MEHR: ISIDOR

Dramaturgin Christina Schlögl im Gespräch mit Regisseur Philipp Stölzl und Autorin Shelly Kupferberg

CHRISTINA SCHLÖGL: Philipp, worauf haben du und Caroline Bruckner euch bei der Erstellung der Theaterfassung inhaltlich konzentriert?

PHILIPP STÖLZL: Wir wollten von Anfang an eine richtige Dramatisierung entwickeln, also nicht nur den Prosatext für die Bühne einrichten. Das ist im Vergleich der längere, schwierige Weg, eher vergleichbar einer Romanadaption fürs Kino. Man geht viele Runden und gerät auch mal gerne in Sackgassen, aber das gehört einfach dazu.

In diesem Fall hatten wir zunächst eine Fassung erarbeitet, die sich ganz auf die Liebesgeschichte zwischen Isidor und Ilona Hajmássy konzentriert und mehr ein klassisches Theaterstück war. Dieser Ansatz schien uns aber dann auf den zweiten Blick zu eng gefasst und wir haben das Stück dann nochmal stark überarbeitet und um die ganze Einwanderung- und Assimilationsgeschichte der Familie Geller erweitert. Dialogszenen wechseln sich mit Prosasequenzen ab, es ist eine offene, collagierte Theaterform geworden, die ständig ihr Vokabular ändert. Für mich als Regisseur und die Spieler:innen eine spannende Aufgabe.

CS: Shelly, wie war für dich die Erfahrung, Teile deiner Familiengeschichte auf der Bühne zum Leben erweckt zu sehen?

SHELLY KUPFERBERG: Für mich ist der Vorgang, auf diese Art die Figuren aus dem Buch noch einmal zum Leben zu erwecken, absolut faszinierend. Bei den Proben, die ich immer wieder besuchte, hatte ich manchmal das Gefühl einer Familienaufstellung. Die Personnage des Buches wird teilweise in anderen, neuen Konstellationen befragt, tritt miteinander in eine neue Interaktion, redet miteinander. Und zwischendurch musste ich mich immer mal wieder kneifen, um zu begreifen, dass es sich auch noch um einen Teil meiner eigenen Familiengeschichte handelt, die hier erzählt wird. Das berührt mich sehr, und ich bin zutiefst dankbar, diesen Prozess miterleben zu dürfen!

CS: Die Inszenierung ist in drei große Kapitel unterteilt. Wie unterscheiden sich die Erzählweisen voneinander? 

PS: Der Abend ist auf eine Art ein Triptychon. STADT DER TRÄUME erzählt die Migration der Geller Geschwister aus Galizien nach Wien Anfang des 20. Jahrhunderts. Es ist eine Befreiung aus der orthodoxen Enge und eine Assimilation aus Liebe zu Wien könnte man sagen. Dieser Teil hat viele Figuren, Ortswechsel und Motive – und ist deshalb besonders offen und skizzenhaft erzählt. 

FRÄULEIN FRÜHLING erzählt die Liebesgeschichte von Isidor und Ilona Hajmássy. Hier wird das Stück deutlich szenischer, wir sind zunächst, wenn sich die beiden verlieben, in einer leichten, schnellen Screwball-Tonlage, später, wenn es dann schmerzhafter wird, in einem komplizierten Beziehungsdrama. 

TODESFUGE erzählt dann den Anschluss 1938 und das Grauen, das über Wien und Isidor hereinbricht. Hier wird es dann klaustrophobisch und beklemmend, wir erzählen in langen Dialogszenen, es geht um Verhöre, Enteignung und Folter, schließlich um Isidors Kampf auf dem Sterbebett.

Obwohl alle Teile des Triptychons eine unterschiedliche Farbe haben, bleibt die Erzählung trotzdem immer im Fluss und ein Ganzes. Der Bühnenraum ist dabei weitgehend leer, alle Szenen werden nur anskizziert, Orte durch wenige Requisiten markiert, die Bögen beginnen und enden immer wieder in der Prosa. Obwohl wir die Figuren ganz realistisch-psychologisch gestalten, wird das Stück durch diese Reduktion nie wirklich naturalistisch. Es sind eher sowas wie Nahaufnahmen der Charaktere vor abstraktem Hintergrund.

STAMMBAUM ZUR INSZENIERUNG

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