Warten auf die Barbaren

Bärenkäfig

Es hätte an jedem anderen Tag in jeder anderen Stadt passieren können, aber es geschah, als ich im Bus auf der Autobahn von Belgrad nach Zagreb unterwegs war, die zu Zeiten Jugoslawiens „Autobahn der Brüderlichkeit und Einheit“ hieß Eine deutliche Mahnung, dass es früher keine Grenze zwischen Kroatien und Serbien gegeben hatte.

Als wir „Belgrad am Wasser“ hinter uns gelassen hatten, ein hoch umstrittenes, von Abu Dhabi aus gesteuertes Investorenprojekt mit Wolkenkratzern und Shopping Malls am rechten Save-Ufer, fuhr der Bus durch „Neu-Belgrad“ mit seiner immer noch existierenden sozialistisch-modernistischen Architektur und fand langsam seinen Weg aus der geschäftigen serbischen Hauptstadt.

Erst jetzt bemerkte ich, dass die gegenüberliegenden zwei Fahrbahnen völlig leer waren, als ob sich Neu-Belgrad plötzlich in eine postapokalyptische Geisterstadt verwandelt hatte. Dann sah ich die serbischen und türkischen Fahnen, die überall an der Straßenbeleuchtung wehten. Und die Polizisten, die im Abstand von 50 Metern die Autobahn säumten. Plötzlich wurde die gespannte Stille von einer Polizeikolonne durchbrochen, die mit hoher Geschwindigkeit über die leere Straße fegte, gefolgt von einer schwarzen Limousine mit zwei türkischen Flaggen auf den vorderen Kotflügeln, dann wieder Polizeiwagen ... bis die Autobahn nach Neu-Belgrad wieder in Stille und geisterhafter Leere dalag.

Es war der Tag des Staatsbesuchs von Erdoğan in Serbien. Während Erdoğan auf der gleichen Autobahn in die andere Richtung fuhr, erklärte die Türkei, in Kürze mit den Angriffen gegen die Kurden in Syrien zu beginnen. Als offizielles Ziel wurde die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ entlang der türkischen Grenze angegeben, in die Millionen syrischer Flüchtlinge aus der Türkei verbracht werden sollten.

Wenn es einen Zeitpunkt gab, an dem deutlich wurde, dass wir in eine gefährliche neue Ära von Geopolitik im 21. Jahrhundert eintraten, die man am besten als „Biopolitik auf Steroiden“ beschreiben kann (als Biopolitik hatte der französische Philosoph Michel Foucault neue Machttechniken bezeichnet, die sich auf die Körper der Bevölkerung richten), dann war es der frühe Oktober des Jahres 2019, als die syrische Krise eskalierte.

Wenn ganze Städte gesperrt werden (man erinnert sich an Hamburg während des G20-Gipfels), damit die Mächtigen der Welt zusammenkommen können, um Verhandlungen (vom Waffenhandel bis zu Investorenprojekten) mit zweifelhaften Partnern zu fuhren, und anderswo Städte ihrer Bevölkerung im Wortsinne „entleert“ werden, um andere Menschen dort ansiedeln zu können, dann werden unsere Körper – als rein rechnerische Mengen und als physische Einheiten – fassbar als eine Art lebendiger Währung, als etwas, das im Namen von politischen Interessen getauscht werden kann.

Als mein Körper auf der „Autobahn der Brüderlichkeit und Einheit“ nach Zagreb fuhr, machten sich türkische Truppen bereits auf den Weg zur Grenze im Nordosten Syriens. Als die Bombardierungen und das Artilleriefeuer begannen, wurde die Türkei dafür kritisiert, dass diese militärischen Aktionen ethnischen Säuberungen gleichkamen – da sie buchstäblich die Vertreibung oder Auslöschung der Kurden in dieser Region zum Ziel hatten.

Aber Erdoğan, zurück von seiner Reise auf den Balkan, erwiderte auf eine Art, die von zukünftigen Historikern (wenn es diesen Berufsstand in der Zukunft noch geben sollte) „die Flüchtlings-Erpressung“ genannt werden durfte. Er kündigte einfach an, dass er, sobald die EU die Militäraktion eine „Invasion“ nenne, „die Türen öffnen“ und 3,6 Millionen syrische Fluchtlinge nach Europa schicken werde.

