MEHR: UNTER TIEREN

EINE GLEICHUNG, DIE NICHT AUFGEHT

REGISSEUR NICOLAS STEMANN IM GESPRÄCH MIT DEM DRAMATURGEN BENJAMIN VON BLOMBERG

BvB: Nicolas, vor 17 Jahren hast du DIE KONTRAKTE DES KAUFMANNS von Elfriede Jelinek inszeniert, den ersten Teil zu UNTER TIEREN innerhalb dieser kleinen Folge ihrer explizit fokussierten Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. 2003 und also noch einmal sechs Jahre zuvor hast du zum allerersten Mal einen ihrer Texte erarbeitet — ihr habt also bald 25-Jähriges! Wieso kehrst du immer wieder zu Jelineks Werk zurück?

NST: Krass, dass das schon 25 Jahre her ist. Dass wir seitdem nicht mehr so richtig voneinander losgekommen sind, das hat natürlich erst mal mit der Qualität ihrer Texte zu tun, der Welthaltigkeit, dem Humor und auch der Verzweiflung über den Zustand der Welt, die daraus sprechen. Und dann sicher auch mit der theatralischen Besonderheit, zu der die Versuche, dafür eine relevante Form zu finden, immer wieder geführt haben. Die Freiheit im Umgang mit diesen besonderen Texten — das bringt einfach Spaß! Ich möchte aber auch nicht verhehlen, dass ich, während ich probe, immer wieder den Eindruck habe, maximal ungeeignet dafür zu sein. Das vergisst man ja, wenn es zu einem irgendwie interessanten Ergebnis geführt hat. Ich verstehe lange Zeit nur Bahnhof und habe keine Ahnung, wie das gehen kann — wie kann es sein, dass ich hier als Experte gelte? Das kommt mir dann alles wie ein großes Missverständnis vor, immer noch und immer wieder. Angesichts der Tatsache, dass das jetzt meine — keine Ahnung: 15.(?) — Arbeit mit ihr ist, ist das natürlich total absurd. Und irgendwie auch lustig. Wenn es also ein Missverständnis ist, dann war es bislang auf jeden Fall recht produktiv.

BvB: Nimm uns noch einmal mit: Als du 2009 KONTRAKTE inszeniert hast, was war das zeitgeschichtlich Frappierende dieser Tage hinsichtlich einer kritisch intellektuellen Perspektive auf den Kapitalismus? Was beschäftigte die Welt, was widerfuhr ihr? Und worauf reagierte Jelinek?

NST: Sie hatte das Stück im Februar 2008 geschrieben, also vor dem Lehman-Crash. Es ging um verschiedene, vor allem österreichische Wirtschaftsskandale, den Skandal um die Meinl Bank und den BAWAG-Skandal, vor allem um die Dreistigkeit, mit der Kleinanleger abgezockt wurden. Aber auch um deren Gutgläubigkeit, dass es etwas wie „Sicherheit“ im Handel mit Finanzpaketen überhaupt geben könnte. Das Ganze hatte Elfriede mit „Wirtschaftskomödie“ untertitelt, um die Farcehaftigkeit des Systems zu betonen. Und in die Vorbereitung zur Inszenierung crashte dann die Lehman Bank und die Welt trudelte in eine Finanzkrise, die die Augen für die Abgründe und Verwerfungen eines Systems öffnete, dem Viele allzu gern und allzu blind vertrauen wollten. Und so war es gar nicht mehr anders möglich, als dieses Stück als Kommentar zur weltweiten Finanzkrise zu lesen. Dabei war es streng genommen umgekehrt — dem vergleichbar, dass jetzt bei UNTER TIEREN ein Kettensägen-schwingender Musk vorkommt, obwohl das Stück schon vor Trumps zweiter Amtszeit fertig war.

BvB: Du hast mit einer sehr spezifischen Form Theater auf dieses kontextuelle Umfeld reagiert. Wie ist die Form entstanden? Inwieweit erschien sie dir adäquat für Gegenstand und öffentliche Verfasstheit beziehungsweise Diskurs?

NST: Wir haben damals eine sehr offene Form gewählt — ausgehend von der Erfahrung einer ungeprobten und völlig improvisierten „Urlesung“ im Akademietheater, einem siebenstündigen Happening, das sicher chaotisch war und inszenatorisch roh, von dem wir aber den Eindruck hatten, es entspräche der Verfasstheit und dem Erleben in der damaligen Krise: Keiner kennt sich aus, es gibt keine Sicherheiten mehr, alles befindet sich im freien Fall. Ein Zustand, der zugleich als Chance erfahren wurde, die Welt neu zu denken. Darüber hinaus waren wir formal nah an einer „werktreuen“ Umsetzung von Jelineks Texten dran. Üblicherweise werden ihre Texte im Inszenieren ja in eine konsumierbarere Form gebracht — es wird gestrichen, es werden Szenen oder Dialoge daraus gemacht. All das begrüßt Elfriede ausdrücklich und fordert explizit dazu auf. Die Texte sind aber erst einmal anders geschrieben. Es sind verschachtelte, hoch komplexe und viel zu lange Fließtexte. Und dafür hatten wir eine ausgesprochen adäquate Form gefunden. Formal wollte ich in den letzten Jahren immer einmal wieder an diese Erfahrung anschließen. UNTER TIEREN, das sich inhaltlich ausdrücklich auf KONTRAKTE bezieht und als zweiter Teil gelesen werden kann, scheint mir hierfür ein guter Anlass.

