Wunden im Berg

In ADERN erzählt Lisa Wentz von einem Leben, das dominiert von den allgegenwärtigen und übermächtigen Tiroler Bergen fernab der Welt stattzufinden scheint, und sich doch mitten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts abspielt. Der Text, mit dem die Autorin den Retzhofer Dramapreis 2021 gewann, wird am 13. März im Akademietheater in der Regie von David Bösch uraufgeführt. In der Jurybegründung heißt es:

„Eine junge Frau zieht mit ihrer kleinen Tochter in den 1950er-Jahren in ein Tiroler Bergdorf und heiratet dort den verwitweten Vater dreier Kinder. Diese scheinbar zweckmäßige, über eine Annonce herbeigeführte Verbindung im Stück ADERN birgt, wie sich allmählich herausstellt, eine besonders starke Liebe, von der die Autorin in knappen und umso wirkungsvolleren Dialogen erzählt. Geradezu lakonisch verstreichen die von den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges geprägten Alltagsmomente dieser frühen Patchworkfamilie, in der jeder mit seinen eigenen Geistern zu kämpfen hat. Rudolf fühlt sich für einen Unfall im Bergwerk verantwortlich, Aloisia musste den Vater ihres Kindes, einen französischen Besatzungssoldaten, ziehen lassen. Mit wenigen Worten entwirft die Autorin tiefgründige Figuren, deren Konflikte ohne großes Drama und oft im Ungesagten augenscheinlich werden. Sie beherrscht eine Dramaturgie der Stille, ähnlich den Dramen Ödön von Horváths, sowie eine der Zeitsprünge, die sich scheinbar beiläufig etwa über Nachrichten aus dem Radio bemerkbar machen. Mit ADERN liegt ein überaus kunstvolles Volksstück vor. Es lässt in seiner dialogischen Könnerschaft so manches Werk der Postdramatik weit hinter sich.”

© Anna Haifisch

Da sitzt das Kinder-Ich auf einer grünen Schaukel und schaut zum Berg, unter dem es aufgewachsen. Da zeigen Erwachsene zu Steinen, die die Hänge runterrutschen. Aber meine Kinderaugen sehen eigentlich nur den Staub, der aufwirbelt in den Himmel und als bräunlicher Nebel in der Luft verharrt. 20 Jahre und 596 km Luftlinie (abgerundet) zwischen mich und diesen Berg gebracht, das Licht um mich hat sich verändert und die Menschen und die Sprache. Ein Raum wie ein Jugendhostel, ein Schreibtisch, weiß, ein Vorhang, beige, die Sonne am Aufgehen irgendwo hinter Berlin. Am Morgen (früh am Morgen!) sollen wir ja bekanntlich besser schreiben, weil man da noch pur ist und die Gedanken klar. Kein Rauch, kein Quietschen, kein Schweiß. Ich schreibe immer abends. Darf. Ich darf immer abends schreiben.

Die Wohnung meiner Urgroßmutter war im ersten Stock und hatte einen Geruch, den ich nie wieder gefunden habe. Ich weiß noch, wie sie saß auf der Küchenbank und wie der Kaffee schmeckte und die Farbe von ihrem Schurz. Nur ihr Gesicht, das entgleitet mir manchmal.

Da waren wir dann erstmal weg, von diesem Berg. Erinnerungen, echte diesmal: Dass die Butter am Toast meiner Godigeschmolzen ist, bevor ich sie essen konnte. Dass ich das erste Mal eine Füllfeder gehalten habe, die meiner Cousine, aber ich zu klein war zum Füllfeder-Halten. Dass beim Zurückkommen in das Haus der kleine Basketballkorb unter dem Holzkreuz schief hing.

Auch meine Figuren haben oft keine Gesichter. Vielleicht würde sie anzuschauen, mein Bild von ihnen zerstören. Seit über einem Jahr bin ich in dieser Stadt. Die meiste Zeit verbringe ich in einem Gebäude mit hellen Fluren, durch die Schritte hallen oder Klavieretüden. Hinter den Türen dieser Flure wird viel gesprochen, ich traue mich nie zu sagen, wie viel ich davon nicht verstehe. Manchmal gehe ich alleine nach draußen und denke an den Flieder neben der Schaukel.
 

Wie viele in den Tod getrieben wurden? Das wissen wir nicht. Wer sie waren? Das wissen wir auch nicht. Wer sie verschwiegen hat?

Den Begriff Messerschmitthalle hab ich erst spät gehört, nachdem mein Leben jahrelang um diesen Berg mäandert war, nachdem ich Tage, Wochen, Monate auf seine Stollen geschaut habe, diese Wunden im Fels. Den Begriff Messerschmitthalle hab ich zu spät gehört, noch später erst verstanden, wer weiß, ob ich ihn je begreifen werde. Silberberg nennen sie den Berg, in dem an der Me 262, einem Düsenjäger für die Nazis, gebaut wurde. Silberberg, den Berg, in dem Menschen unter brutalsten Bedingungen zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Wie viele in den Tod getrieben wurden? Das wissen wir nicht. Wer sie waren? Das wissen wir auch nicht. Wer sie verschwiegen hat?

Ein roter Salon, eine Lesung, Schnaps wird durch die Reihen gegeben und ich denke an den Morgen im Wohnheim und meine Urgroßmutter und an den Berg. „Denkt ihr Jungen denn immer noch an diese Zeit?”, höre ich. Und zum ersten Mal den Begriff: österreichisches Volksstück. Wir suchen uns aus, was wir schreiben, aber was wir da geschrieben haben, das sagen uns dann andere. Das ist vielleicht ganz gut so. Und dann war da natürlich das Gewissen. Der Berg, der bröckelt weiter. Immer wieder sehe ich den Staub über den Hängen schweben. Er bröckelt. Er bröckelt.

Meine Urgroßmutter hat acht Kinder großgezogen. Meine Urgroßmutter hatte eine dieser rauen Stimmen, die man nicht vergisst. Meine Urgroßmutter war mit einem Mann verheiratet, den ich nie kennengelernt habe, der aber Hände hatte groß wie Teller, so erzählten sie mir. Meine Urgroßmutter hat mir mal gesagt, ich hätte zu dicke Wadeln. Bei ihrer letzten großen Geburtstagsfeier bin ich früher gegangen. Das tut mir heute noch leid. Meine Urgroßmutter saß immer an der selben Stelle, wenn ich sie besucht habe. Das letzte Essen meiner Urgroßmutter waren Mohnnudeln, ich hab noch nie welche gegessen. Meine Urgroßmutter war der erste Mensch, den ich tot gesehen habe.

Wie viel darf ich mir erschreiben? Wie viel dazu erfinden? Immer wieder nachfragen, alles umschmeißen, nachfragen, nach-fragen, schließlich löschen, Korrektur. Das Wort Silberberg schmeckt metallisch auf meiner Zunge.

Lisa Wentz
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© Andi Hauser

Lisa Wentz

1995 in Tirol geboren, schloss im Jahr 2017 ihre Schauspielausbildung in Wien ab. 2018 zog sie nach Berlin, um Szenisches Schreiben an der UdK zu studieren. Es folgten unter anderem eine erste Werkstattaufführung im BAT Berlin sowie eine Premiere im März 2020 im Rahmen des ultra Festivals im Roten Salon der Volksbühne. Ihr Stück ASCHEWOLKEN wurde beim Nachwuchswettbewerb zum Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreis 2020 mit einem Sonderpreis ausgezeichnet und 2021 im Theater Strahl in Berlin uraufgeführt. 2021 wurde ihr Stück ADERN mit dem Retzhofer Dramapreis ausgezeichnet.

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