zur Spielzeit 2020/21


Wenn wir in diesem Herbst nach ungewohnt langer Pause wieder im Burgtheater zusammenfinden werden, dann unter dem Signum einer "neuen Normalität". Der Begriff ist gut gewählt, beschreibt er doch zwei Prozesse gleichzeitig und beide so, als seien sie bereits abgeschlossen. Einerseits deutet "neue Normalität" darauf hin, dass in ihr neue Regeln (Normen) herrschen, andererseits, dass diese bereits akzeptiert, zur Gewohnheit, "normal" geworden seien. Nicht enthalten ist, wie
so eine neue Normalität entsteht, also Dinge wie kontroverse öffentliche Debatten, Meinungsbildungsprozesse, die demokratische Abstimmung von Normen und ihre "Einbürgerung", den allmählichen, immer wieder kritisch reflektierten Übergang in einen breiten Konsens akzeptierter Normalität. Gehören diese Vorstellungen also bereits einer vergangenen, "alten Normalität" an?
 

Wer entscheidet und nach welchen Verfahren darüber, was normal ist; wer wird gehört und mit wem wird verfahren?

Anlass zu vorgreifender Nostalgie besteht allerdings nicht: Auch in der alten demokratischen Normalität ist der Anteil jener Menschen bedeutend gewesen, an denen Politik nur vollzogen, “mit denen Politik gemacht” wird. Die an Grenzen hin- und hergeschoben, gesundheitspolitisch klassifiziert, eingeschlossen, ausgesperrt, gezählt und abgeschrieben werden. Srećko Horvats Analyse aus dem Burgtheater-Magazin vom letzten November, in dem er bezogen auf die Krise in Nordsyrien von menschlichen Körpern “als rein rechnerische Mengen und als physische Einheiten – fassbar als eine Art lebendiger Währung, als etwas, das im Namen von politischen Interessen getauscht werden kann” schrieb, hat sich seither eher verschärft.
 
Wer also entscheidet und nach welchen Verfahren darüber, was normal ist; wer wird gehört und mit wem wird verfahren? Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper? Der rechtlose “nackte” Mensch, der body natural, und der symbolische Körper der Macht, der body politic, wie sie in der frühen Neuzeit erstmals bestimmt wurden, sind zwei entscheidende Spieler*innen in der kommenden Burgtheater-Saison. Eher selten darf man von ihnen erwarten, dass sie von unterschiedlichen Seiten die Bühne betreten, sehr häufig finden sie sich dagegen in ein und derselben Person.

Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper?

In Calderóns Komödie DAS LEBEN EIN TRAUM wie in Shakespeares Historie von RICHARD II. stehen zwei junge Könige, beide ausgewiesen schlechte Amtsinhaber, und ihre Gegenspielerinnen im Mittelpunkt von grundsätzlichen Auseinandersetzungen um die Legitimität von Herrschaft. Am anderen Ende der Spielzeit und des von ihr erfassten historischen Spektrums schildert das lang erwartete neue Stück von Rainald Goetz REICH DES TODES. POLITISCHE THEORIE die planmäßige Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte in der historischen Ausnahmesituation nach dem 11. September 2001.

Auch im Verlauf der Spielzeit stehen symbolische Macht und physische Ohnmacht, der verwaltete Körper und seine unverwaltbaren, widerständigen Impulse im Zentrum vieler Stücke. Die Zeitgenossin Antigone schleppt in Thomas Köcks neuem Stück zahllose angeschwemmte Körper vom Strand in die Stadt und fordert ein Begräbnis für sie; zwölf weibliche Geschworene sollen in der Deutschsprachigen Erstaufführung von Lucy Kirkwoods DAS HIMMELSZELT über den Körper einer jungen Mörderin befinden und feststellen, ob das Todesurteil an ihr vollstreckt werden kann und die TROERINNEN kämpfen am Ende eines verlorenen Krieges gegen die männliche Verfügungsgewalt über ihre Körper. Die Nachtseite der Aufklärung und ihrer obsessiven Körperzergliederungen beleuchtet eine neue ZAUBERFLOETE. Die Texte der klassischen Moderne wie Anna Gmeyners AUTOMATENBÜFETT, August Strindbergs FRÄULEIN JULIE und PELLÉAS UND MÉLISANDE von Maurice Maeterlinck spüren die Machtverhältnisse eher im persönlichen Gegeneinander der Körper auf. Der jugendliche tschechische Titelheld aus Peter Handkes jüngstem Stück ZDENĚK ADAMEC schließlich kann sich für seinen Körper nur noch eine Funktion denken: als Fackel und Fanal – gegen alles.
 

Am klarsten stehen sich der nackte Mensch und die Verkörperung der Macht vielleicht in Hans Christian Andersens Märchen DES KAISERS NEUE KLEIDER gegenüber. Während die politisch geschulten Untertanen die prächtige Ausstaffierung der Macht anerkennen, sehen die Kinder davon – nichts. Es ist die utopische Kraft des Märchens (und des Theaters), dass die kindliche Blindheit gegenüber der Macht (für diesmal) als klarer Blick anerkannt wird und den Sieg davonträgt. So wird in den Stücken der nächsten Spielzeit immer wieder augenblicksweise und blitzhaft die Sicht auf bislang ungekannte, “ganz neue” Normalitäten frei werden, die dann allerdings nicht mehr so heißen dürften. 


Burgtheater, Wien, Europa

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