250 Jahre BURG – Theaterzettel als analoger Newsletter

Abb. 10 / Theaterzettel während der Sommerpause, 1972
© KHM-Museumsverband, Theatermuseum

DER ANFANG

Zum Ende der Spielzeit widmet sich die Post aus dem Theatermuseum einer sehr alten und noch analogen Form des Newsletters: dem Theaterzettel. Den gedruckten Theaterzettel gibt es seit über 500 Jahren. Wir erinnern uns. Lange vor den Zeiten des Internets und der E-Mail erfand Johannes Gutenberg 1450 den Druck mit beweglichen Lettern. Eine mediale Errungenschaft, die die Herstellung von Büchern aber auch von Einblattdrucken maßgeblich veränderte und durch die Möglichkeit höherer Auflagen die Verbreitung von Wissen und Information revolutionierte. 

Auch das Theater machte sich dies bald zunutze. Der älteste erhaltene gedruckte Theaterzettel datiert auf das Jahr 1520 und wird in der Universitätsbibliothek Rostock verwahrt. Aber es gab höchstwahrscheinlich viele Exemplare davor, die sich nicht erhalten haben; denn auf Vorstellungen hinzuweisen, war für jedes Theater und jede Schauspielgesellschaft schon immer essentiell.

Ein klassischer Theaterzettel besteht fast ausschließlich aus Schrift und einem Zierrahmen. Die wichtigste Aufgabe eines Theaterzettels ist es, die Aufführung zu bewerben und die Information zu geben, wo, wann, was gespielt wird und wer dafür verantwortlich ist. Theaterzettel gibt es in verschiedenen Formaten, die größeren wurden ausgehängt, die kleineren ans Publikum verteilt. Meist sind sie auf einen konkreten Aufführungstag bezogen. Auf dem Theaterzettel stehen üblicherweise von oben nach unten gelesen der Name des Theaters und/oder der Name der aufführenden Gesellschaft sowie gegebenenfalls zusätzlich der konkrete Ort der Aufführung; des Weiteren das genaue Datum, der Titel der aufzuführenden Stücke (meist mit Angaben zu den Autor:innen / Komponist:innen), die Rollen mit Besetzungsangaben, die Uhrzeit des Vorstellungsbeginns und manchmal auch des -endes, mitunter auch die Eintrittspreise und die Stellen, wo Eintrittskarten zu erwerben sind. Des Weiteren werden Gastspiele, Benefiz-Vorstellungen, Aufführungen im Rahmen von Festspielen oder Zyklen und Festvorstellungen zu besonderen Anlässen angezeigt. Es wird auch ausgewiesen, ob es sich bei der Aufführung um die Premiere handelt; dies kann auch eine Uraufführung oder eine Erstaufführung (an diesem Haus, in diesem Land, in dieser Übersetzung oder Bearbeitung) sein. Die Angaben zu Regie, Bühnenbild und Kostümbild kamen erst relativ spät dazu, als sich treibende Kräfte der Theaterreform um 1900 dafür einsetzten. An Theaterzetteln lässt sich daher auch die Herausbildung von Theaterberufen ablesen.

Theaterzettel des Burgtheater gibt es seit 250 Jahren, denn dieses Jahr feiern wir die Gründung des Burgtheaters im Jahr 1776. Der erste offizielle Theaterzettel ist jener vom 08. April 1776. Er macht kein großes Aufheben darum, dass er der erste seiner Art ist. Aber in der Bezeichnung „Nationaltheater nächst der Burg“ spiegelt sich deutlich die kulturpolitische Bestrebung, von nun an Theater als nationale Institution mit Bildungsanspruch zu etablieren (siehe 250 JAHRE BURG – WIE ALLES BEGANN). Am ersten offiziellen Spieltag des Burgtheaters wurde allerdings kein lehrreich-heroisches oder bedeutsam-mythologisches Stück gegeben, sondern zwei eher banale Lustspiele, DIE SCHWIEGERMUTTER und DIE INDIANISCHE WITWE. Der Theaterzettel informiert darüber, dass die Textbücher der beiden Stücke „beym Logenmeister gedruckt zu haben [sind], jedes für 17 Kreuzer“. Heute stehen beide kostenfrei als Digitalisat im Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek zur Verfügung.

