VERBRANNTE DECKENGEMÄLDE
BURG-GESCHICHTE ZU NEUEM LEBEN ERWECKT
LICHTINSTALLATION IM ERSTEN PAUSENFOYER von 16. Oktober bis 15. November 2026
Am 12. April 1945 brannten Bühnenhaus und Zuschauerraum des Burgtheaters völlig aus. Dabei verbrannten auch die drei großen Deckengemälde von Eduard Charlemont (*2. August 1848 – † 7. Februar 1906), die in Paris auf Leinwand gemalt wurden und im Ersten Pausenfoyer in Hohlkehlen über den Deckengesimsen eingespannt waren. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Länge von jeweils 18 Metern erscheinen die Bildflächen für eine geschlossene Komposition vergleichsweise groß. Um dem entgegenzuwirken, ergänzte Charlemont die Bilder durch Füllfiguren, die stellenweise wie spätere Ergänzungen wirken.
Im Mittelbild sind Apollo und die Musen dargestellt, eingerahmt von der Opferung Iphigenies und Szenen aus Shakespeares EIN SOMMERNACHTSTRAUM.
Im Rahmen des 250-Jahr-Jubiläums ist die Idee entstanden, die Deckengemälde im Ersten Pausenfoyer des Burgtheaters temporär für einen Monat wieder sichtbar zu machen. Der Lichtkünstler Tim Schmelzer von LUMINE Projections wurde mit der Umsetzung dieses Projekts beauftragt. Für die Projektionen wurden hochauflösende Scans der Gemälde, zur Verfügung gestellt vom KHM-Museumsverband, Theatermuseum, verwendet. Die drei Werke IPHIGENIE IN AULIS, APOLLO UND DIE MUSEN und SOMMERNACHTSTRAUM sind an originaler Stelle, als Projektion in die drei Deckenfelder im Ersten Pausenfoyer eingefügt.
Da in den Scans grafisch rechts und links die Füllfiguren fehlten, wurden diese mit Hilfe anderer Quellen möglichst originalgetreu ergänzt.
IPHIGENIE IN AULIS
Das erste Deckengemälde vereint die Opferung Iphigenies und ihre Rettung durch Artemis in einem Bild. Die Figur der Iphigenie erscheint daher in doppelter Darstellung: einerseits am Opferaltar niedergesunken, andererseits bereits der Göttin Artemis gegenüberstehend. Wie bei Euripides schließt die eigentliche Tragödie mit dem Gang zum Altar, während die Rettung erst nachträglich erzählt wird.
Der Tempelvorplatz reicht unmittelbar bis an das Meer. Rechts bildet ein dorischer Säulengang eine wirkungsvolle architektonische Kulisse. Zwischen den Säulen und auf den Stufen drängen sich dicht die Achäer. Erhobene Schilde, gezückte Schwerter und aufragende Lanzen prägen das Erscheinungsbild. Die gesamte Szene ist auf den Aufbruch nach Troja und den bevorstehenden Kampf ausgerichtet.
Im Zentrum steht Agamemnon mit Königshelm und wendet sich dem wolkenverhangenen Himmel zu, der den ersehnten Fahrtenwind bringt. Hinter ihm erhebt ein junger Krieger Schwert und Lorbeerzweig. Die Darstellung ist von starker Dynamik und gespannter Erwartung erfüllt; die gestische Übersteigerung und die dichte Figurenanordnung verleihen der Szene einen ausgeprägt theatralen Charakter.
Den Gegenpol bilden die weiblichen Figuren. Zwei Mädchen mit Palmzweigen blicken vom Rand in die Handlung, andere wenden sich der am Altar liegenden Iphigenie zu. Artemis schwebt mit Bogen und Köcher auf einer hellen Wolkenbank heran, um Iphigenie zu retten. Die helle Erscheinung hebt sich wirkungsvoll gegen die dunklen Wetterwolken ab. Eingerahmt, am äußersten Rand, von Pallas Athene und Poseidon.
APOLLO UND DIE MUSEN
Das Mittelbild zeigt den Blick in eine festliche Säulenhalle. Über der Szene schwebt ein nach beiden Seiten geöffneter Vorhang, während sich in der Mitte die apollinische Pracht in strahlendem Licht entfaltet.
Apollo erscheint als Musaget, als Führer der Musen, im Zentrum. Die Figuren verschwimmen zur Bildmitte hin und gewinnen erst an den Rändern wieder deutlichere Körperlichkeit. Das Bild wirkt wie ein festliches Ensemble, dessen Hauptwirkung weniger aus individueller Charakterisierung als aus Licht, Farbe und Gruppierung entsteht.
Links sitzt Homer auf einem Ehrensitz, über dem ein Genius den Lorbeerkranz hält. Rechts beschäftigen sich Knaben mit Kränzen und Palmzweigen. Zweige, Blumen, Blattwerk und Girlanden rahmen die Komposition zusätzlich ein und beleben die große Bildfläche.
SOMMERNACHTSTRAUM
Das dritte Deckengemälde beeindruckt vor allem durch seine weitläufige Landschaft. Wilde Felsformationen, dichter Baumbestand und die feine Abstufung der Ferne verbinden sich mit dem silbrigen Schimmer des Mondlichts zu einer traumhaften Gesamtstimmung. Die Landschaft vereint den von Shakespeare erwähnten Wald bei Athen mit Elementen einer nordischen Waldlandschaft.
Hier begegnen sich die Elfen und Feen des Sommernachtstraums sowie Gestalten der antiken Mythologie. Links tritt Pan aus einer Felsspalte hervor und scheint beinahe mit dem Felsen selbst verwachsen. Im Vordergrund breitet sich eine üppige Waldflora aus, die den Schauplatz für Titanias Hofstaat bildet.
Über der Szene schwebt Oberon, von einem Lichtschein umgeben, nahe der Mondsichel. Titania, durch den Zauber der Blume „Lieb‘ im Müßiggang“ verzaubert, wendet sich dem mit einem Eselskopf versehenen Zettel zu. Schlank und anmutig erscheint sie neben der komisch wirkenden Gestalt. Elfenkinder und andere kleine Wesen umgeben die Szene; eines blickt aus Titanias Schleier hervor, ein anderes nähert sich neu gierig dem verwandelten Zettel. Auf einem bemoosten Felsen musiziert ein übermütiger Elf, während der Elf „Senfsamen“ dienstbereit vor Titanias Geliebtem steht.
Puck scheint in einer verborgen stehenden Elfengestalt dargestellt zu sein, die das Geschehen beobachtet. Vor ihm sucht Squenz mit einer Laterne nach dem verschwundenen Pyramus und entdeckt erschrocken den verwandelten Zettel.
Auf der rechten Bildhälfte erscheint schließlich die Liebesverwirrung zwischen Demetrius, Helena, Lysander und Hermia. Helena wird von beiden Männern umworben, während Hermia verlassen abseitssteht. Die Verwechslungen gehen auf Pucks Eingreifen zurück und verleihen der Szene ihren heiteren, traumhaften Charakter.
- Josef Bayer: Das neue k. k. Hofburgtheater als Bauwerk mit seinem Sculpturen- und Bilderschmuck. Wien: Gesellschaft für vervielfältigende Kunst 1894 (= Die Theater Wiens, Bd. 3).
- Emmerich Ranzoni: Das K.K. Hofburgtheater in Wien, Verlag von V.A. Heck in Wien, 1890