100 Jahre Kärntner Volksabstimmung

Kirche von Heiligenblut in Kärnten

Am 10. Oktober 1920 wurde über den Verbleib der durch das damalige Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen besetzten Regionen bei Österreich abgestimmt. In einer sogenannten „Volksabstimmung“ entschieden sich 59 % der Stimmberechtigten, darunter zahlreiche slowenisch sprechende Kärntnerinnen und Kärntner, für den Verbleib bei Österreich. Ein Datum, des Gedenkens wert, aber eine Zeitspanne, die weniger Anlass zum Feiern als vielmehr zur Befragung der Situation sein muss. Im Burgtheater wollen wir mit Betroffenen und Wissenden, Kunst und Literatur Schaffenden, Ensemblemitgliedern und mit Kärntner Sloweninnen und Slowenen einen kritischen Diskurs führen und auch Texte in beiden Kärntner Landessprachen vorstellen. Dies ist insofern wichtig, weil gerade diese scheinbar regionalen historischen und gegenwärtigen Ereignisse wie ein Brennglas für alle großen und bekannten politischen Konflikte und Zustände in Europa wirken. Und weil sich das Burgtheater deutlich als Bühne deklariert hat, die sowohl die Europäische Idee propagiert und diskutiert, als auch ein Organ der Vielsprachigkeit sein will.

Während das Jubiläumsjahr begangen wird, beschließt der Völkermarkter Gemeinderat die Adaptierung des Denkmals von Hans Steinacher: ein deutschnationaler Abwehrkämpfer, der weniger für Kärnten als für das Deutschtum kämpfte. Geht der kritische Diskurs in den Feierlichkeiten der zur Schau getragenen Gemeinsamkeit unter? Sind mit dem Befund, für die Kärntner Sloweninnen und Slowenen sei „vieles besser geworden“, alle Gräuel und Erniedrigungen der letzten 100 Jahre vergessen? Massaker, Vertreibungen, Diskriminierung, nicht eingehaltene oder verschleppte Zusagen, Minderheitenpolitik als variabel einsetzbares Instrumentarium – vom Artikel 7 des Staatsvertrags bis zum Ortstafelstreit? Eine Bevölkerungsgruppe als politisches Unterpfand?

Wer wird sich für diese seelischen Grausamkeiten, die die Menschen über Jahrzehnte sprachlos gemacht haben, je entschuldigen?

Dafür aber Geschichtsklitterung. Nachträglich müssen diese Menschen noch für die Rechtfertigung der ein Jahrhundert lang ausgeübten Assimilation herhalten, die ihnen ihre Sprache abspenstig gemacht und genommen hat und viele verstummen ließ.

Wer wird sich für diese seelischen Grausamkeiten, die die Menschen über Jahrzehnte sprachlos gemacht haben, je entschuldigen?“

 

fragt der Verleger und Autor Lojze Wieser in dem gemeinsam mit Jani Oswald herausgegebenen Buch „Kärnten neu/Koroška na novo“, das Anfang Oktober im Drava Verlag erscheint. Und weiter:

Je länger ich darüber nachdenke, umso deutlicher formt sich der Gedanke, dass das alles kein Zufall, schon gar nicht ein Ausrutscher ist. Es ist die Kontinuität des – in zivilisatorische Kleider geschlüpften – Chauvinismus, der sich hier in der Pose des wohlwollenden Despoten gütig tut. Es ist die über die Jahrzehnte vorherrschende Arroganz, die den Menschen zuerst die Sprache, dann die Existenz und zuletzt die Würde nimmt. Diese Haltung der eigenen Überschätzung gegenüber anderen ist tief verwurzelt und setzt sich immer wieder von selbst und von vielen als Normalität akzeptiert durch und bildet auch die Basis für den Umgang mit Leid und Tränen andernorts. Aktuell zu beobachten im griechischen Mória und am Umgang mit der Not der zur Flucht gezwungenen Menschen allgemein. Hinzu kommt, dass Theoretiker des Deutschtums und der Assimilation, wie Martin Wutte, als wissenschaftliche Quelle herangezogen werden, die schon 1922 beweisen sollte, dass das Abstimmungsverhalten der slowenisch Sprechenden die Volksabstimmung demokratisch legitimiert und auf diese Weise eine ethnische Abstimmung über die Vorherrschaft nachträglich in eine Abstimmung zwischen Demokratie und Republik versus Reaktion und Monarchie umdeutete. Verschwiegen wird die Rolle der Ideologien des Deutschtums und der Vorreiter des Deutschnationalismus, verschwiegen die Tatsache, dass die gesamte damalige slowenische Intelligenz in den ersten 15 Jahren nach 1920 vertrieben und außer Landes gejagt wurde. Hier fügt sich dann auch gut die nachträgliche Rechtfertigung eines Ständestaates als Wiege des demokratiepolitischen Ausgleiches, in dem sich die 41 % der Unterlegenen, für Jugoslawien Stimmenden, den 59 % der Siegenden gefügt und diese angenommen hätten.

Vieles ist besser geworden. Doch der Konflikt um die Deutungshoheit der Vergangenheit ist ein leicht entzündliches Gemisch, mit dem sich nach Bedarf politisches Kleingeld machen lässt. Was ist zu tun, um Brandherde endgültig zu löschen? Wie kommen wir zu einem Identitätsbegriff, der sich über Offenheit definiert und nicht über Chauvinismus? Fragen, die über Regionen und Jubiläen hinausgehen, denn:  „Die Kärntner Zukunft ist mehr als die Zukunft von Kärnten.“ (Werner Wintersteiner)

MATINÉE, 4. Oktober, Burgtheater

WIE VIEL ZUKUNFT HAT UNSERE VERGANGENHEIT?
„100 Jahre Kärntner Volksabstimmung“ – das Burgtheater stellt in Frage

Mit einer Keynote von Martin Kušej.

Es diskutieren: 
Maja Haderlap – Schriftstellerin
Robert Knight – britischer Historiker, Autor
Petra Kohlenprath – Urbanistin und Gestalterin
Andrina Mračnikar – Regisseurin, Drehbuchautorin
Jani Oswald – Autor, Mitherausgeber „Kärnten neu denken / Koroška na novo“
Oliver Rathkolb – österreichischer Historiker, Autor
Peter Wieser – ehemaliger Leiter des Drava-Verlags 

Wolfgang Petritsch – österreichischer Diplomat und Politiker (Moderation)

Es lesen:
Elisabeth Orth und Michael Heltau
Saša Pavček und Igor Samobor (Slowenisches Nationaltheater Ljubljana)

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