BvB: Die Welt hat sich seither weitergedreht. Wenn es tatsächlich rund um den Bankencrash ein Fenster gab, das sich zu einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus öffnete — oder zumindest doch eine Zeitrechnung erahnen ließ, in der der Kapitalismus im Sinne des Gemeinsinns stärker reguliert würde —, so hat sich dieses Fenster wieder geschlossen. Die Durchkapitalisierung der Gesellschaft schreitet voran. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von einer totalen Sachherrschaft, einem Neoliberalismus, der sich seinem Ende zuneigt, jede Reflexion aushebelt, zu Verhärtung neigt, autoritäre Tendenzen hervortreten lässt und einem Recht des Stärkeren den Weg bereitet. 
In diese Zeit hinein nun schreibt Jelinek UNTER TIEREN. Und es gibt abermals — unter vielen Schreibanlässen — eine starke Bezugnahme zu einem Ereignis, das die österreichische und die Wirtschaftswelt insgesamt erschütterte und noch immer erschüttert: der Fall René Benko. Kannst Du kurz schildern, was Dir vor der Folie von Jelineks Stück an diesem Fall exemplarisch erscheint?

NST: Benko ist nur einer von vielen Fällen, die als Spur in dem Stück vorkommen. Es gibt alle möglichen teils haarsträubenden Skandale: Wirecard, den P & R-Container Skandal, die Commerzialbank Mattersburg, die jahrelang Bilanzen gefälscht und kleine Sparvermögen veruntreut hat. Dann die Vorkommnisse rund um den Auto- und Rüstungsunternehmer Siegfried Wolf und dessen Versuche, über seine Nähe zur Politik das Finanzamt zu bestechen. Allen diesen Fällen — alle aus der Zeit nach 2008 — ist eine gewisse Dreistigkeit gemein. Und dass es kaum zu glauben ist, wie lang sie unentdeckt blieben. Die Betrügereien sind im Grunde alles einfache Taschenspielertricks aus der untersten Schublade von Finanzbetrügern. Da braucht es schon viele Mitspieler:innen in der Finanzelite und aus der Politik oder den Aufsichtsgremien, damit es im großen Stil funktionieren kann. Und alle haben sie mitgemacht: Gusenbauer, Scholz, Kurz — viele, viele Akteur:innen aus der Politik und nicht nur die neoliberalen Hardliner. Sie alle wollten nur allzu gern an das Märchen von der wundersamen Geldvermehrung glauben. Die Stories, die hier aufgetischt wurden — „ich rette eure Innenstädte“ bei Benko oder „endlich ein geniales deutsches InternetStartup“ bei Wirecard —, all das hat gereicht, um Kredite und Einlagen in astronomischen Höhen zu generieren — auf Grundlage von letztlich gar nichts. Es ist ein systemisches Versagen.

BvB: Jelinek landet über die Beschäftigung mit diesen Finanzskandalen beziehungsweise dem Wirken und Gebaren der Finanzelite bei einem zentralen Thema: dem Geld selbst und wie es in die Welt kommt. 

NST: Ja, Geldtheorie grundiert das Stück wie ein Cantus firmus. Und damit der so einfache wie unglaubliche Umstand, dass Geld darüber entsteht, dass Versprechen gemacht und diesen Vertrauen geschenkt wird. Mit jedem Kredit, der vergeben wird, wird neues Geld per Knopfdruck geschöpft — es ist letztlich inexistent und wird aus dem Nichts mit dem Versprechen auf Wachstum und Rendite geschaffen, auch ohne durch einen realen Gegenwert oder eine Leistung besichert worden zu sein. Geld als reines Glaubenskonstrukt. Um dieses System kreist Jelinek unaufhörlich: Was ist das eigentlich, Geld? Wie entsteht es, wo kommt es her, wer bekommt es zu welchen Konditionen — und warum ist es so ungleich verteilt? 

BvB: Fragen, die den Glauben in dieses System leicht erschüttern könnten …

NST: … und deswegen ist es essenziell, dass alle weiter mitspielen und daran glauben. Ansonsten würde alles zusammenbrechen. Zugleich wächst die Geldmenge stetig weiter — um ein Vielfaches über die Menge der tatsächlichen Güter hinaus.

BvB: Das ist ja das Verstörende: Es ist so viel Geld im Umlauf, aber es kommt nicht allen zugute.

