung dieses Namens wiederum, unter dessen Deckmantel sich Ernests Freund Algernon einem ausschweifenden Doppelleben hingibt, ist nicht weniger vielfältig – und führt uns in die verbotene Welt der schwulen Subkultur im prüden viktorianischen London.

Wilde war Teil beider Welten: Als verheirateter Familienvater und Liebling der Londoner Society stand er im Rampenlicht der Theaterszene, war Modeikone und gefürchteter Salonlöwe. Gemeinsam mit seinem Liebhaber Alfred Douglas wiederum führte er ein ausschweifendes Leben in Begierde und Wahn. Unbeglichene Hotelrechnungen und sexuelle Exzesse säumten seinen Weg.

Derweil provozierte Wilde mit Arroganz und rhetorischem Genie die geistig unterlegene Londoner Upperclass. Mit BUNBURY verfasste er eine „absurde, leichte und paradoxe Komödie“, die der Londoner Gesellschaft den Spiegel ihrer Oberflächlichkeit vorhielt und mit einem Minenfeld von Anspielungen und zweideutigen Provokationen aufwartet. Die Premiere wurde zum Höhepunkt in Wildes Karriere. Zugleich ließ sich das Publikum von den unmoralischen Anspielungen sehr wohl provozieren. Der viktorianische Geist blies zum Angriff: Nur wenige Monate nach der umjubelten Uraufführung endete nicht nur die Theaterkarriere Wildes. Der Londoner Superstar wurde als „männliche Person, die öffentlich oder privat ein grob unsittliches Verhalten an den Tag legt“ aus dem Verkehr gezogen. Von der Höchststrafe, zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit, erholte sich Wilde nach der Haftentlassung nicht mehr. Hingegen wurde er zum Symbol der Schwulenemanzipation und Wildes beispielloser Schauprozess zum „Schlüsselmoment der Herausbildung eines individuellen und kollektiven Selbstbewusstseins jener, deren Existenz von den geraden Wegen der sexuellen Normalität abweicht“.

 

AKADEmietheater

BUNBURY

Oscar wilde

Regie: Antonio Latella

Mit Mehmet Ateşçi, Regina Fritsch, Max Gindorff, Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Florian Teichtmeister, Andrea Wenzl, Tim Werths

Die beiden Dandys Algernon und Jack lieben das Doppelleben. Um Laster und Vergnügen mit ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen unter einen Hut zu bekommen, haben sich beide Lügen ausgedacht: Algernon erfindet einen kranken Freund namens Bunbury, um möglichst oft zu diesem aufs Land fahren zu können, und Jack gibt vor, sich um seinen Bruder Ernst kümmern zu müssen, um regelmäßig in die Stadt zu kommen. Oscar Wildes turbulente Komödie dreht sich um Sprache, Ernsthaftigkeit und Verstellung. Uraufgeführt 1895 in London, entwickelte sich diese bitterböse Abrechnung mit Heuchelei und Oberflächlichkeit zu einem modernen Klassiker, der nun von Antonio Latella (zuletzt Leiter der Theaterbiennale in Venedig) inszeniert wird.

 

 

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Dieser Text erschien im BURGTHEATER MAGAZIN #6.

 

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