250 Jahre BURG - Von der Hofburg an den Ring
GESCHICHTEN UND TRATSCHEREIEN
Das alte Burgtheater am Michaelerplatz mit all seinen Geschichten und Tratschereien – gleichgültig, ob wichtig oder völlig unbedeutend, gehörte seit 1776 zum Leben der Stadt Wien. Viele umjubelte Aufführungen und eine nicht unbedeutende Zahl an Skandalen erschütterte die Mauern dieses ehemaligen Ballspielhauses ebenso wie die theaterinteressierte Bevölkerung Wiens.
…der erste Blick eines Wiener Durchschnittsbürgers in die Zeitung galt allmorgendlich nicht den Diskussionen im Parlament oder den Weltgeschehnissen, sondern dem Repertoire des Theaters, das eine für andere Städte kaum begreifliche Wichtigkeit im öffentlichen Leben einnahm…Denn das kaiserliche Theater, das Burgtheater war für den Wiener, für den Österreicher mehr als bloße Bühne, auf der Schauspieler Theaterstücke spielten; es war der Mikrokosmos, der den Makrokosmos spiegelte, der bunte Widerschein, in dem sich die Gesellschaft selbst betrachtete,…Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S.29
DIE LETZTE VORSTELLUNG
Am 12.Oktober 1888 fand im alten Burgtheater am Michaelerplatz die letzte Vorstellung statt. Goethes „Iphigenie auf Tauris“ stand auf dem Spielplan. In den Hauptrollen waren Charlotte Wolter, Friedrich Krastel, Ernst Hartmann, Bernhard Baumeister und Konrad Hallenstein zu sehen. An diesem denkwürdigen Abend ging eine Ära zu Ende, die das Leben einer Stadt und ihrer Einwohner:innen nachhaltig geprägt hatte. Die Vorstellung war bis auf den letzten Platz ausverkauft; Adolf von Sonnenthal sprach den Epilog den Alfred Freiherr von Berger verfasst hatte. Als besonderes Versprechen empfanden alle im Theater Versammelten die oft zitierten Worte:
Euch schwör ich´s zu, Ihr sollt in diesem Raume finden / was mehr uns gilt als alle Pracht der Welt / im neuen Haus – das alte Burgtheater (Schreyvogel, Das Burgtheater, S. 88)
Der spätere Direktor und begeisterte Sammler Hugo Thimig gehörte dem Ensemble an und schilderte seine Eindrücke von diesen letzten Stunden:
Vor mir steht ein Champagnerkelch mit den eingeschliffenen Worten „Letzter Trunk auf der Bühne des alten Burgtheaters nach der Schlußvorstellung am 12. Oktober 1888“. Die Inschrift soll nicht die Vermutung erwecken, daß diesem letzten Trunke viele frühere vorangegangen waren. Nein; es ist ein braves gedientes Requisitenglas, das immer mitspielte, wenn es in den alten Stücken hoch herging… Gefüllt mit echtem Wein wurde es erst in unserer letzten Scheidestunde, als der Vorhang des alten Hauses gefallen war, um sich nie mehr vor einem Bühnenbilde dort zu heben ….. Mit der stillen Erneuerung unseres Fahneneides klangen die Gläser leise zusammen. Dann zerschellten wir sie auf den Brettern, die anderthalb Jahrhunderte lang die Welt bedeutet hatten und uns eine Welt waren. Mein Glas blieb unversehrt. Ich nahm es als Reliquie an eine soeben geschlossene theatergeschichtliche Epoche in Verwahrung.Hugo Thimig, Plaudereien übers alte Burgtheater, S.1
An diesem Abend befanden sich Mitglieder des Kaiserhauses und des Hochadels, Persönlichkeiten aus der Politik, der Industrie, Familien des Großbürgertums, aber auch die einfache Bevölkerung Wiens, die tagtäglich in den obersten Rängen die Vorstellungen besucht hatte, im Publikum. Sie alle waren mit dem gleichen Wunsch gekommen noch ein letztes Mal eine Vorstellung im alten Haus mitzuerleben. Nachdem der sprichwörtlich letzte Vorhang gefallen war, begann die „…Demolierung aus Pietät ..“(Schreyvogel, S. 88). Innerhalb kürzester Zeit verschwand das Interieur des Hauses. Sessel, Vorhänge, Logenverkleidungen, Holzverzierungen und Tapetenteile wurden als Andenken an dieses ehrwürdige Haus entwendet und aufbewahrt. Waren doch viele der Sitzplätze Stammsitze, „ .. deren Weitergabe in der Familie gleichsam zum Gesetz geworden war…“ (Ellenberger, Das Burgtheater, S. 82)
ERINNERUNGEN
Stefan Zweig führte in seinen Erinnerungen noch weiter aus, dass die Künstler:innen in Wien zwar hoch verehrt waren, allerdings auch unter genauer, kritischer Beobachtung standen. Daraus ergab sich im Bereich des Theaters ein außerordentlich hohes künstlerisches Niveau, wie kaum in einer anderen Stadt. Nicht nur das Repertoire des Burgtheaters stand im Fokus des Interesses. Auch in Bezug auf Mode, Eleganz und Auftreten wurden die Stars zu Vorbildern und setzten Trends. Die Garderobe der Charlotte Wolter war exklusiv und die Damen versuchten zumindest kleine Details ihrer Garderobe auch im Alltag zu kopieren.
Hugo Thimig erzählte in seinen Erinnerungen liebevoll vom alten Burgtheater, den Kolleg:innen auf der Bühne, von den dienstbaren Geistern hinter der Bühne und adelte so manche Objekte, die in der Sammlung der Künstlerandenken im Theatermuseum aufbewahrt werden.
