DIE BURG LIEST: "Protokoll" von Imre Kertész

Kasino
Es liest Annamária Láng, mit Musik von Krisztián Vranik
Beschreibung Information

Imre Kertész (1929–2016) beschäftigte sich als Holocaust-Überlebender beispielgebend mit den Möglichkeiten der Kunst nach Auschwitz. Vor allem in seinem ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN fand er zu einer neuen literarischen Ausdrucksweise, indem er auf Leidenspathos und moralische Belehrung verzichtete. Er unterwanderte so alle Erwartungen an sogenannte „Holocaust-Literatur“ und ermöglichte einen unvoreingenommenen, schonungslosen Blick auf den Zivilisationsbruch, dessen Bedeutung für die Gegenwart umso klarer wird.


Anlässlich eines Stipendiums für eine Wittgenstein-Übersetzung verbrachte Kertész 1992 mehrere Monate in Wien. In seinem autobiografischen Roman ICH – EIN ANDERER, der Eindrücke und Reflexionen aus den Jahren 1991 bis 1995 versammelt, beschreibt er diese Zeit. Die Jahre nach der Öffnung des Ostblocks stellten für den jahrzehntelang im kommunistischen Regime lebenden Autor eine Phase des Umbruchs und der Neuorientierung dar. Besonders deutlich wird das in der Erzählung PROTOKOLL, die in gewisser Weise eine Vorgeschichte zu Kertész’ Wien-Aufenthalt erzählt und sein Denken in verdichteter Form erfahrbar macht. Die Beschreibung einer missglückten Zugreise von Budapest nach Wien schafft das Bild eines Menschen, der auch in vermeintlicher Freiheit willkürlicher Bedrohung und Verfolgung ausgeliefert ist und so auf die Erfahrung totalitärer Unterdrückung zurückgeworfen wird.

Für Ensemblemitglied Annamária Láng ist Imre Kertész’ PROTOKOLL kein historisches Dokument, sondern eine Geschichte, die unmittelbar in die ungarisch-österreichische Gegenwart führt. Ihre Lesung aus PROTOKOLL und ICH– EIN ANDERER, die von Krisztián Vranik musikalisch gestaltet wird, vermittelt die Brisanz der Texte des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész.

Dramaturgie: Markus Edelmann
 

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