Abb. 1 / Erster Theaterzettel des Burgtheaters, 1776
Abb. 1 / Erster Theaterzettel des Burgtheaters, 1776
© KHM-Museumsverband, Theatermuseum

NEBENTEXTE

Theaterzettel gehören zu den wenigen Dokumenten, die lange zurückliegende Aufführungen belegen. Auch für die Uraufführung von Mozarts COSÌ FAN TUTTE am Burgtheater ist dies so. Der Theaterzettel ist fast schon zu ausführlich, was den Stücktitel, seine Zusätze und dessen Übersetzung betrifft, denn es ist bedauerlicherweise kein Platz mehr für die Angaben zur Besetzung. Dafür wird Mozarts Stellung als Kapellmeister in kaiserlichen Diensten herausgestellt, wohlgemerkt aber nicht als offizieller Hof-Kapellmeister. Dieses Amt hatte Antonio Salieri inne. Dieser Theaterzettel deutet also nicht nur die Rivalität zwischen Mozart und Salieri an, sondern erzählt auch davon, dass das Burgtheater nicht von Anfang an eine reine Schauspielbühne war. Die Aufteilung der Sparten Sprechtheater und Musiktheater auf die beiden Hoftheater nächst der Burg und nächst dem Kärntnertor erfolgte erst 1810. 

Dieser Theaterzettel enthält zudem in den beiden untersten Zeilen einen interessanten Aufruf: „Es ist am verflossenen Sonntage in den k.k. Redoutensaälen eine goldene Frauenzimmerdose verlohren worden, wer selbe gefunden, wird höflichst gebeten, sie gegen gute Rekompens an die theatralische Kasse zu überbringen.“ Auch für solche Anzeigen waren die öffentlich ausgehängten Theaterzettel geeignet. In der Forschung spricht man hier vom Nebentext.

URAUFFÜHRUNGEN

Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Werke des Sprechtheaters am Burgtheater uraufgeführt. Da der Begriff der Uraufführung damals nicht geläufig war, wurden sie wie viele andere Erstaufführungen und Neuinszenierungen damals lediglich mit der Floskel „zum ersten Mal“ angekündigt. Als Beispiel soll hier der Theaterzettel der Uraufführung von Franz Grillparzers KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE herangezogen werden. Lediglich durch die Einbettung der Worte „Neues Trauerspiel“ in die oben querhängenden Schals des Zierrahmens erfährt man, dass es sich um ein verfasstes Stück handelt. Interessant ist der Vergleich mit dem Theaterzettel anlässlich der Wiedereröffnung des Burgtheaters 1955, für die das Stück 130 Jahre später neuinszeniert wurde. Der Theaterzettel verwendet dafür oberhalb des Stücktitels relativ klein die Worte „Neu einstudiert und in Szene gesetzt“.

ABÄNDERUNGEN

Man darf nicht außer Acht lassen, dass Theaterzettel Ankündigungen sind. Bei ihrer Auswertung sollte man sich also immer absichern, indem man weitere Quellen, wie etwa Zeitungsrezensionen oder offizielle statistische Rückblicke, hinzuzieht. Oder man stößt im Archiv neben dem ursprünglichen Theaterzettel auch auf jenen, der die Abänderung anzeigt. Theaterzettel wurden meist am Tag vor einer Aufführung gedruckt, um abends nach Vorstellungsende zur Mitnahme auszuliegen oder im größeren Format am Haus bereits auszuhängen. Kam nun etwas dazwischen wie beispielsweise die kurzfristige Erkrankung eines:r Darsteller:in, wurde am Aufführungstag ein neuer Zettel gedruckt – meist in einer auffälligen Farbe – um den veränderten Spielplan anzuzeigen.

