DSCHABBER

Marcus Youssef

Das Studioensemble besteht aus jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die gemeinsam mit Ensemblemitgliedern des Burgtheaters jährlich eine Inszenierung erarbeiten. Am 19. März 2022 findet im Vestibül die österreichische Erstaufführung von DSCHABBER statt. Es thematisiert die mögliche Beziehung junger Menschen zueinander, angesichts ihrer unterschiedlichen kulturellen Identitäten.

Der Autor Marcus Youssef schreibt über die Hintergründe seines vielgespielten Jugendstücks.

Emilia Mihellyes, Kevin Koller, Lukas Coleselli, Jihen Djemai, Miriam Bahri, Johanna Singer
© Luiza Puiu

Ich bin das Kind eines ägyptischen Vaters und einer weißen amerikanischen Mutter. Als sie 1960 in Kalifornien heirateten, war ihre Ehe in mehr als der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten illegal. Ich bin in den 1970er und 80er Jahren in Kanada aufgewachsen – lange bevor jemand das Wort „mixed-race“ benutzt oder gar verstanden hat. 

DSCHABBER selbst wurde durch ein Projekt einiger meiner muslimischen Studentinnen hier in Kanada inspiriert. Sie spazierten mit traditionellen Kopf -und Gesichtsbedeckungen durch die Innenstadt von Vancouver und filmten dabei heimlich, wie andere Menschen darauf reagieren. Die Ergebnisse waren haarsträubend. Sie gingen an Leuten vorbei und sobald diese glaubten, die Frauen könnten sie nicht sehen, drehten sie sich um und starrten sie an. Sie runzelten die Stirn, schüttelten den Kopf oder verzogen das Gesicht. Es gab auch Leute, die nicht starrten. Man konnte ihnen jedoch ansehen, wie sie sich bewusst entschieden, nicht hinzusehen. Die Menschen sahen nicht eine Person, sondern nur ein Symbol.

Einige der Frauen trugen den Hidschab normalerweise nie, einige immer. Einige derjenigen, die ihn immer trugen, taten es aus religiösen Gründen. Für einige war es wiederum ein positiver Ausdruck ihrer sozialen und kulturellen Identität als muslimische Frauen. Für eine oder zwei der jungen Frauen war es auch ein politischer Akt, ein Ausdruck des Widerstands gegen die Geschichte des westlichen Kolonialismus. Bei allen Unterschieden waren all diese Frauen derselben Meinung: Die Entscheidung sollte jeder Frau selbst überlassen sein. 

Bei allen Unterschieden waren all diese Frauen derselben Meinung: Die Entscheidung sollte jeder Frau selbst überlassen sein. 

Das soll nicht heißen, dass manche Frauen nicht dazu gezwungen werden, sich zu verhüllen. Und es heißt auch nicht, dass die Auffassung, Frauen sollten ihren Körper verstecken, nicht unterdrückerisch und patriarchalisch sein kann. Wenig überraschend sind die jungen Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ebenso der festen Überzeugung, dass niemand gezwungen werden sollte, gegen den eigenen Willen den Körper zu verhüllen. Ihre Erfahrungen spiegeln jedoch die Ergebnisse einer Studie von Pew Research wider: Muslimische Frauen in Kanada werden eher von nicht muslimischen Menschen kritisiert, wenn sie den Hidschab tragen, als dass muslimische Frauen, die den Hidschab nicht tragen, von muslimischen Menschen kritisiert werden.

Es ist dieser Widerspruch, der die Erfahrung von Fatima, der jungen Protagonistin in DSCHABBER, prägt. Wie bei Teenagern aller Religionen und jeder Herkunft sind ihre Gefühle zu vielen Aspekten ihres Lebens kompliziert, nicht nur zur Religion und zum Hidschab. Sie muss sich gerade in einer neuen Schule zurechtfinden, wo sie die einzige sichtbar muslimische Schülerin ist. Dabei lernen sie und die anderen Figuren des Stücks, dass dieser Teil ihrer Identität nur einer von vielen Unterschieden ist, die sie – und wir alle – untereinander und mit den Institutionen, die unsere Interaktionen bestimmen, ausverhandeln müssen. Denn es ist niemals nur ein einziger Teil von uns, der unsere Identität definiert – ganz gleich, wie politisch ein Symbol dieser Identität geworden sein mag. Ich habe die Hoffnung, wir können im Kopf behalten, dass das, was wir über andere gesagt bekommen, die sich von uns unterscheiden, ebenfalls eine Art Schleier oder Verhüllung ist.

Marcus Youssef
© Kari Medig

Die Stücke des ägyptisch-kanadischen Autors Marcus Youssef wurden in mehreren Sprachen in zwanzig Ländern in Nordamerika, Europa und Asien aufgeführt.

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