Was sind die derzeit 3,6 Millionen syrische Geflüchtete verglichen mit den Hunderten von Millionen, die in Zukunft vor dem steigenden Meeresspiegel und den katastrophalen klimatischen Bedingungen, die sich gerade mit rasender Geschwindigkeit vor unseren Augen entwickeln, nach Europa fliehen werden?

Wenn es einen literarischen Text gibt, der die Sackgasse, in der sich Europa derzeit befindet, besonders treffend beschreibt, dann das Gedicht des großen griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, das er 1904 unter dem Titel Warten auf die Barbaren veröffentlichte. In diesem Gedicht geht es um einen Staat, der zum Stillstand kommt, weil die Bevölkerung gebannt auf das Eintreffen der „Barbaren“ wartet. Es spiegelt Erdoğans „Flüchtlings-Erpressung“, aber auch den zugrundeliegenden Nationalismus, sowie jede Ideologie, die Feinde, reale oder imaginäre, benötigt, um die Illusion einer homogenen Bevölkerung zu erzeugen. Und was geschieht am Ende von Kavafis’ Gedicht? Nichts. Und das ist wirklich beängstigend. Die „Barbaren“ kommen nämlich nicht.

Der Dichter schreibt:

 

Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun? Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.

 

Heutzutage glaubt kaum ein europäischer Staat, dass die Flüchtlinge die Lösung darstellen könnten. Im Gegenteil: Seit der Europäischen Migrationskrise im Jahr 2015, als über eine Million Gefluchtete in die EU kamen, erleben Länder von Kroatien über Italien und Ungarn bis Osterreich eine Wiedergeburt dessen, was Benedict Anderson in seiner Definition des Nationalismus so treffend als „imaginäre Gemeinschaften“ beschrieben hat, die sich gegen die Bedrohung durch imaginäre „Barbaren“ verteidigen.

Vielleicht lässt sich die missliche Lage Europas so zusammenfassen: Es wird immer weiter auf „Barbaren“ warten, solange es nicht seinen Kurs ändert (und zum Beispiel die Waffenlieferungen an die Türkei und andere Krieg führende Regime, einstellt), während die wahren Barbaren die Menschen und Bevölkerungen als reine Zahlenmengen und „lebendige Währungen“ einsetzen.

Um es brutal mathematisch auszudrücken: Was sind die derzeit 3,6 Millionen syrische Geflüchtete verglichen mit den Hunderten von Millionen, die in Zukunft vor dem steigenden Meeresspiegel und den katastrophalen klimatischen Bedingungen, die sich gerade mit rasender Geschwindigkeit vor unseren Augen entwickeln, nach Europa fliehen werden?

Was uns zu der einzig möglichen Schlussfolgerung führt: Angesichts der Bedrohungen und übermächtigen Herausforderungen, vor die uns die Zukunft stellt, ist der Nationalismus eine absolut anachronistische Reaktion auf globale – oder planetarische – Probleme, die sich nicht mit biopolitischen Erpressungen oder reiner Mathematik lösen lassen. Anstatt auf die nationalistischen Rezepte des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen, sollten wir Losungen für die Zukunft entwerfen – denn nur tiefere und ernsthafte transnationale Kooperation und Solidarität kann die gegenwärtige Barbarei des frühen 21. Jahrhunderts stoppen.

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Srecko Horvat

SREĆKO HORVAT, geboren 1983 in Kroatien, ist Philosoph und politischer Aktivist. Er veröffentlichte zehn Publikationen, übersetzt in mehr als fünfzehn Sprachen, u. a. "What Does Europe Want?" mit Slavoj Žižek (Columbia University Press, 2014). Seine Artikel erscheinen regelmäßig im "Guardian", in der" New York Times" und in "Newsweek". Mit dem griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis ist er einer der Gründer des Democracy in Europe Movement (DiEM 2025). Gemeinsam mit Regisseur Oliver Frljić kuratiert Horvat die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe "Europamaschine" – Film, Theater, Debatte zu den Ruinen und der Zukunft von Europa, die von Jänner bis März 2020 im Kasino am Schwarzenbergplatz stattfindet.

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