Abb. 5 / Theaterzettel einer Abänderung, 1961
Abb. 5 / Theaterzettel einer Abänderung, 1961
© KHM-Museumsverband, Theatermuseum

KEINE VORSTELLUNG

Die täglich ausgehängten Theaterzettel informieren auch darüber, dass es mitunter keine Vorstellung gibt. Der Grund sind meistens Premierenvorbereitungen. Die Anzeige variiert hier zwischen „Geschlossen“ und „Keine Vorstellung“, meist mit Angaben zur Inszenierung, die vorbereitet wird. Ebenso gibt es Aushangzettel für die traditionell spielfreien Tage Karfreitag und Heiligabend. Und auch die Sommerpause wird so angekündigt, wobei sich der Theaterzettel hier ausnahmsweise nicht auf einen einzelnen Tag, sondern auf einen Zeitraum bezieht.

Rund um das Thema „Geschlossen“ gibt der Theaterzettel vom 18. Oktober 1946 einen interessanten Einblick in die Situation in Wien während des Wiederaufbaus nach 1945, als Stromstörungen nicht nur den Theaterbetrieb erschwerten. Bei diesem Aushangzettel ist des Weiteren zu beachten, dass die Vorstellungen des Burgtheaters von 1945 bis Oktober 1955 in der Ausweichspielstätte Ronacher stattfanden, was der Zettel allerdings nicht ausweist.

Abb. 11 / Theaterzettel mit Anzeige einer wegen Stromausfall abgesagten Vorstellung, 1946
Abb. 11 / Theaterzettel mit Anzeige einer wegen Stromausfall abgesagten Vorstellung, 1946
© KHM-Museumsverband, Theatermuseum

DIE PROGRAMMHEFTE

Im 20. Jahrhundert erhielt der Theaterzettel dann starke Konkurrenz durch das mehrseitige und damit inhaltlich ausführlichere Programmheft, das den Theaterzettel in Form eines eingelegten oder eingeklebten Blattes und später der speziell für die Angaben zu den Mitwirkenden vorgesehenen Seiten, quasi verschluckt hat. Nur dem großen Bruder des kleinen Handzettels, dem Anschlag- bzw. Aushangzettel, ist bis heute das Überleben als eigenständiger Einblattdruck gelungen. Ihm droht das Ende nun durch den vermehrten Einsatz von Screens in den Außenbereichen der Theatergebäude anstelle der alten Schaukästen.

Abb. 12 / Letzter tagesaktueller Theaterzettel des Burgtheaters, 2019
Abb. 12 / Letzter tagesaktueller Theaterzettel des Burgtheaters, 2019
© KHM-Museumsverband, Theatermuseum

DAS ENDE DER THEATERZETTEL

Das Burgtheater hat bereits mit der Spielzeit 2018/19 die Herstellung von tagesaktuellen Aushangzetteln eingestellt. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit wurden ab der Spielzeit 2019/20 für die jeweiligen Produktionen nur eine kleine Anzahl von für die gesamte Spielzeit gültigen Aushangzetteln hergestellt, die immer wieder verwendet wurden.

Aus beruflicher Sicht, als Kustodin des Programmarchivs des Theatermuseum, aber auch aus persönlicher Sicht, trauere ich dem tagesaktuellen Theaterzettel als physischem Objekt hinterher. Zum einen, weil ich befürchte, dass die digitalen Ankündigungen nicht so lange überleben werden, wie es die analogen Theaterzettel seit Jahrhunderten großenteils geschafft haben, und mir somit eine rückblickende Beforschung des heutigen Theatergeschehens gefährdet erscheint. Zum anderen, weil für mich dem physisch vorliegendem Objekt Theaterzettel trotz seiner Schlichtheit ein Zauber innewohnt. Allein die Vielzahl von Mappen, Schachteln oder Bänden zu einer Spielstätte macht deren Produktivität quantitativ schnell anschaulich. Und welche Geschichten ein einzelner Zettel bei genauerer Betrachtung erzählen kann, habe ich hoffentlich in diesem Text vermitteln können. Auch in einer Ausstellung oder einer Publikation repräsentiert für mich ein tatsächlich existierender Theaterzettel das Vergangene auf anschaulichere Weise.