NST: Wer hat, bekommt. Die Privatvermögen des oberen Prozents haben so hohe Stände erreicht, dass Menschen sich an Zahlen gewöhnt haben, die bislang unbekannt waren, zumal zur Bezifferung von Vermögen. Während die meisten Menschen — und auch der Staat, die Länder, die Kommunen — immer ärmer werden und die Zinsen aufbringen müssen. Den Preis für diese Reichtümer zahlt die Gemeinschaft. Denn die Welt kommt dem damit verbundenen Wachstumszwang nicht hinterher: Wohin soll sie weiterwachsen, wenn die Grenzen längst erreicht sind? Also wird die Zukunft verkauft (in der sich die ökologischen Verheerungen, die heute produziert werden, erst in vollem Umfang zeigen werden) oder die Vergangenheit (von der sich die KI nährt) oder die Zeit unserer Kinder in den sozialen Netzwerken — was auch immer. Hier greift die Analyse von Eva von Redecker, dass das Kippen eines derart entfesselten Kapitalismus in (Neo-) Faschismus, wie dies in den USA bereits zu beobachten und bei uns zu befürchten ist, eben kein Fehler im System ist, sondern eine Art Sollbruchstelle.

BvB: Jelinek lässt in UNTER TIEREN nur Tiere auftreten. Streng genommen spricht der Mensch gar nicht mehr. Er ist abwesend und tritt in dieser Abwesenheit umso schärfer hervor: als Verursacher der Verhältnisse, als Mitleidender, Opfer, Mitprofiteur — und natürlich auch darüber, dass es Menschen sind, die den Tieren auf der Bühne ihre Stimme leihen. Die Wirkung und formale Fantasie dieses Kunstgriffes ist bestechend. Wie näherst du dich dem, zunächst einmal gedanklich?

NST: Das alles von Tieren erzählen zu lassen, hat ja erst mal eine tolle Sinnlichkeit. Die gucken auf uns Menschen und wundern sich. „Ich verstehe es nicht, aber“ ist ein immer wiederkehrender Satz. Man hat den Eindruck, dass das Ganze in den Trümmern eines Fabel- oder Märchenlandes spielt, der neoliberale Traum ist ausgeträumt, die Fabeltiere irren durch die Trümmer und versuchen, zu verstehen, was das eigentlich war. Schließlich sind sie der Teil in der finanzkapitalistischen Gleichung, der nicht aufgeht: die bis ins Letzte ausgebeutete, ausgepresste Natur. Dass die Tiere überwiegend denken, dass sie trotz allem das Spiel noch mitspielen oder gar gewinnen könnten, hat natürlich eine umso größere Tragikomik, desto stärker die Vorstellung wirkt, dass es wirklich Tiere sind. Ein Hase in der Warteschleife eines Callcenters. Ein Fuchs spielt Anlageberater. Eine Kuh oder ein Schwein reden darüber, dass sie selber die Rendite sind, die sie produzieren. Das hat auf jeden Fall alles großes poetisches Potenzial. Aber vielleicht treten auch deshalb keine Menschen auf, weil die Menschen schon längst von Maschinen ersetzt sind? 

BvB: Und was heißt das für die Inszenierung?

NST: Die Tiere reden natürlich nicht wie Tiere — sondern wie ein komplexer Jelinek-Text. Das heißt, es braucht Menschen, um das herzustellen. Oder viel Technik. Inhaltlich und formal ist das interessant. Die Natur könnte und würde so nicht sprechen. Indem wir ihr als Menschen die Stimme verleihen — auch, um uns selbst anzuklagen —, eignen wir sie uns schon wieder an. Wir sind nur vermeintlich abwesend oder vielmehr grell doppelbelichtet. Letztlich geht es um den Menschen und seine Ohnmacht angesichts einer totalen Durchkapitalisierung alles Lebendigen. Die Zerstörung und die Verwerfungen, von denen Jelinek in UNTER TIEREN spricht, sind schon kolossal. Ist der Mensch am Ende? Was haben die Tiere uns zu sagen? Wir versuchen das ganze Spektrum dieses Vorgangs auszuleuchten und uns auch diesmal im Umgang mit dem Text und der Form eine große Offenheit, spielerische Freiheit und Durchlässigkeit zu erhalten. Das Spielerische und die Offenheit sind dabei sehr wichtig. Ich frage mich im Moment oft, was Trump und seine Propaganda eigentlich bedeuten für eine subversive Ästhetik. Ironie, Farce, Spektakel, Parodie — meine (und auch Elfriedes) ureigene Mittel —, all das haben die Rechten usurpiert. Schlecht und vulgär meinetwegen, aber dennoch heißt das etwas, auch für so ein Stück und die Frage, wie man es aufführt. Ich will diese Dinge aber nicht einfach so aus der Hand geben, dafür sind sie zu wertvoll, und die Kopie ist zu schlecht. Gerade das Naive oder Absurde ist einfach adäquat — es schafft eine Spannung zu der Krassheit der Thematik und hilft, nicht in Lähmung zu erstarren. Albernheit zum Beispiel ist eine zutiefst menschliche Regung. Wenn die vorkommen darf, wenn wir gemeinsam Quatsch machen dürfen, dann hat das auf jeden Fall etwas Utopisches. Wir dürfen nicht erstarren. Dafür ist die Lage zu ernst.

 

Das Gespräch EINE GLEICHUNG, DIE NICHT AUFGEHT zwischen Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann ist ein Originalbeitrag für die Salzburger Festspiele.

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