Er wusste von einer Lichtputzschere zu berichten, die ihm der Requisitenmeister Karl Micheli zum Geschenk machte als dieser in Pension ging. Mit dieser Schere wurden im alten Burgtheater in den Zwischenakten die Dochte der Rampentalgkästen von den Bediensteten geschneuzt. Ebenso befindet sich in unserer Sammlung ein Stück Holz, das aus dem legendären „Burgtheaterbankerl“ stammt.
Hier bildete Reitschule und Burgtheater eine grössere Nische, in der das überdachte berühmte und berüchtigte Burgtheater“bankerl“ stand – die Bank der Spötter! Denn auf ihr sassen bei gutem Wetter in Probenpausen die Hofmimen und liessen selten ein Individuum ohne Nachrede passieren ….Hugo Thimig, Plaudereien über das alte Burgtheater, S. 11
Viele weitere Erinnerungsstücke erzählen in einer ganz besonderen Weise die Geschichte des alten Burgtheaters; von den Menschen die darin arbeiteten; man könnte fast sagen darin lebten. Aus der Sammlung Thimig gibt es noch ein ganz besonderes Objekt - den ersten selbstverdienten Kreuzer des Schauspielers, den er in einem kleinen Holzrahmen aufhob. Ja sogar ein Bühnengewicht aus dem alten Burgtheater bereichert die Sammlung der Künstlerandenken. Dieses Bühnengewicht wurde bei Bauarbeiten am Michaelerplatz im Jahr 1990 gefunden.
Über direkte Gänge konnte man von den kaiserlichen Gemächern in das Theater gelangen. Der Vorraum der Hoflogen war mit den Portraits der Hofschauspieler geschmückt. Neben den Bildern befanden sich Holzschilder, die die Verdienste der Schauspieler:innen darlegten. Mit der Übersiedelung der Portraits in das neue Haus wurden neue Schilder entworfen. Die alten- nun nicht mehr benötigten Tafeln- wanderten in die Sammlung der Künstlerandenken. Das alte Burgtheater musste der Erweiterung der Hofburg weichen. Rasch waren sämtliche Überreste des Gebäudes beseitigt; das alte Haus wurde zu einer Erinnerung.
DAS BURGTHEATER AM RING
Das neue Burgtheater am Ring, erbaut im Stile des Historismus, geplant von Gottfried Semper und Karl Freiherr von Hasenauer erstrahlte im neuen Glanz und entsprach dem Geist der Gründerzeit. Der prächtige Bau mit dem großzügigen Zuschauerraum, den eindrucksvollen Feststiegen mit den Gemälden von Matsch und Klimt galt als Ausdruck des wohlhabenden Bürgertums. Die technischen Neuerungen, hier vor allem die Installierung des elektrischen Lichts sowie die Raumaufteilung mit einer großen Bühne und genügend Platz für die Garderoben der Schauspieler:innen waren Zeugnis für die gewollte Modernität des Hauses. Die Wiener Bevölkerung war überwältigt. Die Eröffnungsvorstellung am 14. Oktober 1888 gestaltete sich in vier Teilen: die Ouvertüre „Die Weihe des Hauses“ von Beethoven, dem szenischen Prolog von Josef von Weilen, dem dramatische Fragment „Esther“ von Franz Grillparzer und „Wallensteins Lager“ von Friedrich Schiller. Die Begeisterung und die Liebe der Wiener Bevölkerung zu ihrem Theater und ihren Schauspieler:innen setzte sich im neuen Haus mit der gleichen Intensität fort.
Leider stellte sich nur zu bald heraus, dass das Haus neben den Neuerungen, die begeisterten auch so manche Mängel aufwies, die wieder für Unmut sorgten. Die Akustik war schlecht und von vielen Plätzen konnte man dem Geschehen auf der Bühne nur ungenügend folgen. 1897 erfolgte ein Umbau des Zuschauerraums von einer Lyra- in eine Hufeisenform um die Akustik zu verbessern.
Auch das Ensemble musste sich neuen Herausforderungen stellen. Durch die Größe des Theaters wurde es erforderlich alle Stücke neu zu proben; Kulissen und Requisiten mussten an die neuen Dimensionen angepasst werden. Da die Intimität des kleinen Hauses am Michaelerplatz nicht mehr vorhanden war, mussten auch die Schauspieler:innen ihre Sprechtechnik und ihre Gestik dem großen Bühnenraum anpassen, um eine annähernd gleiche Wirkung ihrer künstlerischen Leistung zu erzielen.
Im Laufe der Jahre wurde das Burgtheater am Ring wieder die „Burg“ der Wiener und das alte Haus am Michaelerplatz zu einer Legende.
Quellen und Literatur
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, November 1970
Friedrich Schreyvogl: Das Burgtheater. Wirklichkeit und Illusion. F. Speidel-Verlag. Wien 1965
Hugo Thimig: Plaudereien über das alte Burgtheater, 24.2.1933 in der Albertina für den Verein der Museumsfreunde, 42 Seiten, Theatermuseum, Handschriftensammlung, Inv.-Nr. VM244TH.
Hugo Thimig: Plaudereien übers alte Burgtheater, 1908; Theatermuseum, Handschriftensammlung, Inv.-Nr. VM264TH.
Claudia Kaufmann-Freßner: Das Burgtheater. Architektur, Geschichte, Geschichten. Folio Verlag, Wien/Bozen, 2005.
Rudolf Weys, Konrad Schörgendorf (Inhalt, Text, Gestaltung): Burgtheater eine Chronik in Bildern. Herausgegeben anlässlich des Burgtheatertages „Burgtheater 1955-1985. 30. Jahrestag der Wiedereröffnung.“ Österr. Bundestheaterverband, 1985.
Hugo Ellenberger: Ein Führer um und durch das Haus. Bergland Verlag Wien,1970.