Insgesamt ist von über 120.000 Theaterzettel des Burgtheaters auszugehen. Wenn man bedenkt, dass es bis in die 1940er Jahre die tagesaktuellen Theaterzettel parallel in zwei Größen gab, nämlich als Handzettel und als Aushangzettel, müssten es sogar über 150.000 sein. Erhalten haben sich erstaunlich viele, allerdings in verschiedenen Institutionen. 

Die größten Bestände besitzen wohl das Theatermuseum Wien und die Österreichische Nationalbibliothek. Mit Unterstützung dieser beiden Partner hat das Burgtheater 2024 seine öffentlich zugängliche Recherche-Datenbank realisiert (https://kulturerbe.burgtheater.at/). Dort kann man nun alle Aufführungen seit 1776 nachschlagen und das gesamte Repertoire statistisch auswerten. Bei fast jedem Datensatz zu einer Vorstellung ist auch eine Abbildung des entsprechenden Theaterzettels hinterlegt. Hier gibt es noch einiges zu entdecken.

Wer sich noch ausgiebiger mit Theaterzetteln im Allgemeinen beschäftigen möchte, dem seien die unten angeführten Quellen und Publikationen empfohlen.

Quellen und Literatur

Die Recherche-Datenbank des Burgtheater mit rund 120.000 gescannten Theaterzetteln des Burgtheaters und des Akademietheaters (https://www.burgtheater.at/kulturerbe-digital).

Das Programmarchiv des Theatermuseum mit seinen über 500.000 einzelnen Theaterzetteln und Programmheften, von den bisher ca. 3.600 auch online zur Verfügung stehen (https://collection.theatermuseum.at/objekte).

Die digitalisierten Theaterzettel in ANNO (Austrian Newspaper Online), dem virtuellen Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek (https://anno.onb.ac.at/).

Gertrud Cepl-Kaufmann: „Die Einblatt-Archivalie ‚Theaterzettel‘ als Erinnerungsträger und Medium kulturwissenschaftlicher Forschung. Zum Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf“, in: Bibliothek und Forschung. Die Bedeutung von Sammlungen für die Wissenschaft, hrsg. von Irmgard Siebert. Frankfurt a.M.: Klostermann 2011 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderband 102), S.45-73.

Ruth Eder: Theaterzettel. Dortmund: Harenberg 1980 (Die bibliophilen Taschenbücher 153).

Barbara Lesák: „Von der Ankündigung theatralischer Ereignisse. Unorthodoxe Überlegungen zum Thema ‚Theaterzettel‘“, in: Der Milde Knabe oder Die Natur eines Berufenen. Ein wissenschaftlicher Ausblick, Oskar Pausch zum Eintritt in den Ruhestand gewidmet, hrsg. von Georg Geldner. Wien/Köln/Weimer: Böhlau Verlag 1997 (Mimundus 9. Wissenschaftliche Reihe des Österreichischen TheaterMuseums), S.137-148.

Eike Pies: Einem hoch erfreuten Publikum wird heute präsentiert ein Kleine Chronik des Theaterzettels mit 21 Beispielen versetzt und vorgestellt von Eike Pies. Hamburg und Düsseldorf: Claassen Verlag 1973.

Matthias Pernerstorfer (Hg.): Theater – Zettel – Sammlungen. Erschließung, Digitalisierung, Forschung. Wien: Hollitzer Wissenschaftsverlag 2012 (Don Juan Archiv / Bibliographica 1).

Matthias Pernerstorfer (Hg.) zs. mit Marion Linhart: Theater – Zettel – Sammlungen 2. Erschließung, Digitalisierung, Forschung. Wien: Hollitzer Wissenschaftsverlag 2015 (Don Juan Archiv / Bibliographica 2).

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