Wie viel Zukunft hat unsere Vergangenheit?

Ich bin Anhänger des gescheiten Spruchs aus einem Helen-Dorn-Krimi: »Die Vergangenheit lässt einen nicht los, man muss sich schon selber lösen.«
In diesem Sinn müssen wir unsere Vergangenheit jeden Tag neu schreiben, um eine (gute) Zukunft zu haben.

Ich denke wie vor vierzig Jahren: Der 10. Oktober ist »kein Grund zu feiern«. Gefeiert werden Siege. In Kärnten wurde den Slowenen seit hundert Jahren immer und immer wieder demon striert, dass sie die Besiegten sind. Festzüge, die wie Siegesfeiern mit Truppenaufmärschen daherkommen, müssen aufhören. Der Kriegsruf »Kärnten frei und ungeteilt« muss verstummen.
Wir sollten uns allerdings erinnern und gedenken, wir sollten das Verschwiegene zur Sprache bringen, wir sollten historische Mythen demystifizieren.
Ich frage mich jedoch: Wer in Kärnten gedenkt der Tausenden Slowenen, die dem Land abhanden gekommen sind im Laufe von hundert Jahren? Ich frage mich: Kommt da kein Phantomschmerz auf?

Seit einigen Jahren schon hat die Feindseligkeit gegen die Slowenen stark abgenommen. Nach der Ortstafellösung von 2011 ist eine gewisse Konfliktmüdigkeit eingekehrt. Das Deutschnationale verebbt langsam, vielleicht auch, weil ihm mehr und mehr das Objekt abhanden kommt.

Für den 100. Jahrestag der Volksabstimmung hat das Land das Konzept »CarinthiJa 2020« mit vielen dezentralen Veranstaltungen und wenigen zentralen erarbeitet. Viele slowenische Kulturvereine sind eingebunden, 34 der mehr als 80 ausgewählten Projekte sind zweisprachig, ein ganzes Kulturjahr lang. 2020 kommt zukunftsorientierter, sympathischer daher – beinahe ein Dé jà-vu, wenn ich an die OktoberArena mit ihrem Slogan »Für einen neuen Oktober« denke.

Aber dann lese ich im offiziellen »kärnten.magazin« die Grußadressen des Bundespräsidenten und der Mitglieder der Landesregierung, sogar in beiden Landessprachen – und in keiner Sprache kommt das Wort »Slowenen« vor. Dafür aber wird immer noch – in beiden Sprachen – der unselige Propagandaspruch »Kärnten frei und ungeteilt« strapaziert. Auf Slowenisch klingt das besonders eigenartig.

»Eine Person ist ihre Geschichte, und eine Nation auch,« sagt Daniele Giglioli ein seinem Buch »Die Opferfalle«.

Es geht in Kärnten darum, die Erzählung zu ändern, die Vergangenheit neu erzählen, damit sie eine Zukunft haben kann. Die Zukunft in Kärnten wird erst dann nicht von der Vergangenheit beherrscht sein, wenn die übriggebliebenen Slowenen legitimiert sind und nicht mehr als Bankerte behandelt werden.

Es ist außerdem hoch an der Zeit, eine andere Art von »imaginierter, vorgestellter Gemeinschaft« (nach Benedict Anderson) zu entwickeln – vielleicht mit multiplen Identitäten, die wir sowieso haben.

Celovec, 2. bis 6. Oktober 2020

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