Vestibül

karpatenflecken

URAUFFÜHRUNG im Juni 2020

Thomas Perle gehört einer Minderheit an, oder eigentlich zweien. Er wurde in Rumänien als Nachfahre der im 18. Jahrhundert aus dem Salzkammergut und Tirol eingewanderten „teitschen“ Bevölkerung geboren. Als seine Familie 1991 nach Deutschland zog, war er wieder Teil einer Minderheit, die nun schon immer zur Mehrheit gehört haben sollte: „Bekennen Sie sich zum Deutschtum?“ wurde bei der Einwanderung gefragt.

karpatenflecken stellt drei Frauen aus drei Generationen in den Mittelpunkt eines großen Geschichtspanoramas, das von einem kleinen Flecken Erde in den rumänischen Waldkarpaten seinen Ausgangspunkt nimmt. Die Großmutter Margarethe, ihre Tochter und ihre Enkelin werden über politische, geographische und sprachliche Grenzen hinweg durch die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts getrieben. Thomas Perle, der zu den nicht mehr sehr zahlreichen Menschen gehört, die das aus dem Altösterreichischen, Rumänischen, Ungarischen und Jiddischen amalgamierte Zipserisch sprechen, hat ein unsentimentales Stück geschrieben, das mit all diesen Sprachen vertraut ist. Wie Politik Sprachen formt und ihre Grenzen und Bedeutungen verschiebt, und wie viel Eigen-Sinn dennoch in den Sprachen aufgehoben ist, davon weiß karpatenflecken zu erzählen, und von einem kleinen Flecken auf der Landkarte, den man Europa nennen könnte.

 

Seit 2003 vergibt das DRAMA FORUM Graz alle zwei Jahre den Retzhofer Dramapreis, der inzwischen zu den renommiertesten Nachwuchspreisen für zeitgenössische Dramatik im deutschsprachigen Raum zählt. Seit 2015 wird der mit 5.000 Euro dotierte Preis mit einer Uraufführung des ausgewählten Textes in einer Spielstätte des Burgtheaters verknüpft. karpatenflecken ist das Sieger*innenstück 2019.
Zu den Sieger*innen der letzten Jahre gehören u. a. Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz, Özlem Özgül Dündar und Miroslava Svolikova. Die Nominierten 2019 arbeiteten ein Jahr lang an ihren Texten – unter kontinuierlicher Begleitung und Beratung von Expert*innen für Drama und Film. Aus den fertigen Stücken wird durch eine fünfköpfige internationale Jury das Gewinnerstück gewählt.

„Der Retzhofer Dramapreis ist seit seiner Gründung vor mehr als 15 Jahren zu einem der wichtigsten Preise für Dramatiker*innen am Beginn ihrer Laufbahn geworden. Das
liegt nicht nur daran, dass er mit einer Uraufführung verbunden ist. Was den Preis so wichtig macht, ist die kontinuierliche Vernetzung mit anderen Autor*innen und die Zusammenarbeit mit Regie, Spiel und Dramaturgie. Die*der Autor*in wird ein Netzwerk an Verbündeten zur Seite gestellt, deren konstruktive Kritik essentiell ist für die Weiterentwicklung des eigenen Schreibens. In diesem Sinne gratuliere ich der*m diesjährigen Gewinner*in herzlich und freue mich auf den Austausch!“
– Gerhild Steinbuch, Preisträgerin 2003

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